Walter Boltz: "Wir vernichten Strom"

Windenergie in Niedersachsen
Foto: APA/dpa Der Ausbau der Offshore-Windanlagen kam im ersten Halbjahr 2015 wieder kräftig in Schwung.

Große Teile des Ökostrom-Überschusses verpuffen ungenutzt in Form von Wärme.

Die Ökostrom-Erzeugung boomt: In Österreich, vor allem aber in Deutschland, wächst der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen – also Wind, Sonne, Biomasse – rasant. Das entlastet die Importrechnung für Öl und Gas und schützt das Klima. Das ungebremste Wachstum der geförderten grünen Energie hat aber auch eine Kehrseite.

"Wir haben immer mehr Stunden mit Stromüberschüssen in Mitteleuropa. Das macht Probleme", sagt E-Control-Vorstand Walter Boltz im Gespräch mit dem KURIER. Zum einen sind die Leitungen in Deutschland für diese Menge nicht ausgelegt. Die elektrische Energie wird daher in Netze des benachbarten Auslands – etwa Polen und Tschechien – gedrückt und schafft dort Probleme und Kosten.Zum anderen kollabieren fallweise die Großhandels-Strompreise und werden mitunter sogar negativ. Das heißt, der Produzent müsste dem Abnehmer sogar noch etwas draufzahlen. "Dieser Strom muss dann tatsächlich vernichtet werden. Er verpufft meist in Form von Wärme", sagt Boltz. 2588 Gigawattstunden, das entspricht mehr als vier Prozent des österreichischen Jahresverbrauchs, gingen im Vorjahr "in die Luft". Vereinzelt gibt es Projekte, die zumindest versuchen, Geld aus dem Stromüberschuss zum machen: "power to heat" zum Beispiel. Dabei wird Strom statt Gas zur Erzeugung von Wärme verwendet.

Mehr Markt

Die EU will die Stromüberschüsse durch einen anderen Weg in den Griff bekommen: Sie will statt fixer, hoher Förderungen den Ökostrom zumindest teilweise den Marktmechanismen überlassen. "Derzeit produzieren Windräder Strom auch dann, wenn er gerade nicht gebraucht wird. Denn jede erzeugte Kilowattstunde wird zum fixen Preis abgenommen", erklärt Boltz.

Besser wäre ein System, bei dem die Einspeisetarife in Überschuss-Zeiten kräftig sinken. Dann würden wohl auch Windanlagen abgeschaltet werden.

Die EU hat jedenfalls Mitte Juli zu einer Art "Ideen-Wettbewerb" (Konsultationspapier genannt) aufgerufen, der bis 8. Oktober läuft. In den kommenden Wochen sammelt sie Vorschläge, wie der Ökostrommarkt neu gestaltet werden könnte. Diese sollen dann in eine neue Richtlinie münden.

Indes kommt auch der Ausbau der Windkraftanlagen im Meer (offshore) wieder in Schwung, der wegen fehlender Leitungen unterbrochen war. Im ersten Halbjahr 2015 wurden 584 Windräder mit einer Leistung von 2342 Megawatt vor den Küsten Europas aufgestellt und ans Netz angeschlossen – das ist drei Mal so viel wie im ersten Halbjahr 2014.

(kurier) Erstellt am
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