Rothensteiner: "Ein Leiter einer Raiffeisenbank hat eine andere Funktion als ein Filial-Chef einer internationalen Großbank".

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Walter Rothensteiner
10/20/2014

Rothensteiner: "Wir haben keinen Grund zur Panik"

Der Generalanwalt des Raiffeisenverbandes im Interview über die Folgen des RBI-Verlusts.

von Irmgard Kischko

Walter Rothensteiner sitzt in der Schaltzentrale des Raiffeisenbanken-Sektors. Er leitet als Generaldirektor nicht nur die RZB mit ihrer Hauptbeteiligung Raiffeisen Bank International (RBI), sondern ist als Generalanwalt des Raiffeisenverbandes für alle Raiffeisenbanken zuständig. Mit dem KURIER sprach er über Sorgen der Raiffeisenbanken, Sparzwänge und Wachstumsprobleme Europas.

KURIER: Herr Rothensteiner. Die Raiffeisenbanken müssen heuer erstmals um die Dividenzahlung der RBI bangen. Kommen jetzt die sieben mageren Jahre?

Walter Rothensteiner: Der heurige Verlust ist mehrheitlich ein Einmal-Thema in Ungarn und der Ukraine. Das operative Geschäft der RBI läuft gut. Dass jetzt Jahre der Dividendenlosigkeit folgen, ist nicht realistisch. Von den Parametern, die daliegen, sehe ich keinen Grund, warum nicht im nächsten Jahr wieder ein positives Ergebnis erreicht werden sollte. Der heurige Verlust der RBI ist kein Grund zur Panik, er ist nur unangenehm.

Wie sehr leidet das Russland-Geschäft von Raiffeisen unter den EU-Sanktionen?

Russland bewältigt den Finanzbereich sehr gut. Auch in der Bank in Österreich spüren wir eigentlich kaum Auswirkungen der Sanktionen. Die neuen Eigenkapitalregeln behindern das Geschäft vielmehr.

Warum?

Wenn die Europäische Zentralbank jetzt 129 Banken gleichzeitig anschaut, wird sich Ende Oktober mit Veröffentlichung des Stresstest einiges tun. Wenn Raiffeisen den nicht schaffen würde, würde ich mich sehr wundern. Es wird aber in Europa einige Banken geben, die dann relativ bald Kapital brauchen. Der Markt für Eigenkapital wird europaweit schwierig.

Wie stellen sich die Raiffeisenbanken auf dieses Umfeld ein?

Wir fahren natürlich Rationalisierungs- und Ertragsverbesserungsprogramme. Der Sektor stellt zum Beispiel auf eine gemeinsame IT um. Das ist sensationell, weil wir seit Menschengedenken drei IT-Systeme haben. Das kostet am Anfang etwas, wird aber langfristig eine Menge Geld sparen. Und wir haben eine Abwicklungszentrale für Wien und Niederösterreich. Die könnte auch für andere Landesbanken etwas machen. Wir schauen uns alles an, was wir gemeinsam billiger machen können.

Raiffeisen hat mit den drei Stufen – RZB, Landesbanken, kleine Raiffeisenbanken – eine aufwendige Struktur. Warum gibt man nicht eine Stufe auf?

Ich bin knappe 40 Jahre bei Raiffeisen. Ich habe diese Struktur nie als teuer erlebt, sondern als Vorteil. Eine dreistufige Entscheidungshierarchie heißt ja nicht, dass dieselben Leute dasselbe drei Mal entscheiden. Die regionale Raiffeisenbank braucht nicht in Wien die Zentrale fragen, ob sie den Kredit geben darf. Sie kennt den Kunden vor der Tür besser als die Kollegen in Wien. Das ist der Vorteil der Dreistufigkeit.

Kosten senken könnte man auch mit Fusionen – etwa von Landesbanken. Steiermark und Oberösterreich sollen schon darüber reden ...

Nur weil die Generaldirektoren Brüder sind, fusionieren sie noch nicht. Das würde unserem Prinzip widersprechen. Die Landesbank hat eine Funktion in ihrem Bundesland. Der Generaldirektor einer Raiffeisenlandesbank in Graz hat eine andere Funktion für die lokale Bevölkerung als ein Zweigstellenleiter einer internationalen Großbank.

So etwas findet bei internationalen Investoren aber kein Verständnis ...

Raiffeisen ist ein bisserl mehr als nur Berechnung von Finanzzahlen. Fusionen gibt es, aber der Ablauf ist anders. Als ich angefangen habe, 1974, gab es 1374 selbstständige Raiffeisenbanken, jetzt gibt es 490. Die haben aber alle vor Ort, demokratisch in Versammlungen, beschlossen zu fusionieren.

Kann sich Raiffeisen auf Dauer die vielen Filialen leisten?

Auch da entscheidet jede der 490 Raiffeisenbanken selber. Da gibt es interessante Ansätze wie zum Beispiel in Bruck an der Mur. Die haben fünf kleine Filialen zugesperrt und einen großen Autobus mit zwei Bankomaten gekauft, der an bestimmten Tagen in die jeweiligen Orte fährt. Der Trend ist eben so, dass der operative Filialbetrieb immer weniger wird und immer mehr Maschinen am Eingang stehen.

Online-Banking statt Filialen: Ist das auch bei Raiffeisen die Zukunft?

Raiffeisen ist mittlerweile der größte Online-Anbieter in Österreich. Wenn ich 1,5 Millionen Online-Kunden habe, die vor 20 Jahren noch in die Filiale gegangen wären, muss man darauf reagieren.

Zur europäischen Konjunktur: Die EZB will mit Tiefst-Zinsen die Wirtschaft in Gang bringen. Die Banken vergeben aber nur wenig Kredite. Warum?

Das Thema aus Bankensicht ist eine einfache Gleichung: Wenn ich heute eine Milliarde Euro Kredit nicht vergebe, erspare ich mir rund 100 Millionen Euro Kernkapital. Und umgekehrt, wenn die Kreditnachfrage anspränge, müssten die Banken viel mehr Kernkapital aufbringen. Das wird irgendwann zu einem Problem führen. Mittelständische österreichische Kunden können nicht auf den Kapitalmarkt gehen, die brauchen den Kredit.

Sollte die EZB andere Maßnahmen als Tiefstzinsen setzen?

Das weiß nicht einmal der Gouverneursrat. Das Problem ist: Wenn jemand sagt, ich gebe Ihnen einen Kredit um ein Prozent, Sie haben aber nichts vor, was Sie kaufen wollen, nutzt das auch nichts. Die EZB tut alles, was sie tun kann. Der Rest muss von woanders kommen, etwa von neuer Zuversicht der Unternehmen.

Woher soll diese kommen?

Dafür kann man jedenfalls die EZB nicht verantwortlich machen. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir nur noch Wünsche, aber keine Bedürfnisse haben. Wenn ich mir zwei Jahre keinen Anzug kaufe, wird das niemandem auffallen. Wenn aber jemand kaum etwas zum Anziehen hat, dann kauft er sich etwas. Das ist in Wahrheit auch der Vorteil in Osteuropa. Dazu kommt: Wie ich aufgewachsen bin, war das Verständnis: Ich will es jedes Jahr besser haben. Die Jugend sieht das nicht mehr so. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Konsumkonjunktur nicht anspringt. Der Werbeslogan "Ich bin raus" ist symptomatisch dafür. Diese Mentalität wirkt sich aus.

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