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Wirtschaft
12/05/2011

VIG-Chef: "Ehrenkodex für Transparenz"

Der Chef des größten heimischen Versicherungskonzerns fürchtet, dass die Korruptionsskandale dem Standort schaden.

von Andrea Hodoschek

Strengere Maßnahmen gegen Korruption und die Aufrüstung der Justiz fordert der General der Vienna Insurance Group. Die politischen Diskussionen über die Sonderklasse hält er für scheinheilig.

KURIER: Wie sehr ärgern Sie sich als Chef des zweitgrößten privaten Krankenversicherers über die politischen Diskussionen über die Zwei-Klassen-Medizin?
Günther Geyer:
Mich stört die Scheinheiligkeit in der Diskussion über die Sonderklasse. Wenn der Gesetzgeber nicht will, dass die privaten Krankenversicherungen direkt und indirekt einen Beitrag zur Krankenhausfinanzierung leisten, soll er das deutlich sagen. Pro Jahr ist das inklusive der Arzthonorare eine Milliarde Euro, das sind immerhin zehn Prozent der Gesundheitskosten.

Aber ein privat Versicherter wird doch rascher operiert.
Bei ernsten Komplikationen darf es nie einen Unterschied geben. Das muss klar sein. Aber wenn sich jemand eine schönere Zahnkrone leistet, habe ich auch noch nie die Forderung nach einem Ranking gehört. Es sind die Sonderklasse-Patienten, die den Spitalsärzten eine marktgerechte Honorierung ermöglichen und damit zur hohen Qualität der ärztlichen Versorgung in den Spitälern beitragen. Wenn Sie einem tüchtigen Arzt nur das Gehalt eines mittleren Beamten bezahlen, wird er sich bald verabschieden. Die Alternative ist, dass sich die privaten Krankenversicherer zusammenschließen und Privatspitäler bauen.

Die Politik schießt sich auch auf die private Altersvorsorge ein, die Rufe nach einer Kürzung der Förderung werden immer lauter.
Es geht nicht um das Ausmaß der Förderung. Wichtiger ist, dass die Politik ein klares Bekenntnis zur privaten Vorsorge abgibt - bei der Pflege und den Pensionen. Vor allem zur Pflege herrscht, unabhängig vom Einkommen, immer noch das Floriani-Prinzip vor: Es trifft mich eh nicht, und wenn, dann hat sich der Staat um mich zu kümmern.

Sie haben sich mit einer Kürzung bei der Zukunftsvorsorge schon abgefunden?
Ich bin Realist und verstehe, dass für die Reduzierung der Staatsverschuldung alles neu überdacht werden muss. Aber der Staat darf nicht suggerieren, dass er sich um alles kümmert. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Dank der Förderung wurden mehr als eine Million Zukunftsvorsorge-Verträge verkauft. Die Renditen sind derzeit mager, fürchten Sie, dass daraus ein Ladenhüter wird?

Die durchschnittliche Laufzeit geht über 25 Jahre. Da kann ich nicht die letzten drei Jahre betrachten und sagen, das Produkt ist ein Flop. Aber ich bin gerne bereit, mit einer Arbeitsgruppe und Regierungsvertretern eine Reform zu diskutieren.

Anderes Thema: Wie skeptisch sind Sie über die weitere Konjunktur-Entwicklung?
Ich befürchte, die wirtschaftliche Unsicherheit wird noch mindestens zehn Jahre dauern - bis Europa und die USA ihre Staatshaushalte so weit im Griff haben, dass wir wieder von einer stabilen Situation reden können. Österreich steht zwar ganz gut da, aber jeder weiß, dass wir noch einiges tun müssen.

Sind Sie über die aktuellen Skandale - BUWOG, Telekom, Eurofighter - geschockt oder überrascht Sie dieses Ausmaß an Korruption nicht mehr?
Ich dachte, so etwas mag vielleicht in anderen Ländern vorkommen, aber das, was jetzt aufpoppt, hätte ich nicht erwartet. Der Gesetzgeber muss die Möglichkeit, dass sich solche Malversationen wiederholen, drastisch reduzieren. Betrug kann man nie ausschließen, aber man kann ihn erschweren. Wir brauchen strengere Kriterien, die auch das Anfüttern erschweren. Die Signale der Regierung gehen in die richtige Richtung.

Der VIG-Konzern ist in 25 Ländern präsent, Sie sind ständig international unterwegs. Wie sehr schaden die Skandale dem Wirtschaftsstandort Österreich?

Wenn nicht rasch Maßnahmen gesetzt werden, hat das sicher negative Auswirkungen. Sinnvoll wäre ein Ehrenkodex für die Wirtschaft und für Politiker, der die Transparenz in den Vordergrund stellt. In Einzelfällen kann auch die Verschärfung der Strafgesetze sinnvoll sein, doch die Justiz muss grundsätzlich besser ausgerüstet werden.

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