Die Bänder in der Autoindustrie laufen auf Hochtouren.

© REUTERS/PETR JOSEK

Jobwunder
05/13/2016

Tschechien gehen die Arbeitskräfte aus

Im EU-Land mit der geringsten Arbeitslosigkeit ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Die Wirtschaft schlägt Alarm.

von Anita Staudacher

In Prag herrscht Vollbeschäftigung. In keiner anderen Großstadt in der EU gibt es derzeit so wenige (registrierte) Arbeitslose wie in der tschechischen Hauptstadt. Die EU-Arbeitslosenrate liegt aktuell bei nur rund zwei Prozent. In Wien ist sie fast fünf Mal so hoch.

Im Länderranking stieß die Tschechische Republik im Vormonat sogar Dauer-Spitzenreiter Deutschland vom Thron und ist mit einer Quote von 4,1 Prozent EU-Musterschüler bei der Arbeitslosigkeit. Jüngsten Prognosen zufolge dürfte der erste Platz auch das gesamte Jahr über halten.

Wirtschaft brummt

Wie machen das die Tschechen? Hauptgrund für das jüngste "Jobwunder" ist die gute Wirtschaftslage. Im Vorjahr gab es ein BIP-Plus von 4,3 Prozent, für heuer sind 2,6 Prozent prognostiziert. Seit die tschechische Notenbank 2013 die Landeswährung Kronen abwertete und damit die Waren im Ausland billiger machte, ziehen die Exporte an. "Die Wirtschaft brummt", sagt Christian Miller, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Prag, zum KURIER. In der wichtigen Autoindustrie (u. a. Skoda, Hyundai) wurde im Vorjahr mit fast 1,3 Millionen hergestellter Pkw ein neuer Rekord erzielt. Auch die Bauwirtschaft hat – dank großzügiger Förderungen aus dem EU-Strukturfonds – Hochkonjunktur. Quer durchs Land wird das öffentliche Verkehrsnetz erneuert, der Umweltschutz verbessert.

Die Folge des Wachstums: In manchen Regionen ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Allein in der tschechischen Industrie würden derzeit 70.000 Arbeitskräfte fehlen, schlug der Verband der Exporteure kürzlich Alarm. In der gesamten Wirtschaft gebe es derzeit mehr als 100.000 freie Arbeitsstellen. Sollte der Personalmangel nicht rasch behoben werden, drohe der Zusammenbruch. "Die Situation ist sehr ernst", bestätigt Miller, besonders in Prag und in der Region Südböhmen sei es sehr schwer, Arbeitskräfte zu finden. Gesucht werden industrielle Fachkräfte (Maschinen- und Metallbau) ebenso wie Handwerker oder Pflegepersonal.

Gehaltsfrage

Trotz guter Arbeitsmarktlage wandert vor allem im Gesundheitsbereich und bei Dienstleistern nach wie vor Personal ins Ausland ab. "Das Lohngefälle zu Deutschland oder Österreich ist noch immer sehr groß", sagt Miller. Der Mindestlohn wurde zwar heuer um 7,6 Prozent auf rund 370 Euro angehobenen, ist aber nach wie vor einer der niedrigsten in der EU. Der Durchschnittslohn liegt bei etwa 980 Euro im Monat, IT-Spezialisten können jedoch mit 2800 bis 3500 Euro rechnen.

Um der Arbeitsmigration entgegenzuwirken, zahlt der Staat ab Jänner 2017 dem medizinischen Personal in öffentlichen Spitälern um zehn Prozent mehr Gehalt. Die Industrie möchte mehr ukrainische Arbeitskräfte ins Land holen, diese benötigen jedoch Arbeitsvisa. Die Regierung versprach , die Anwerbestellen in Liew (Lemberg) personell aufzustocken.

Vom Jobwunder profitieren längst nicht alle Tschechen, es gibt auch strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt. So droht dem größten Steinkohle-Förderer OKD das Aus. Rund 10.000 Beschäftigte in der Industrieregion Ostrava sind davon betroffen.

Nachgefragt: Prager Arbeitsmarktexperte über die Gründe des Jobwunders

Der KURIER sprach mit Daniel Münich, Arbeitsmarktexperte beim Institute for Democracy and Economic Analysis (IDEA) in Prag.

KURIER: Was sind für Sie die Hauptgründe für die niedrigste Arbeitslosigkeit in der EU?
Daniel Münich: Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern haben wir eigentlich schon seit den frühen 1990er-Jahren niedrige Zahlen. Neu ist, dass wir erstmals in der EU Erster sind und vor Deutschland und Österreich liegen. Längerfristig betrachtet haben wohl auch ein relativ strenger Zugang und ein niedriges Niveau bei der Unterstützung von Arbeitslosen sowie die Höherqualifizierung dazu geführt. Kurzfristig betrachtet gab es einen wirtschaftlichen Schub durch die Währungspolitik der Zentralbank und die Gelder der EU-Strukturfonds, die in die Wirtschaft geflossen sind.

Prag glänzt mit nur zwei Prozent Arbeitslosigkeit. Was macht Prag besser als Wien?
Der Tourismus bringt viel Geld und den Menschen viele Jobs im Dienstleistungssektor; viele Konzerne haben ihre Headquarters hier angesiedelt. Prag liegt im Herzen des Landes und ist aus allen Landesteilen, nicht zuletzt durch den Ausbau der Schnellzüge, gut erreichbar. Man sollte aber auch beachten, dass Prag sehr klein ist und die Statistik das Umland nicht berücksichtigt.

Die tschechische Wirtschaft klagt über Arbeitskräftemangel. Wie groß ist das Problem wirklich?
Durch den aktuellen Boom sehen viele Betriebe die Chance, Absatz und Profit zu erhöhen, doch die Arbeitskräftefrage schränkt sie diesbezüglich ein. Aber das wird sich mit einem Abflauen des Booms wieder rasch ändern.

Viele junge Tschechen gingen ins Ausland arbeiten. Kommen jetzt einge wieder zurück?
Die Statistiken über die tschechische Arbeitsmigranten sind nicht sehr zuverlässig. Im Vergleich zur Slowakei und Polen ist es nur ein sehr kleiner Teil, der im Ausland arbeitet.