Ofner

© /AUVA/R.Reichhart

AUVA
04/30/2016

Unfallkliniken stehen auf dem Prüfstand

AUVA-Obmann Anton Ofner kündigt radikalen Umbau der Standorte an. Manche könnten Pflegeheime werden.

von Anita Staudacher

Sieben Unfallkrankenhäuser und vier Rehabilitations-Zentren betreibt die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) in Österreich. Sie sollen komplett neu aufgestellt werden, verrät der neue AUVA-Obmann im KURIER-Interview.

KURIER: Sie haben als neuer Chef mutige Maßnahmen angekündigt. Was konkret meinen Sie damit?

Anton Ofner: Wir haben ein Bündel an Ideen, die meisten davon betreffen Strukturmaßnahmen. Unsere Struktur stammt noch aus einer Zeit, als isolierte Unfallspitäler modern waren, aber mittlerweile muss man integrierte Heilbehandlungen anbieten. Die Reha beginnt schon am Krankenbett. Es liegt also nahe, die Rehabilitation enger mit der Akutversorgung zu verknüpfen. Dieses Konzept haben wir im UKH Meidling bereits verwirklicht und wollen es jetzt auf die gesamte Gruppe ausdehnen. Mit der neuen Struktur werden wir nur noch integrierte Zentren haben.

Was bedeutet dieser Umbau für die bestehenden Unfallkrankenhäuser? Werden die Standorte verkleinert oder gar geschlossen?

Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Aber wir werden mit unseren Akutbehandlungen jeweils an Schwerpunktkrankenhäuser andocken müssen, so wie es in Meidling mit dem Kaiser-Franz-Josef-Spital schon der Fall ist. Hier sind wir auf die Entwicklungspläne der jeweiligen Spitalsholding angewiesen. Wenn die Akutversorgung wie in Kalwang etwa nach Leoben oder Bruck mitwandert, muss aber der Standort nicht geschlossen werden, sondern man muss sich eine Nachnutzung überlegen.

Welche Nachnutzung könnte es da geben?

Da sind sowohl medizinische als auch nichtmedizinische Nachnutzungen denkbar, etwa Privatkliniken oder Pflegeheime. Ich kann mir hier diverse PPP-(Public-Private-Partnership-)Modelle mit privaten Betreibern vorstellen. Hier müssen wir als AUVA noch viel flexibler und mutiger werden.

Die AUVA als Pflegeheim-Betreiber?

Zum Beispiel, mit einem PPP-Modell, warum nicht? Wir müssen uns aber an den gesetzlichen Versorgungsauftrag halten.

Welches Ziel verfolgen Sie mit den neuen Strukturen außer Kostensenkungen?

Das passiert nicht nur aus rein wirtschaftlichen Überlegungen. Primärziel ist es, die Qualität zu verbessern. Wir verstehen uns als integrierter Anbieter von medizinischen Leistungen, akut und Reha.

Welche Folgen wird das für das Personal haben?

Wir wollen die Leistung auf keinen Fall einschränken und auch keine Mitarbeiter kündigen. Das ist ein wichtiger Punkt. Es könnte aber sein, dass Mitarbeiter den Standort wechseln müssen.

Wenn sie an bestehende Spitäler übersiedeln, wird es aber Doppelgleisigkeiten geben ...

Da könnte es schon zu Anpassungen kommen, wir werden dazu aber die natürliche Fluktuation verwenden. Man darf nicht vergessen, dass wir ein eigener Träger sind und das Personal bei uns bleibt. Wir können uns aber bei diversen Support-Leistungen wie etwa dem Catering anschließen.

Bis wann werden diese Strukturänderungen entschieden und umgesetzt?

Wir führen intensive Gespräche in mehreren Bundesländern und werden es wohl noch heuer weitgehend fix machen. Die Umsetzung dauert sicher fünf bis zehn Jahre. Wir sind auch abhängig von der Bauplanung der Landesholdings. In Wien sind wir im Strukturplan vorgesehen und wir werden die traumatologische Versorgung im Süden übernehmen.

Die AUVA ist den meisten Österreichern aus der Werbung bekannt. Was bewirken Kampagnen wie "Gib acht" oder "Hände gut, alles gut" eigentlich?

Enormes. Wir messen den Erfolg sehr genau. Jeder investierte Kampagnen-Euro bringt das Zweieinhalb- bis Dreifache an Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem. Ganz abgesehen vom Patientenleid, das wir damit vermeiden. Nach jeder Kampagne messen wir auch einen Rückgang der Unfälle, wie jetzt bei den Händen. 42 Prozent aller Haushaltsunfälle betreffen die Hände. Die Leute passen wieder mehr auf. Ich merk’s bei mir selbst. Beim Heimwerken muss ich an den Spot denken und spanne das Werkstück jetzt lieber ein. Ein gewollter Effekt.

