Unterschiedli­che Kulturen verfälschen Länderratings

Die US-Ratingagenturen wie Standard & Poor´s, Moody´s oder Fitch bekommen schon bald europäischen Konkurrenz.
Foto: EPA/JUSTIN LANE "Standard & Poor’s bewertet im Schnitt mit Amerika kulturell ähnlichere Länder und Länder mit gleicher Sprache besser", so Studienautor Kai Gehring.

Ökonomen weisen verzerrte Wahrnehmung der Agenturen nach.

Egal, wie schlecht es einem Land vorher geht: Senkt eine der drei großen Ratingagenturen ihren Daumen, wird die Lage noch schlechter. So geschehen mit Griechenland, Spanien oder Italien. Die Berechnung der Kreditwürdigkeit eines Landes beruht auf objektiven Fundamentaldaten, werden die Ratingagenturen nicht müde zu betonen.

Stimmt so nicht, behaupten die beiden deutschen Ökonomen Kai Gehring und Andreas Fuchs. Sie weisen in einer Studie nach, dass es ähnlich wie im Sport auch bei Länderratings so etwas wie einen "Heimvorteil" gibt. Sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen dem Land, aus dem die Ratingagentur stammt, und dem bewerteten Land würden eine weit größere Rolle spielen als angenommen.

Sprachliche Distanz

"Standard & Poor’s bewertet im Schnitt mit Amerika kulturell ähnlichere Länder und Länder mit gleicher Sprache besser", sagt Studienautor Kai Gehring, Wirtschaftswissenschafter an der Uni Heidelberg, zum KURIER. Je größer die kulturelle Distanz, desto niedriger das Rating. Wahrscheinlich führe die kulturelle Distanz zur verzerrten Risikowahrnehmung. Die Autoren verglichen etwa die Länderratings der chinesischen Agentur Dagong mit jenen der US-Agentur Moody’s und fanden erheblichen Unterschiede in der Benotung. So vergab Dagong sowohl China als auch den anderen BRIC-Staaten bessere Bonitätsnoten als Moody’s, andererseits fielen die Ratings für die USA und die meisten westlichen Länder viel schlechter aus.

Ferner erhielten Staaten bessere Ratings, wenn Banken aus dem Heimatland der Ratingagentur dort größeren Risiken aus Krediten, Bürgschaften etc. ausgesetzt sind.

Fall Italien

Kulturelle Blindheit wirft auch der italienische Rechnungshof den US-Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch vor. Wie berichtet, fordert das Land eine Entschädigung für die Herabstufung der Kreditwürdigkeit im Jahr 2011 in Höhe von 234 Milliarden Euro. Beim Downgrade sei der hohe Wert des historischen, kulturellen und künstlerischen Erbes Italiens nicht berücksichtigt worden, heißt es in der Klagsschrift, die den Ratingagenturen mittlerweile zugestellt wurde. Diese reagieren gelassen auf die Klage. "Der Wert der Kulturschätze ist wohl schwer feststellbar, da wird sich kein Richter finden", ist auch Studienautor Gehring skeptisch. Die Aktion sei eher politisch motiviert, um Agenturen vor einer weiteren Abstufung abzuhalten. Italien drängt seit Monaten, das Bewertungssystem der großen Agenturen durch öffentliche Institutionen wie die OECD zu ersetzen.

Eines hat Gehring jedoch nachgerechnet: Wäre Italien den USA kulturell und sprachlich so ähnlich wie Großbritannien, wäre das Rating wohl um eine Stufe besser.

Link zur Studie:

http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2370374

(kurier) Erstellt am
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