Diethard Leopold bei einem „Nŏ-Theater“-Workshop

© Leopold

Gastbeitrag
11/25/2019

Verliebt in ein Land, wo man kein „Nein“ versteht

Das Land der lebenslang Übenden: „Japan-Österreicher“ Diethard Leopold wirft einen subjektiven Blick auf japanische Gewohnheiten.

Es war Anfang der Neunzigerjahre, als meine Frau, unsere zwei kleinen Kinder und ich für drei Jahre nach Japan zogen. Ich unterrichtete an der Tohoku-Universität in Sendai, 300 km nördlich von Tokio. Es war Kirschblütenzeit. Die Kollegen nahmen uns in die Parks mit, breiteten Decken aus, warfen die Gaskocher an, grillten Beef, tranken Bier und kühlen Sake, sangen, spielten mit den Kindern. Zum Rindfleisch gab es eine köstliche süßsaure Sauce, wir aßen mit Stäbchen.

Land der Hilfsbereiten

Auch wenn wir ohne die Kollegen unterwegs waren, luden uns japanische Familien immer wieder zu sich ein, unter den Blütenbäumen bei ihnen Platz zu nehmen, von ihrem Picknick zu kosten, mit ihnen zu trinken – eine warmherzige temporäre Gastfreundschaft. „Seht, wie gut es uns geht“, schienen sie sagen zu wollen, so sollt auch ihr leben! Japaner in der Freizeit sind dem Leben zugewandt, humorvoll, unprätentiös, großzügig.

Schon Jahre davor war ich zu zweit mit meiner Frau durch Shikoku getrampt, die kleinste der vier Hauptinseln. Niemals warteten wir länger als fünf Minuten. Selbst volle Autos mit Familie und Sack und Pack blieben stehen und boten an, uns mitzunehmen: Denn alle dachten, uns wäre was Schlimmes passiert …

Als wir einmal im Nieselregen bei einem Tempel ankamen, der auf unserer Karte als Übernachtungsmöglichkeit angegeben war, luden uns die Mönche ein zu bleiben. Am nächsten Morgen bedeuteten sie uns, es wäre vielleicht Zeit wieder aufzubrechen: Unsere Karte sei veraltet, das mit Übernachten machten sie schon lange nicht mehr …

Diethard Leopold ist Präsident der österreichisch-japanischen Gesellschaft. Er lebte und unterrichtete in Japan, reist auch heute noch regelmäßig dorthin. Der Germanist, Psychotherapeut, Kunst-Kurator und -Autor ist Sohn des Sammler-Ehepaars  Rudolf und Elisabeth Leopold. Außerdem unterrichtet er  traditionelles japanisches Bogenschießen in  Wien. Heuer wurde ihm der „Orden der aufgehenden Sonne“ vom japanischen Außenministerium für seine interkulturellen Verdienste verliehen.

 

Land der Gegensätze

Bei allem, was man über Japan behauptet, muss man auch das Gegenteil hinzufügen. Japan, das Land der Stille – und der plärrenden Lautsprecherautos, politisch oder kommerziell. Japan, das Land der Ästhetik – und der potemkinschen Geschäftsfassaden, der Elektrokabelknäueln, der Architektursünden. In den überfüllten Tokioter U-Bahnen sieht man frühmorgens vorwiegend dunkle Anzüge und weiße Hemden.

Doch nachmittags in Aoyama (Stadtteil von Tokio) spazieren zu gehen ist eine Lust für alle, die sich an der Vielfalt der von jungen Menschen getragenen Mode nicht sattsehen können. Dort dann gibt es auch wieder faszinierende Architektur, Sichtbeton-Ideen auf winzigen Baugründen, elegant und verspielt zugleich. Daneben ein altes, traditionelles Haus, wo man schon von außen ahnt, wie messie-haft angefüllt es drinnen ist …

Japan, das Land, wo man kein „Nein“ versteht, da es sich unter hundert Nettigkeiten versteckt. Aber auch das Land, wo man ganz direkt nach Krankheiten fragt, über OPs berichtet, als wäre der Körper nicht man selbst. Unverblümt fragten uns öfters Japaner angesichts zweier blonder Kinder, wer denn der Vater wäre …

Land der Übenden

Japan ist für mich vor allem das Land der sich lebenslang einer Sache Widmenden – und zwar nicht nur als künstlerische Ausnahme oder als Schrulligkeit, sondern als Mainstream. Das Leben sei nichts anderes als ein Übungsort zur persönlichen Verfeinerung, zur Erzeugung innerer Qualität, darin stimmen die hunderttausenden Übenden überein.

Land des größeren Selbst

Vielfältig sind die Tätigkeiten, in denen es Japaner zur Meisterschaft bringen wollen: Haiku-Dichten, Schwertkunst, Blumenstecken, Zierfädenknüpfen, Teezeremonie oder Cosplay – die Lust an Medien der Selbstwerdung ist längst ins Zeitgenössische übergeschwappt. Was dabei „japanisch“ anmutet, ist das Hintersichlassen des kleinen Ich und das Sicheinlassen auf ein größeres Selbst.

Wenn ich mich in unserem Kyudojo am Wienerberg der angepeilten Einheit von Körper, Geist, Bogen, Pfeil und Ziel sowie dem ganzen Raum drumherum widme, schlägt im Zentrum des Wirbelsturms des Lebens etwas Essenzielles sein Auge auf – ich denke, das ist das Wertvollste, was Japan der Welt gibt.

Diethard Leopold ist Präsident der österreichisch-japanischen Gesellschaft. Er lebte und unterrichtete in Japan, reist auch heute noch regelmäßig dorthin. Der Germanist, Psychotherapeut, Kunst-Kurator und -Autor ist Sohn des Sammler-Ehepaars Rudolf und Elisabeth Leopold. Außerdem unterrichtet er traditionelles japanisches Bogenschießen in Wien. Heuer wurde ihm der „Orden der aufgehenden Sonne“ vom japanischen Außenministerium für seine interkulturellen Verdienste verliehen.

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