Wirtschaft
23.02.2018

Warum Händler eigene Marken schaffen

Spar-Chef Gerhard Drexel macht schon 40 Prozent des Umsatzes mit eigenen Labels.

Dem KURIER erklärt Spar-Chef Gerhard Drexel, warum er sich gegenüber der Markenartikelindustrie im Vorteil sieht, weshalb Mercosur aus seiner Sicht eine Gefahr für die österreichischen Rinder-Bauern ist und warum ein 16 Hektar großes Glashaus kleinen Bauern kein Geschäft wegnimmt.KURIER: Spar investiert heuer mehr als 65 Millionen Euro in seine TANN-Fleischwerke. Wollen Sie noch mehr selbst produzieren bzw. unabhängiger von Lieferanten werden?

Gerhard Drexel: Unsere TANN-Betriebe gibt es seit 55 Jahren, wir verarbeiten 65.000 Tonnen Frischfleisch – Kalb, Schwein und Rind – im Jahr, das wie auch unsere Wurstspezialitäten zu 100 Prozent aus Österreich kommt. Das macht uns kein Händler nach. Bei den Investitionen geht es aber nicht um eine Mengenausweitung, sondern darum, zwei der sechs TANN-Standorte auf den neuesten Stand zu bringen.

Putenfleisch kommt oft aus dem Ausland, weil es in Österreich zu wenig gibt. Wegen der hohen Tierschutzstandards. Sind diese ein Segen oder ein Hohn, weil jetzt Billigfleisch aus Massentierhaltung importiert wird?

Wir verkaufen nur Putenfleisch aus Österreich. Unsere Tierschutzstandards sind europaweit die höchsten, das ist gut so. Dringend nötig wäre, wenn die EU gleich hohe Standards in allen Ländern vorschreibt. Leider geht es in die andere Richtung. Die Gefahr, dass Österreich mit Billigimporten geflutet wird, steigt.

Sie sprechen vom Freihandelsabkommen Mercosur, das die EU mit Ländern Südamerikas verhandelt?

Ja, Mercosur ist eine Gefahr für die österreichischen Rinder-Bauern. Es ist geplant, dass pro Jahr 100.000 Tonnen mehr Rindfleisch aus Südamerika importiert werden, die unter fragwürdigen Methoden hergestellt werden, wie z.B. Hormon- und Antibiotikafleisch. Deshalb kostet die Importware auch nur halb so viel wie die österreichische. Das würde für die österreichischen Rinderbauern zur existenziellen Bedrohung werden.

Sind Sie generell gegen Freihandelsabkommen?

Nein, aber die Lebensmittelsicherheit und die Gesundheit der Menschen dürfen nicht auf dem Altar des ungezügelten Freihandels geopfert werden. Nur weil sich die Autoindustrie bessere Geschäfte in Übersee erhofft.

Andererseits exportiert auch Österreich Lebensmittel – 2017 im Wert von 11,11 Milliarden Euro. Den Exporteuren helfen die Handelsabkommen ...

Ich denke, dieses Argument wird bei Kleinbetrieben überschätzt. Gerade kleine Manufakturen haben doch keine realistische Chance, in Märkte wie Brasilien zu exportieren. Sie brauchen hier bei uns Absatzkanäle. Wir arbeiten mit unserer Eigenmarke Spar Premium mit vielen Manufakturen zusammen, wie Sennereien aus Vorarlberg, die ohne uns in anderen Bundesländern nicht Fuß fassen hätten können.

Spar hat der Frutura eine Abnahmegarantie gegeben. Schon jetzt kommen 33 Prozent Ihrer Tomaten aus dem 16 Hektar großen Frutura-Glashaus in Bad Blumau. Das wird auch als ein Angriff auf kleine Anbieter gewertet ...

Das sind Fake News! Kein einziger österreichischer Hersteller hat deswegen einen Lieferauftrag verloren. Wenn sich hier jemand beschweren kann, dann die Produzenten aus Italien und Spanien, deren Ware wir im Winter bisher importiert haben.

Spar hat heuer erstmals mehr als 40 Prozent des Umsatzes mit seinen Eigenmarken gemacht. Sind Händler schon die besseren Markenartikler?

Wir haben gegenüber der Industrie einen systemimmanenten Vorteil: Wir sind näher am Kunden dran, sehen Trends schneller, können schneller reagieren. Ich glaube, wir sind auch unbürokratischer aufgestellt als viele Industriebetriebe. Bei Spar Natur pur haben wir in den letzten vier Jahren den Umsatz verdoppelt. 1995 haben wir mit zwölf Molkereiprodukten begonnen, jetzt sind es mehr als 900.

Händler werden so auch unabhängiger von der Industrie. In Deutschland hat Edeka nun 160 Artikel von Nestlé aus dem Regal genommen, weil der Streit um Einkaufspreise eskalierte. Wird auch hier mit härteren Bandagen gekämpft?

Nein, das ist ein deutsches Problem. Wir haben zu Nestlé eine intakte Beziehung. Dass der Preis im Handel eine wichtige Rolle spielt, ist ja nichts Neues. In Österreichs Lebensmitteleinzelhandel liegt der Aktionsanteil bei durchschnittlich rund 30 Prozent, auch bei uns.

Altbekannt ist auch der Lehrlingsmangel. Spar konnte im Vorjahr nur 2300 von 2700 offenen Lehrstellen besetzen. Woran hapert es?

Viele Bewerber bringen einfach nicht die nötige Qualifikation mit, sei es fachlich oder was die Sozialkompetenz angeht. Außerdem müssen wir am Image des Lehrberufes arbeiten. Es ist viel zu wenig bekannt, dass schon zehn Prozent unserer Auszubildenden eine Lehre mit Matura machen.

Ab Herbst geht der neue Lehrberuf E-Commerce-Kaufmann an den Start. Auch bei der Spar-Gruppe?

Den neuen Lehrberuf E-Commerce-Kaufmann wird es ab Juni 2018 geben. Wir sind mit einigen Lehrplätzen dabei. Den Lehrberuf Einzelhandelskaufmann mit Zusatzausbildung zum "digitalen Verkäufer" absolvieren bei uns schon zirka 100 Lehrlinge bei Hervis.