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Umbruch
12/11/2015

Verrückter Energiemarkt

Erneuerbare Energie im Höhenflug, Strompreis im Tief, Ölpreis als Gefahr – und Chance zugleich.

von Irmgard Kischko

Europa setzt auf klimafreundliche Stromerzeugung aus Wind und Sonne, aber Polen lässt seine Kohlekraftwerke laufen. Nagelneue Gaskraftwerke stehen still. Der Marktpreis für Strom fällt und fällt, die Förderungen für Erneuerbare steigen und steigen. Stromleitungen glühen, neue werden aber nicht gebaut. Und jetzt rutscht auch noch der Ölpreis in die Tiefe. Durcheinander oder gewollter Umbruch?

Ökostrom

Die Richtung für die europäische Stromerzeugung ist klar: Der Anteil der Ökoenergie aus Wind, Sonne, Biomasse, Biogas soll stark erhöht werden. Die Nationalstaaten fördern diesen Ausbau in unterschiedlichem Ausmaß. In Deutschland zahlen die Stromkunden inzwischen 24 Milliarden Euro im Jahr für den Grünstrom, in Österreich sind das gut 600 Millionen Euro.

Strom an der Börse

Der massive Ausbau des Ökostroms mittels Förderung hat vor allem in Deutschland ein Überangebot an Strom geschaffen. Das drückt den Börse-Strompreis in die Tiefe. Die Megawattstunde Strom für die Lieferung Jänner 2016 an der Börse in Leipzig kostete am Donnerstag knapp weniger als 30 Euro. Kurz vor der Finanzkrise 2008 lag der Preis über 80 Euro.

Gas und Kohle

Gaskraftwerke, die ursprünglich aus Lückenfüller für jene Zeiten gedacht waren, in denen weder Sonne scheint noch Wind bläst, sind bei dem niedrigen Börsenstrompreis unrentabel. In Bayern steht das neu errichtet Gaskraftwerk Irsching still, in Österreich das Gaskraftwerk Mellach des Verbund. Statt der vergleichsweise umweltfreundlichen Gaskraftwerke laufen in Deutschland, aber auch in Polen Kohlekraftwerke auf Hochtouren. Deutsche Braunkohle – die "schmutzigste Energiequelle" – ist billig und gerade noch wettbewerbsfähig. Polen muss seine Steinkohlekraftwerke schon stützen.

Notfall-Strom

In zwei Fällen aber werden die still stehenden Gaskraftwerke hochgefahren: Wenn in Deutschland zu viel Wind bläst und wenn es windstill ist. Im ersten Fall drängt so viel Ökostrom über Deutschlands Nord-Süd-Leitungen in den Süden, dass sie ins Glühen kommen. Dann ist es Zeit für Österreichs Wärmekraftwerke: Sie werden zugeschaltet und versorgen den süddeutschen Raum mit, der sonst wegen der Überlastung der Leitungen zu wenig Strom hätte. Und auch wenn kein Wind bläst und auch keine Sonne scheint, braucht Süddeutschland Österreichs Wärmekraftwerke. Die EVN hat 2014/’15 daran gut verdient. 80-mal konnte sie laut Vorstand Peter Layr ihre Kraftwerke für den Notfalls-Ausgleich hochfahren. Diese Nöte nehmen zu. In den vergangenen beiden Monaten kamen die EVN-Kraftwerke schon so oft zum Einsatz wie im gesamten abgelaufenen Geschäftsjahr.

Stromleitungen

Wegen der Unsicherheiten am Strommarkt und der Widerstände der Bevölkerung gelingt es den Energiekonzernen kaum noch, große Stromleitungen zu errichten. Deutschland bräuchte eine verstärkte Nord-Süd-Verbindung. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will jedenfalls keine Trasse durch den Freistaat. Auch in Österreich verläuft der Leitungsbau zäh. Der Verbund versucht seit Jahren den "380-KV-Ring" in Salzburg zu schließen.

Energieversorger

Nur wenige haben die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt. Burgenlands Bewag war einer davon. Der Stromversorger hat auf Windenergie gesetzt und verdient prächtig damit. Auch die EVN, die 58 Prozent ihres Stroms erneuerbar erzeugt, macht gutes Geld. Schwieriger ist es für den Verbund, der vor allem nicht geförderte Großwasserkraftwerke betreibt. Am ärgsten aber leiden die deutschen Energiekonzerne E.ON und RWE unter der Energiewende. Zu lange dachten sie, der Ökostrom sei keine Gefahr für sie. Acht Milliarden Euro Verlust schrieb E.ON allein in den ersten drei Quartalen 2015.

CO2

Das Ziel der Energiewende, den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid zu reduzieren, ist bisher nicht gelungen. Wegen des massiven Einsatzes der Braunkohle in Deutschland nimmt die Emission von CO2 in dem Land sogar zu. Und Polen weigert sich ohnehin von Steinkohle abzuweichen. In Österreich, wo (inklusive Großwasserkraft) der Ökostromanteil fast 70 Prozent erreicht, sank zuletzt allerdings der Ausstoß von Treibhausgasen.

Öl

Der Preis für Öl sinkt seit April deutlich. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) setzte mit der Nicht-Entscheidung über Förderquoten vergangenen Freitag den Preis noch zusätzlich unter Druck. Kurzfristig sank er sogar unter 40 Dollar je Fass, zu Jahresbeginn kostet Öl der Marke Brent noch fast 65 Dollar. Die Verbilligung ist gut für die Autofahrer – der Preis für den Liter Diesel ist unter einen Euro gefallen – und für die Konjunktur. Denn die Energieimportrechnung Österreichs wird deutlich entlastet, was einem Konjunkturpaket gleichkommt.

Gefahr

Das billige Öl hat aber einen großen Nachteil: Es könnte Investitionen in E-Autos und andere Antriebe verschieben und die Nachfrage nach fossilen Treibstoffen erhöhen. Passiert das, wird der Ölpreis in einigen Jahren wieder hochschnellen.

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