Wirtschaft
03.08.2018

Warum der Roboter kein Jobkiller ist

Studie: Neue Technologien führen nicht zu weniger Beschäftigung, erhöhen aber die Ungleichheit.

Ist der Mensch als Arbeitskraft bald überflüssig? Horrorszenarien, wonach Automatisierung und Digitalisierung in den nächsten zwei Jahrzehnten fast jeden zweiten Arbeitsplatz wegrationalisieren, kosten dem deutschen Ökonomen Jens Südekum ein müdes Lächeln. Für die Behauptung einer Massenarbeitslosigkeit gebe es schlicht keinerlei empirische Evidenz, argumentiert der Professor für Volkswirtschaftslehre am Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität. In seiner aktuellen Studie „Digitalisierung und Zukunft der Arbeit“, die er für das Wirtschaftspolitische Zentrum (WPZ) verfasste, kommt er zu einer eindeutigen Diagnose: „Der Gesellschaft wird die Arbeit nicht ausgehen; Menschen werden in der Produktion nicht überflüssig.“

Ein Blick zurück zeigt: Vergleichbare Prognosen über Roboter und Digitalisierung hat es auch früher schon gegeben, etwa bei Förderbändern, Dampfmaschinen oder Webstühlen. „Die Massenarbeitslosigkeit ist aber immer ausgeblieben, stattdessen haben wir einen wahnsinnigen Anstieg des Wohlstandsniveaus gehabt“, erläutert Südekum im Gespräch mit dem KURIER. Ob Tätigkeiten von Menschen oder Maschinen ausgeübt werden, sei keine technologische, sondern eine ökonomische Entscheidung, ist er überzeugt. Nicht jeder Beruf, der prinzipiell automatisierbar sei, werde auch tatsächlich automatisiert.

Selbst in jenen Berufen, die als besonders bedroht gelten, etwa Fertigungs- und Logistikjobs, aber auch unternehmensnahe Dienstleistungen, habe es bis dato keinen Beschäftigungsrückgang gegeben. Südekum führt dazu zwei Beispiele an.

Erstens der Koch, dessen Arbeit laut diverser Studien bis zu 96 Prozent automatisierbar ist. Immer intelligentere Maschinen und Roboter – neuerdings sogar Pizza-Automaten – müssten also zu sinkender Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft führen. In Österreich und anderswo steigt jedoch die Nachfrage nach Köchen seit Jahren, in Tourismusgebieten herrscht sogar akuter Köchemangel.

Freund Roboter

Zweites Beispiel Industrie: Die hoch automatisierte deutsche Industrie verfügt über rund vier mal so viele Industrieroboter wie etwa die USA, die Zahlen haben sich in zehn Jahren vervierfacht. Trotz der enormen Rationalisierungen hat Deutschland mit 25 Prozent weiterhin einen ungewöhnlich hohen Beschäftigungsanteil der Industrie (USA: 9 Prozent). Auch in Österreich ist die Zahl der Industriearbeitsplätze stabil.

Fazit: Roboter haben in den vergangenen 20 Jahren zwar die Tätigkeiten im Betrieb und dadurch die Struktur der Beschäftigung verändert. Die Auswirkungen auf die Gesamtbeschäftigung blieben aber in diesem Zeitraum „eher milde“, wie es in der Studie heißt.

Ist der technologische Fortschritt für den Arbeitsmarkt also mehr Segen als Fluch? Nicht unbedingt, relativiert der Experte und verweist auf die wachsende Kluft zwischen reich und arm.

Löhne unter Druck

Technologischer Fortschritt verbessere nicht mehr automatisch die Lebenssituation von allen. „Das Problem der steigenden Roboterisierung zeigt sich nicht in Form höherer Arbeitslosigkeit, sondern in Form geringerer Löhne“, sagt Südekum. Die wachsende Ungleichheit – die unteren 50 Prozent der Gesellschaft hatten wesentlich schwächere oder gar keine Lohnzuwächse, die oberen zehn Prozent dafür umso stärkere – zeige sich seit den 1990er-Jahren. Ökonomen sehen den Aufstieg der Finanzwirtschaft und die Globalisierung als Verstärker des Trends.

Damit einhergehend haben sich seither auch die Arbeitsbedingungen für viele eher verschlechtert – Stichwort Flexibilisierung und Prekarisierung („Arm trotz Arbeit“). Der klassische 9-to-5-Job, Kennzeichen des geregelten Vollzeit-Arbeitsplatzes im Industriezeitalter, wird zum Auslaufmodell, unsichere, schlecht bezahlte Teil- oder Kurzzeitjobs nehmen zu. Mit Folgen für die soziale Absicherung (siehe Artikel unten) .

Sollen Roboter Steuern zahlen?

Viel diskutiertes Thema der Digitalisierung ist die soziale Absicherung. Diese belastet über die Sozialabgaben  nach wie vor überwiegend den Faktor Arbeit. Heute kann mit viel weniger Personal  viel mehr   erwirtschaftet werden als im Industriezeitalter. Die „Superstar-Firmen“ der Digitalisierung, also Eigentümer der Roboter und Algorithmen, kommen mit  nur wenig Personal aus, sorgen für zunehmende Machtkonzentration und entziehen sich durch globale Präsenz der nationalen Besteuerung.

Die Idee  einer  neuen Wertschöpfungsabgabe  („Robotersteuer“) wird daher ebenso ins Spiel gebracht wie die Sozialutopie eines bedingungslosen Grundeinkommens durch den Staat als Ausgleich für  die wachsende Ungleichheit.

Gewinnbeteiligung

Ökonom Südekum kann beiden Ideen wenig abgewinnen, bringt aber mit einer speziellen Form der „Mitarbeiterbeteiligung“ einen neuen Vorschlag in die Debatte ein. „Die Zugewinne durch Digitalisierung müssen breiter gestreut werden und nicht nur in den Händen weniger landen. Der Bedarf nach noch mehr Umverteilung durch den Sozialstaat würde dann nicht so stark sein“, argumentiert er.

So könnten die Arbeitseinkommen künftig mit Gewinnbeteiligung (Aktien) an den „Superstar-Firmen“ aufgefettet werden. Sprich: Google, Facebook & Co. müssten einen Teil ihres Gewinns breiter streuen –  also eine  Art „Google-Steuer“ über die Börse, ohne staatliche Umverteilung. Ob sie das freiwillig tun werden, bezweifelt selbst Südekum, „aber es lohnt sich, über das Instrumentarium nachzudenken“.  Schließlich haben persönliche Daten, die Nutzer  den Superstars zur Verfügung stellen, auch ihren  Preis.

Die persönliche  Prognose  Südekums zum Arbeitsmarkt fällt übrigens positiv aus: „Ich glaube es wird im Großen und Ganzen besser aussehen als heute. Für die Mobilen und gut Ausgebildeten wird es sicher unproblematisch.  Damit es auch für alle anderen besser wird, bedarf es  noch Reformen.“