Top-Managerin Christine Catasta „Ohne Quote verbessert sich nichts“

Warum sie für eine Frauenquote auch im Vorstand und für verpflichtende Männerkarenz plädiert. Frauen brächten andere Werte ein und seien loyaler.
Andrea Hodoschek
Christine Catasta

Unternehmen mit einem höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen sind erfolgreicher, analysiert Christine Catasta, eine der renommiertesten Wirtschaftsfrauen des Landes. Die Steigerung der Frauenbeschäftigung sollte Teil der Industriestrategie Österreichs sein.

KURIER: Sie waren in Österreich die erste Chefin eines Big-Four-Unternehmens. Das war eine Sensation. Ist die Lage für Frauen heute besser? Christine Catasta: Auf PwC bezogen haben es viele Frauen geschafft, in Führungspositionen zu kommen. Man stellt sich die Frage, warum? Das funktioniert, wenn man Leadership und das Thema Team im Vordergrund hat, integer arbeitet, auch den Mut hat, aus der Komfortzone rauszugehen, es auch eine Fehlerkultur im Unternehmen gibt. Und das Thema Care.

Meinen Sie die Kombination von Beruf und Familie?

Ja, dass man nicht auf die Frauen vergisst, wenn sie in Karenz gehen. Man gibt den Frauen, wenn sie quantitativ in ihrer Zeit eingeschränkt sind, oft nicht qualitativ hochwertige Tätigkeiten. Sie werden abgestempelt, eine Frau mit Kind habe nicht so viel Zeit, und damit bekommt sie eine qualitativ niedere Tätigkeit. Man muss aber berücksichtigen, dass es ja nur einige Jahre im Leben sind und darf die Frauen im Unternehmen nicht verlieren. Wenn man sie in Führungspositionen hebt, sind die Frauen meist wie ein Fels in der Brandung und werden dem Unternehmen treu bleiben.

Sind Frauen loyaler als Männer?

Ja, sie sind dann loyaler und betreiben nicht so schnell Jobhopping. Ich glaube, ich bin da bei PwC mit einem guten Beispiel vorangegangen. Ich habe zwei Kinder und weiß, was es heißt, stärker belastet zu sein als Männer. Als meine Tochter ein Jahr alt war, musste ich neben dem Job den Steuerberater machen, und beim Wirtschaftsprüfer war dann mein Sohn ein Jahr. Man ist sehr belastbar, und man schafft das alles.

PwC war offenbar sehr fortschrittlich, aber was ist mit dem Rest der Wirtschaft? Sie kennen sehr viele Unternehmen.

Es ist ein bisschen besser geworden, dank des ESG (Kriterien für nachhaltiges und ethisches Handeln von Unternehmen; Anm.), und zwar wegen des S in der Mitte für Social. Als Aufsichtsrätin hat man die Chance, die Voraussetzungen für die variable Vergütung zu bestimmen, und wenn man hier die richtigen Ziele für den Vorstand einsetzt, dann wird das auch beachtet. Es ist dann schon vorgekommen, dass Unternehmen für bestimmte, sehr männerlastige Positionen eine Frau eingesetzt haben, die dann andere Werte ins Unternehmen eingebracht hat.

Bitte ein konkretes Beispiel aus der Praxis.

In einem Energieunternehmen wurde erstmals eine Leiterin für ein Kraftwerk gesucht. Sie hat es geschafft, dass Menschen aus der ganzen Umgebung mitarbeiten wollten für eine nachhaltige Zukunft in der Energiewirtschaft und sehr stolz waren, Teil dieses Projekts zu sein. Man kann durch die Diversitätsziele in Unternehmen einiges bewegen.

Sind Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen erfolgreicher?

Ja, das ist eindeutig bewiesen, dazu gibt es OECD-Studien. Blicken Sie nach Norden, die Unternehmen in Schweden und Island haben bessere Ergebnisse, und das hat wieder einen positiven Einfluss auf die Wirtschaftsleistung des Landes.

In den Vorständen der heimischen Börsenunternehmen gibt es kaum Frauen. In den Aufsichtsräten sieht es besser aus, die Frauenquote wird jetzt auf 40 Prozent erhöht. Was halten Sie von einer Quote, da sind die Meinungen unter Frauen sehr unterschiedlich. Viele Frauen sagen, wir wollen nicht nur wegen einer Quote in den Vorstand kommen, sondern wegen unserer Leistung. Sie wollen keine Quotenfrauen sein. Aber ich kenne auch viele Frauen, die sagen, lieber mit der Quote in den Vorstand als überhaupt nicht. Da gibt es heute schon einen Umdenkprozess. Und es hat den Frauen ja nicht geschadet, dass sie Quotenfrauen sind.

