Die Grüne Woche ist eine Nabelschau der Agrarwirtschaft - und für viele ein Grund zu feiern

© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Wirtschaft
01/27/2019

Warum diese Woche Kühe und Traktoren auf Berlin-Woche waren

Grüne Woche. Die Berliner schnuppern bei der größten Agrarmesse der Welt Landluft. Vor den Hallen wird demonstriert.

von Simone Hoepke

Elf Uhr Vormittag. Das Bier fließt, Schmankerln werden serviert, eine Band spielt, niemand applaudiert.

Klatschen ist auch nicht so einfach, wenn man Messer und Gabel in der Hand hält“, sagt der Moderator, der mit einem Gewinnspiel die Aufmerksamkeit auf sich zieht. 400.000 Besucher werden heuer zur Leistungsschau der Landwirtschaft erwartet, die bis einschließlich 27. Jänner in rund 25 Messehallen über die Bühne geht.

In Halle 23 steht der Zuchtbulle Condor. Sein Vater hat Capri geheißen, seine Söhne heißen Coban oder Cajubi. „Eine Linie, ein Anfangsbuchstabe“, erklärt Züchter Erwin Obermayer die Namensregelung für Bullen (Kühe im Hochleistungsstall haben nur Nummern).

 

Condor bringt nichts aus der Ruhe. Auch nicht das Kamerateam samt Belichter und Tontechniker, das sich in seine kleine Box drängt. Sie filmen, wie jemand CondorBayWa“ auf den Hintern rasiert. Obermayr schüttelt den Kopf. Eine „Verschandelung“ des Tiers sei das. Er hätte das nie erlaubt, aber er hat den 1400 Kilo schweren Bullen vor einem halben Jahr an einen Bauern verkauft. „Damals hatte er noch 70 bis 80 Kilo mehr, weil er noch nicht arbeiten musste.“ Sprich, für Nachwuchs in der Herde sorgen.

15 Euro fürs Sperma

Diesen Job übernehmen nicht nur Bullen, sondern auch Besamungsstationen wie die Bayern Genetik. „Wir haben mehr als 400 Zuchtbullen“, erklärt Finanzvorstand Martin Zirnbauer-Heymann. „Wird bei einem Bauern eine Kuh brünstig, läutet bei uns das Telefon.“ Und schon machen sich seine Mitarbeiter auf zum Hof, um für Nachwuchs zu sorgen. „Sechs bis 15 Euro kostet das Sperma, plus die Kosten für die Befruchtung“, erläutert Zirnbauer-Heymann. Kunden habe er rund um die Weltkugel.

Klingt nach Landwirtschaft 4.0 ist aber ein alter Hut. Samenbanken gibt es seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – ursprünglich, um Seuchen auszuradieren, referiert der Manager. Am Nachbarstand läuft derweil in Endlosschleife ein Video von einem Schweinebauern. Er erzählt, dass alle seine Tiere einen Namen haben. „Die weiblichen heißen Emma. Die männlichen Hans.“

Pflüge größer als Kleingärten

In Halle 3.2 fällt die Männerdichte auf. Hier stehen auf Hochglanz polierte Landmaschinen, Traktoren mit mannshohen Reifen, Pflüge so groß wie Schrebergärten, Mähdrescher mit sechs Metern Schnittbreite. „Die mit 13 Metern Breite hätten wir ihn nicht durch die Hallentür bekommen“, sagt ein Vertreter. „So eine Maschine rechnet sich auch für kleinere Landwirtschaften“, behauptet er und meint Höfe mit einer Größe von bis zu 250 Hektar. Zur Orientierung: Ein österreichischer Bauer bewirtschaftet durchschnittlich 20 Hektar.

 

Kevin Dahlke präsentiert auf der Grünen Woche eine Neuheit, die erst im September auf den Markt kommt. Einen „Cow Body Scan“, also eine Vermessung der Kuh via Infrarotkamera. „Sie misst die Höhe des Tieres, ob sich ihr Gangbild verändert, ob sie zu fett oder zu abgemagert ist.“ Ab Betriebsgrößen von 500 und mehr Tieren sei so ein Herdenmanagement sinnvoll, weil sich der Bauer ja unmöglich selbst um die Tiere kümmern kann. Dahlke: „Wir haben schon Anfragen aus den USA, Russland und Kanada.“

Auch wie der moderne Melkroboter ausschaut, kann sich der interessierte Städter – der bei der Grünen Woche gerne seine Krachlederne ausführt – erklären lassen. Die Tiere werden per Chip erkannt, die Zitzen per Laser vermessen, ein Abfall der Milchleistung sofort registriert. Es gibt automatische Kuhstallreiniger, die über den Spaltenböden fegen, während der Bauer die Leistung seiner Tiere am Tablet checkt. So einfach schaut das Bauernleben in Imagevideos aus.

Roboter als Stallbursche

Wie der Bauernhof der Zukunft ausschauen soll, diskutieren die Agrarier des Kontinents hinter verschlossenen Türen. Bei der Agrarministerkonferenz am Rande der Messe betont Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, dass Digitalisierung eine Chance sei. Roboter in den Ställen, präzises Düngen und genauere Wetterprognosen könnten den Ertrag steigern, so die Hoffnung. Vorausgesetzt, dass das schnelle Internet in jeden Kuhstall einzieht.

 

Vor den Messehallen halten derweil Demonstranten in Bienen- und Schweinchenkostümen Transparente in die Höhe. „Wir haben die Agrarindustrie satt“, lautet das Motto der Tierschützer. 170 Traktoren waren bei einer Sternfahrt zum Brandenburger Tor dabei.

Die Einladung zur Grünen Woche in Berlin, an der sich 1750 Aussteller aus 61 Ländern beteiligen, erfolgte durch das BMNT, die AMA Marketing, den Österreichischen Bauernbund und die LK Österreich.

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