Sie geben jährlich etwa fünf Prozent des Budgets für Prävention aus. Müsste es angesichts des Erfolges nicht mehr sein?

Es kann durchaus sein, dass wir hier noch mehr tun. Wir wollen das Budget jedenfalls nicht verringen.

Die Arbeitsunfälle gehen zurück - im Vorjahr um 4500 auf 90.258 - aber wie sieht es bei den Freizeitunfällen aus?

Nur noch elf Prozent der bei uns behandelten Unfälle sind Arbeitsunfälle, der Rest Freizeitunfälle. Die Präventionskampagnen schaffen allgemein ein Bewusstsein für die Unfallvermeidung. Niemand fährt etwa heute ohne Helm Ski oder Rad. Helmi hat ganze Arbeit geleistet ...

Sollten Sportunfälle mehr durch private Unfallversicherungen abgedeckt werden?

Bei besonderen Risikosportarten könnte man sich hier schon etwas überlegen, die Versicherungen bieten ja schon Produkte an. Aber wir basieren auf dem Solidaritätsprinzip, eine Ausgliederung würde das Prinzip bald infrage stellen. Bei uns ist die Versorgung überall gleich. Wir haben zwar auch Klassebetten, aber wir schöpfen das Kontingent derzeit nicht aus, weil wir die Kapazitäten für die allgemeine Akutversorgung brauchen. Wenn wir unsere Kapazitäten um zehn Prozent runterfahren, wüsste ich nicht, wer das auffangen soll.

Durch die jüngste Lohnnebenkostensenkung (Beitragssatz-Senkung zur Unfallversicherung von 1,4 auf 1,3 Prozent, Anm.) muss die AUVA auf 90 Millionen Euro an Einnahmen verzichten. Wie wirkt sich das auf die Leistung aus?
Das muss man natürlich irgendwo reinbringen. Wir haben den Dienstpostenplan eingefroren und fahren ein Effizienzsteigerungsprogramm in der Verwaltung. Damit sparen wir pro Jahr 14 Millionen Euro ein, ohne die Leistungen anzugreifen.Wir haben etwa die Hälfte der Mindereinnahmen durch Maßnahmen ausgleichen können, werden aber negativ bilanzien.

Es gibt Kritik, dass die AUVA die Krankenkassen quersubventioniert, weil für Unfallpatienten zu hohe Tarife verrechnet werden. Stimmt das?
Wir haben einen Pauschalbetrag an die Krankenkassen zu zahlen, wenn Unfallpatienten behandelt werden und dieser Pauschalbetrag ist pro Jahr etwa 150 Millionen Euro zu hoch. Das ist gesetzlich geregelt und daher eine politische Diskussion. Das Geld geht vor allem den Unternehmen ab, die im internationalen Umfeld sehr hohe Lohnnebenkosten zu zahlen haben. Damit sind sie weniger wettbewerbsfähig.

Was genau macht eigentlich die AUVA?

In der Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) sind rund 4,8 Mio. Personen (Arbeitnehmer, Selbstständige, Schüler, Studenten) gesetzlich gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten versichert. Die AUVA betreibt österreichweit sieben Unfallkrankenhäuser (UKH) mit 918 Betten: Wien Meidling, Wien Lorenz Böhler, Linz, Graz, Kalwang, Klagenfurt, Salzburg; sowie vier Reha-Zentren bzw. Kliniken mit 580 Betten: Häring, Tobelbad, Weißer Hof, Meidling

Aufgabe/Finanzierung
Kernaufgaben der AUVA sind die Unfallprävention, Heilbehandlung, Rehabilitation und finanzielle Entschädigung von Unfallopfern.
Die AUVA beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter. Die Finanzierung erfolgt als gesetzliche Unfallversicherung fast zur
Gänze aus Pflichtbeiträgen der Arbeitgeber (1,3 % der Beitragsgrundlage).

Obmann Anton Ofner
Der 63-jährige Unternehmer (MBB BioLab) Anton Ofner wurde Anfang April für fünf Jahre zum AUVA-Obmann gewählt. Der studierte Betriebswirt, Sport- und Erziehungswissenschafter sowie akademisch ausgebildeter Krankenhausmanager ist auch Vizechef der Wirtschaftskammer Wien. Der gebürtige Steirer ist verheiratet und hat ein Kind.

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