Shoppingtourismus und Städtekurztrips erfreuen sich in der türkischen Oberschicht großer Beliebtheit. Wien will davon profitieren.

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EU-Türkei-Deal
12/04/2015

Touristiker jubeln über Visafreiheit für Türken

Wien Tourismus wirbt um betuchte Gäste vom Bosporus. Außenhandel mit der Türkei ist noch ausbaufähig.

von Anita Staudacher

Der "Flüchtlings-Deal" zwischen der Europäischen Union (EU) und der Türkei könnte einen Schub für den heimischen Tourismus bringen. Als Gegenleistung für die Eindämmung des Flüchtlingsstroms sollen türkische Staatsbürger voraussichtlich ab Jänner 2017 ohne Visum in die EU einreisen können.

"Die baldige Visafreiheit ist eine Jubelmeldung für den heimischen Tourismus", sagt Marco Garcia, bis vor Kurzem Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Istanbul. Die Visumpflicht sei ein wesentliches Hemmnis für den spontanen Kurzurlaub, insbesondere bei den jungen, gut situierten Türken. Diese wachsende Urlauberschicht interessiere sich sehr für Städtereisen, aber auch für Winterurlaube. Hier gebe es für Österreich noch "riesiges Potenzial", meint Garcia.

Turkey meets Vienna

Wien Tourismus scharrt bereits in den Startlöchern. Unter dem Motto "Turkey meets Vienna" lud der Tourismusverband erst kürzlich türkische Reiseveranstalter nach Wien, Walzerabend inklusive. "Wir werben verstärkt um den türkischen Gast. Wenn die Visapflicht fällt, wäre das wirklich eine tolle Sache", frohlockt Walter Straßer, Sprecher von Wien Tourismus. Die Nächtigungszahlen sind steigend. Heuer gab es bis Oktober 122.000 Nächtigungen in Wien, ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Gäste-Nationenwertung ist dies zwar nur Platz 22, gebucht und eingekauft wird aber vor allem in der gehobeneren Kategorie. "Österreich ist seit der Fußball-EM 2008 als Tourismusziel ein Begriff", erzählt Straßer. Die Skiregionen in Tirol und Salzburg hoffen auf mehr Charterflüge aus der Türkei.

Befürchtungen, dass die Visafreiheit vermehrt Armutsmigranten aus der Türkei in die EU lockt, teilt Garcia nicht. Die Einreise-Erleichterung würde nicht automatisch ein Aufenthaltsrecht begründen. Die Arbeitslosigkeit sei in der Türkei mit 9,5 Prozent zwar relativ hoch, doch viele würden im "informellen Sektor" unterkommen.

Unterrepräsentiert

Den Außenhandel Österreichs mit der Türkei hält der Wirtschaftsdelegierte noch für stark ausbaufähig. "Österreichs Wirtschaft ist in der Türkei unterrepräsentiert. Wir waren in den vergangenen Jahren zu sehr auf Osteuropa fokussiert", meint Garcia. Seiner Einschätzung nach könne das aktuelle Handelsvolumen in fünf bis zehn Jahren auf 4 bis 4,5 Mrd. Euro verdoppelt werden. Das durchaus vorhandene politische Risiko hält er wegen der starken Privatwirtschaft für "überschaubar". Der Markteintritt in die Türkei könne aber mitunter mühsam und langwierig sein. "Man redet hier viel, aber nicht immer über das Geschäft".

350 Österreich-Standorte in der Türkei

Exporte
Österreich exportierte heuer bis August Waren im Wert von 910 Mio. Euro in die Türkei, um 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Es gibt rund 350 Vertriebs- und Produktions-Niederlassungen heimischer Firmen, u.a. OMV, AVL List, voestalpine, DO&CO.

Importe
Die Importe aus der Türkei stiegen von Jänner bis August um 12 Prozent auf 924 Mio. Euro. Importiert werden v.a. Maschinen Textilien und Gemüsekonserven. Österreich liefert in die Türkei u.a. Metallwaren, Elektronik, aber auch Rindfleisch.

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