Wirtschaft
17.07.2018

Warum diesen Sommer so viele am Flughafen stranden

Unwetter, streikende Fluglotsen und viele hausgemachte Probleme bei den Fluglinien führen zu Turbulenzen

Wer diesen Sommer in den Urlaub fliegt, braucht gute Nerven. Die Beschwerden häufen sich wie selten zuvor. Andreas S. wartete beispielsweise zwei Stunden auf seinen Billigflug von Berlin nach Wien. „Schuld war eine defekte Batterie und ein fehlendes Fahrzeug beim Zurückfahren“, erzählt er.

Karl O. verpasste das WM-Finale, weil er drei Stunden auf seinen Rückflug von Tirana wartete, da erst ein Ersatzflieger von Frankfurt kommen musste. Wo der Originalflieger stecken geblieben ist, hat sich nicht bis zu ihm durchgesprochen. Keine Seltenheit – immer wieder ärgern sich Passagiere, dass sie ohne Informationen am Flughafen stehen.

Glück im Unglück hatte dagegen eine fünfköpfige Familie aus Linz, die ein verlängertes Wochenende in Kopenhagen verbringen wollte. Das Wochenende fiel kürzer aus als geplant, weil der Flug LinzWien gecancelt wurde und die Familie so erst einen Tag später nach Kopenhagen abheben konnte. Claudia P. hat sich bei der AUA beschwert und eine Entschädigung von 250 Euro pro Person gefordert – und bekommen.

Schuld sind die anderen

Die Airlines streiten erst gar nicht ab, dass sie ein heilloses Durcheinander im Flugplan haben. Die Schuld schieben sie aber gern weit von sich. Da wären allen voran die Unwetter, die sich häufen. Früher hätten sie erst im Hochsommer für nennenswerte Probleme am Flughimmel gesorgt, heuer schon früher. Neuerdings auch nicht erst gegen Abend, sondern schon am frühen Nachmittag. Gewitter müssen umflogen werden, das kostet Zeit. Hebt eine Maschine zu spät ab, kommt sie zu spät an. Es verschiebt sich auch der nächste Flug der Maschine, stöhnen die Airline-Manager über den Domino-Effekt.

Dazu kommen die Fluglotsen. In Frankreich sorgten sie mit Streiks für Schlagzeilen, in Deutschland mit einer offensichtlichen Personalnot. Aber auch die Gewerkschaft der deutschen Flugsicherung zeigt bei der Schuldfrage auf jemand anderen. Etwa auf den Billigflieger Ryanair. Deren Chef hat bei der EU Druck für niedrigere Flugsicherungsgebühren gemacht und diese hätten eben ihren Preis. Die deutsche Flugsicherung musste beim Personal sparen, Investitionen in die Technik wurden aufgeschoben. Die Rechnung bekommen Passagiere in Form von Flugverspätungen präsentiert. Piloten warten fünf, zehn, 15 Minuten auf eine Zuordnung, wieder nimmt eine Verspätungswelle ihren Lauf, sieht auch AUA-Sprecher Peter Thier Probleme im deutschen Luftraum: „Das ist, als würden Sie auf einer freien A1 auf eine Genehmigung zum Fahren warten.“

Die Flugsicherung AustroControl beteuert derweil, für keine Verspätungen am Flughimmel verantwortlich zu sein. Manchmal müssten Gewitter umflogen werden, aber das sei nun einmal höhere Gewalt. In Österreich gebe es auch keinen Personalengpass bei den Fluglotsen. Wenn die Crews oder Passagiere den Abflug verspäten, sei das Sache der Airline.

Experten sehen bei den Fluglinien überhaupt viele hausgemachte Probleme. Denn Airline-Manager kalkulieren knapp – sowohl bei Maschinen als auch bei Piloten und Bordpersonal. Und die aggressive Expansionspolitik einiger Billigflieger nach der Air-Berlin-Pleite rächt sich in Form von Verspätungen. „Es ist nicht nur in Wien so, dass es sehr ambitionierte Flugpläne gibt und dass Airlines sehr schnell gewachsen sind“, sagt Flughafen-Wien-Vorstand Julian Jäger. „Sobald ein Glied aus der Kette rausfliegt, bringt das den Flugplan zum Purzeln.“ Am Flughafen Wien kamen im Juni laut eigenen Angaben 73 Prozent der Flieger pünktlich an. Verspätungen seien vor allem rotationsbedingt entstanden, heißt es. Aber auch Unwetter in Deutschland und Streiks in Frankreich schlugen sich in der Bilanz nieder.

Entschädigungsklagen

Währenddessen forcieren Agenturen das Geschäft mit gestrandeten Passagieren. Sie bieten an, Entschädigungsansprüche einzuklagen und kassieren im Gegenzug eine Provision (ein Viertel der eingeklagten Summe). Der Entschädigungseintreiber AirHelp schätzt die Ansprüche österreichischer Passagiere auf 47 Mio. Euro. Gestrandete können sich aber auch an die staatliche Agentur für Passagier- und Fluggastrechte (afp) wenden, die Betroffenen kostenlos hilft.