Sind Sie für eine Vorstands-quote?

Ja. Man sagt schon seit vielen Jahren, mehr Frauen sollen in die Vorstände, aber es hat sich nichts verbessert. Das, was die Aufsichtsräte verändert hat, war die Quote. Ich finde auch eine verpflichtende Männer-Karenz sinnvoll. Man muss bei den Männern ansetzen. Oft nimmt man eine Frau nicht, wenn man sagt, naja, die geht in Karenz und fällt dann aus. Gilt das aber für beide Geschlechter, dann gilt dieses Argument nicht mehr. Länder mit Verpflichtung zur Väterkarenz sind wirtschaftlich erfolgreicher.

Christine Catasta

Catasta beim KURIER-Interview mit Andrea Hodoschek

Glauben Sie, die Politik in Österreich hat den Mut, diese Maßnahmen umzusetzen?

Ich habe schon öfters darüber mit Politikern gesprochen, die finden es eine gute Idee, sagen aber, es ist schwer durchzusetzen. Aber es gibt noch ein Argument, warum es so wichtig ist, dass man Frauen überhaupt im Berufsprozess hält – das ist der demografische Wandel. Es gibt weniger Geburten und die Menschen werden älter. Man wird die Frauen im Arbeitsprozess brauchen.

Hätte die Regierung dieses Thema in die Industriestrategie packen müssen?

Hätte man reinpacken können, ja. Weil es gute Vorzeigebeispiele gibt. In den CEE-Ländern (Zentral- und Osteuropa) haben Frauen schon immer gearbeitet und es gab gute Kinderbetreuungseinrichtungen. Das war einfach ein Teil der Kultur. Die Gleichbehandlung ist vielleicht das einzig Gute, das von früher übrig geblieben ist. In den nördlichen Ländern hat man den Fokus darauf gelegt und in CEE war es historisch bedingt. Heute kann sich kaum einer vorstellen, dass Ehefrauen in Österreich nicht frei über ihre Berufstätigkeit entscheiden konnten. Ich glaube, es war Kreisky, der das gesetzlich geändert hat. Es bräuchte jetzt wieder so einen großen Schritt.

Diversität betrifft auch alle Minderheiten, wie sehen Sie dieses Thema?

Jeder soll gleich behandelt werden und soll sich wohlfühlen. Menschen mit anderer sexueller Orientierung genauso wie Menschen mit Beeinträchtigung. Viele Unternehmer zahlen lieber ihre Ausgleichstaxe und beschäftigen weniger Menschen mit Beeinträchtigung. Aber würden sie mehr beschäftigen, wären sie erfolgreicher, weil das einen sehr positiven Einfluss haben kann für die Werte im Unternehmen.

Sind Frauen bei Bewerbungen immer noch zu bescheiden?

Frauen sind anders als Männer. Wenn sich Männer zu 40 Prozent in einer Stellenbeschreibung wiederfinden, dann werden sie bei ihrer Bewerbung von diesen 40 Prozent sprechen. Die 60 Prozent werden nicht angesprochen. Frauen sind sich selbst gegenüber viel selbstkritischer und sagen eher, was sie nicht können. Das ist nach wie vor so. Frauen sind meist weniger mutig und legen lieber gleich einmal das auf den Tisch, was sie nicht können.

Karriere

Politisch unabhängig
Christine Catasta startete nach dem Studium der Handelswissenschaften bei PwC und schaffte es als erste Frau an die Spitze eines Big-Four-Unternehmens. 2020 sprang sie nach dem Rauswurf von Thomas Schmid als Chefin für die  Staatsholding ÖBAG ein. Sie war in den Aufsichtsräten von OMV, Telekom, AUA, Casinos, Verbund. Heute ist sie Vize-Aufsichtsratschefin der Erste Group und bei OMV-Petrom.

Politbesetzung
Als Aufsichtsrats-Chefin der staatlichen  Bundesimmobilien BIG musste sie  diese Woche  einem ÖVP-Kandidaten Platz machen. 
 

Porträt von Andrea Hodoschek, Autorin der Serie „Wirtschaft von Innen“.

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