Wirtschaft
06.05.2017

Verschwiegener Clan zwischen Masse und Öko-Welle

C&A gehört zu 100 Prozent den Brenninkmeijers. Sie setzen auf volle Familien-Power und neuerdings auch auf ein kompostierbares Öko-T-Shirt.

Die Handelskette C&A ist in sechster Generation in Familienhand. Mit dem Modehaus hat die deutsch-niederländische Familie Brenninkmeijer ein Imperium aufgebaut, zu dem rund 1600 Modegeschäfte in 22 Ländern gehören, Hunderte Immobilien in besten Innenstadtlagen sowie ein weitverzweigtes Netzwerk an Firmenbeteilungen.

Der Familien-Clan, zu dem schon weit mehr als 1000 Mitglieder zählen, taucht verlässlich in diversen Reichenlisten auf, bleibt aber geheimnisvoll. Den streng katholischen Brenninkmeijers war ihre Privatsphäre immer wichtig, vom Society-Parkett halten sie sich traditionell fern – außer ein Familienmitglied heiratet ins niederländische Königshaus ein, so wie Albert Brenninkmeijer.

Einmal im Jahr treffen einander rund 100 Clan-Mitglieder, die im Betrieb aktiv sind, zu einer 2-tägigen Familienkonferenz. Zu dieser sind auch Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion oder von NGOs als Impulsgeber eingeladen, verrät Donald Brenninkmeijer in einem seiner seltenen Interviews dem KURIER.

KURIER: Wie oft waren Sie schon bei den Familienkonferenzen?

Donald Brenninkmeijer: Jedes Jahr seit meinem 18. Geburtstag. Es kommen alle Generationen zusammen, jeder der im Unternehmen gearbeitet hat, arbeitet oder arbeiten wird.

Sie sind seit 2015 im Europa-Vorstand, wie lange sind Sie schon im Konzern?

Seit zwanzig Jahren. Ich habe mit 18 Jahren in einer Filiale in Köln begonnen, habe dort alles bis zum Wechseln der Glühbirne gemacht. Wir fangen ganz unten in der Hierarchie an, müssen uns beweisen. Der Name Brenninkmeijer allein bringt keine Managementfunktion.

Dennoch sind 68 Familienmitglieder in der Firma tätig?

Die genaue Zahl weiß ich jetzt nicht, aber die Größenordnung stimmt schon. Es sind sicher mehr als zwanzig allein im Ausbildungsprogramm.

Das angeblich ganze zehn Jahre dauert ...

Ungefähr, aber ganz so starr ist das System auch wieder nicht.

Welche Stationen haben Sie durchgemacht?

Ich habe nach dem Jahr in Köln in St. Gallen studiert, dann im Einkauf in Belgien begonnen, war für C&A vier Jahre in Brasilien, vier in China, drei in Mexiko. Seit 2013 lebe ich in Deutschland.

Ist das ein typischer Werdegang für ein Mitglied Ihrer Großfamilie?

Es gibt wenige, die in so vielen Ländern gelebt haben wie ich. Aber Mobilität ist in unserer Familie schon wichtig, um den Blickwinkel zu erweitern.

Gibt es noch große Unterschiede zwischen den Textilmärkten in den einzelnen Ländern?

Zumindest in Europa ähneln sich die Einkaufsstraßen immer mehr. Die großen Änderungen bringt die Digitalisierung, also die neuen Onlinehändler mit ihren Eigenmarken, aber auch die Plattformen, auf denen sich die Marken präsentieren. Der stationäre Handel wird sicher nicht mehr groß wachsen. Langfristige Partnerschaften mit Produzenten werden immer wichtiger, um schneller auf Trends reagieren zu können.

Sie lassen jetzt T-Shirts fertigen, die man im Kompost entsorgen kann. Braucht man nachhaltig produzierte Mode zur Imagepflege?Die Menschen wollen in der Kleidung nicht nur gut aussehen, sie wollen darin auch ein gutes Gefühl haben. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1000 Kunden, die wir gemacht haben. Es wird immer mehr nach den Produktionsbedingungen gefragt. Als Familienunternehmen müssen wir hier Verantwortung übernehmen. Und ja, wer langfristig Erfolg haben will, muss solche Initiativen setzen. Jedes Jahr kommen 100 Milliarden Kleidungsstücke auf den Markt. Die Menschen haben die Wahl.

Das Motto im Modehandel lautet auch: Mehr, schneller und das ganze noch billiger. Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrer Bio-Baumwolle und kompostierbaren T-Shirts?

Die Kombination von nachhaltiger Produktion und Geschwindigkeit ist doch kein Widerspruch. Sie brauchen ja nicht länger, um ein T-Shirt aus 100 Prozent Bio-Baumwolle zu nähen als eines aus Polyester.

Wie viele dieser Öko-Shirts lassen Sie produzieren? Homöopathische Mengen?

