Historisch größte Freigabe von Ölreserven und warum der Effekt verpuffen könnte

Die Internationale Energieagentur will 400 Millionen Barrel oder rund ein Drittel der strategischen Ölreserven auf den Markt schmeißen. Bleibt die Straße von Hormus blockiert, ändert dies wenig an der drohenden Ölkrise.
Solange Öltanker in der Straße von Hormus festsitzen, bleiben die Preise hoch.

Aus Angst vor einem neuen Inflationsschock in Folge stark steigender Ölpreise will die Internationale Energieagentur IEA mit Sitz in Paris die Freigabe strategischer Ölreserven umsetzen. Die Rede ist von rund 400 Millionen Barrel und damit rund doppelt so viel wie nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022. Gehalten werden die Ölreserven von in Summe 1,2 Milliarden Barrel (plus 600 Millionen in obligatorischen kommerziellen Vorräten) von den 32 Mitgliedsländern der IEA, darunter alle EU-Länder und somit auch Österreich. 

Die IEA würde die Umsetzung dieser historisch größten Freigabe von Ölreserven organisieren. Dabei geht es um die genaue Aufteilung unter den IEA-Mitgliedern und den Zeitplan der Umsetzung. So sollen in einem ersten Schritt rund 100 Millionen Barrel frei gegeben werden, um das Marktangebot zu erhöhen und damit die Preise für Erdölprodukte wie Benzin und Diesel zu senken. Auch die österreichische Bundesregierung hat angekündigt, sich an dem Schritt zu beteiligen. 

Nach einer groben Berechnung entsprechen die insgesamten strategischen Ölreserven in etwa dem ausfallenden Angebot aus dem Golf für 124 Tage.

Experten wie Wifo-Ökonom Josef Baumgartner sind allerdings skeptisch, was die längerfristige Wirkung der Reserve-Freigabe angeht. Im KURIER-Gespräch sagte Baumgartner, kurzfristig sei durchaus denkbar, dass die Ölpreise sinken. Mittel- bis längerfristig hänge jedoch alles davon ab, wie lange die für den globalen Erdölhandel so wichtige Straße von Hormus am Persischen Golf vom Iran blockiert werde. Dauere die Blockade länger, dann könnte der Angebotseffekt aus einer erhöhten Ölmenge auf dem Weltmarkt "auch verpuffen". Ähnlich äußern sich auch deutsche Experten. 

So nannte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, die Nutzung der Reserven sinnvoll, sie sei aber kein Allheilmittel. "Natürlich ist es sinnvoll, diese strategischen Reserven freizugeben." Die globalen Reserven könnten aber nur Lieferausfälle von wenigen Wochen kompensieren. Eine dauerhafte Stabilisierung der Märkte sei allein dadurch nicht zu erwarten. Sollte der Konflikt weiter eskalieren und die für den Öltransport wichtige Straße von Hormus länger gesperrt bleiben, sei die Freigabe eher ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die bisher größte koordinierte Freigabe von insgesamt knapp 183 Mio. Barrel erfolgte 2022 in zwei Wellen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die zweite und größere Freigabe im April 2022 war mit rund 120 Mio. Barrel die größte Einzelaktion in der IEA-Geschichte. Jetzt soll es also um 400 Millionen Barrel gehen. Ein endgültigen Beschluss wird dazu im Laufe des Mittwochs erwartet. Zudem könnten die Gespräche auf Nicht-IEA-Mitglieder wie China und Indien ausgeweitet werden, hieß es dazu in Agenturberichten. 

Nicht  nur unter Experten, auch an den Rohstoffmärkten wird die Wirkung der Reserve-Freigabe bezweifelt. Der Preis für die Nordseesorte Brent pendelt um die 91 US-Dollar, der preis für die US-Sorte WTI ist wieder um 3,6 Prozent auf 86 US-Dollar je Fass gestiegen. Würden die Märkte glauben, dass die Reservefreigabe einen starken Effekt hat, müssten die Preise jetzt schon sinken. 

Österreich hält strategische Ölreserven, die den inländischen Bedarf für mehrere Monate sichern, um Versorgungsunterbrechungen abzufedern. Diese Reserven, die Rohöl und Mineralölprodukte umfassen, werden durch das Erdöl-Bevorratungs- und Meldegesetz (EBMG) geregelt und beinhalten eine Vorratshaltung für mindestens 90 Tage, basierend auf den Nettoimporten des Vorjahres.

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