Wir starten mit 400.000 Stück für Europa, dazu 100.000 für Brasilien und Mexiko. Das sind keine kleinen Mengen.

Wie viel lassen Sie insgesamt produzieren?

Mehr als 500 Millionen Kleidungsstücke im Jahr. 40 Prozent unserer Baumwollprodukte sind aus Bio-Baumwolle hergestellt.

Gehören Sie zu jenen in der Modebranche, die glauben, dass die Textilproduktion teilweise zurück nach Europa kommen wird?

Ja, der steigende Grad der Automatisierung in der Produktion wird unweigerlich dazu führen.

Wird das Kleid bald aus dem 3-D-Drucker kommen?

Ich habe neulich gesehen, wie so ein Kleid gedruckt wurde, aber nicht gewartet, bis es fertig ist. Das hätte noch Tage gedauert ...

Also Zukunftsmusik?

Kommt drauf an. Ein Partner von uns macht die Muster für unsere Kleiderbügel schon jetzt mit dem 3-D-Drucker. Das ist übrigens in diesem Fall auch die günstigste Variante.

Das Modekarussell dreht sich immer schneller

Hundert Milliarden Kleidungsstücke drückte die Industrie allein im Jahr 2014 in den Weltmarkt – fast doppelt so viel als noch 15 Jahre zuvor. Früher einmal mussten sich die Konsumenten mit einer Sommer- und einer Winterkollektion zufrieden geben, heute kommt alle paar Wochen neuer Nachschub. Weltweit soll sich jeder Erdenbürger im Schnitt 14 neue Teile im Jahr kaufen – in unseren Breiten liegt die Quote bei 60 Teilen pro Kopf und Jahr.

Das Mode-Karussell nimmt an Fahrt auf. Branchengrößen wie die spanische Inditex-Gruppe (Zara, Bershka) kopieren binnen zwei Wochen, was auf den Laufstegen rund um den Globus als Must-have ausgerufen wird. Das Motto: noch schneller, noch billiger. Letzteres auch, weil in den Klamotten immer mehr Polyester steckt, das günstig und leicht zu verarbeiten ist.

Einziger Schönheitsfehler der Kunstfaser: Bis sie verrottet, vergehen ein paar Hundert Jahre. Keine schönen Aussichten, wenn man davon ausgeht, dass 70 Prozent der Klamotten eher früher als später am Müll landen. Nachnutzung, etwa als Dämmmaterial, ausgeschlossen.

Grünes Mascherl

Parallel zum „noch schneller, noch billiger“-Wettbewerb reißen sich die Textilhändler seit gut zehn Jahren verstärkt um das grüne Mäntelchen. Jeder will es sich umhängen. Schließlich bringt das Sympathiepunkte, in einem bereits mit Ware überschwemmten Markt. So werben Sportartikelhersteller neuerdings mit Sportschuhen aus recycelten PET-Flaschen, Diskonter mit Leggins aus Bio-Baumwolle. Dass es sich dabei um eher homöopathische Verkaufsmengen und großes PR-Getöse handelt, steht verlässlich auf einem anderen Blatt.

Für die Branche ganz neue Töne kommen jetzt aus dem Modehaus C&A. Der Händler bringt am 1. Juni Öko-T-Shirts auf den Markt, die damit beworben werden, dass sie schnell verrotten. Dabei handelt es sich um Leiberln aus 100 Prozent organischer Baumwolle, zu hundert Prozent frei von toxischen Farben und Polyester. Zudem unter Einsatz von erneuerbarer Energie hergestellt. Und das alles unter dem Stempel der unabhängigen Zertifizierungsstelle Cradle to Cradle.

Kling einfach, ist es aber nicht, sagt Jeffrey Hogue, Nachhaltigkeitsbeauftragter von C&A. Schon allein, weil bei vielen Fabriken weit und breit keine Spur von Wind- oder Solarkraft zu sehen ist.

Einer der in die nachhaltige Produktion investiert hat, ist der Inder Shreyaskar Chaudhary. Seine Firma Pratibha Syntex produziert rund 60 Millionen T-Shirts im Jahr unter hohen Sozial- und Umweltstandards. Leicht sei das nicht, der Preisdruck in der Branche ist schließlich groß. Shreyaskar: „Im Vorjahr sind die Löhne in Indien je nach Provinz um 37 bis 50 Prozent gestiegen, die Preise für Rohstoffe sind binnen zwei Jahren um 15 Prozent gestiegen, die Verkaufspreise im selben Zeitraum um zehn Prozent gesunken.“

Auch wenn die großen Einkaufsstraßen der Welt den Eindruck vermitteln, dass es überall die selben Marken gibt, ist die Branche noch zersplittert. Die Top-10 Händler der Welt sind für keine zehn Prozent der Produktionsmenge verantwortlich. Dazu kommt, dass die wenigsten ihre Ware selbst fertigen – sie haben ein Netzwerk von Zulieferern aufgebaut. Allein an C&A hängen rund 2500 Zulieferbetriebe.