Tiroler Start-up SUS: „Wir sind bei den Lohnkosten am Limit“
2016 haben zwei Tiroler mit SUS (Single Use Support) in ihrem Heimatbundesland ein Start-up gegründet, an dem sich im Vorjahr die dänischen Novo Holdings – Mutter des Pharmariesen und Abnehmspritzenherstellers Novo Nordisk – bei einer Unternehmensbewertung im hohen dreistelligen Euro-Bereich – eine 60-Prozent-Mehrheit gesichert haben. Eine Erfolgsgeschichte. Der Blick auf das Lohnkostenniveau in Österreich macht Christian Praxmarer, Managing Director von SUS, aber Sorgen.
KURIER: Dieses Unternehmen ist praktisch aus der Garage heraus entstanden. Wie schwierig ist es in Österreich, diesen Weg zu schaffen?
Christian Praxmarer: Im Grunde genommen braucht es eine Idee. Die kann überall entstehen. In dem Fall ist sie im Tiroler Unterland entstanden. Zuerst muss man verstehen, wo in einer Branche ein Schmerzpunkt ist und wissen, ob der abgedeckt wird. Gibt es Optimierungsbedarf und Firmen, die das erkannt haben oder nicht? Die Grundidee hatte Johannes Kirchmair, der aus der Pharma kommt. Er hat im Prinzip Produkte verkauft, die diese Lücke schließen hätten sollen. Das hat aber keiner geschafft. Da hat er gesagt, jetzt nehme ich das selber in die Hand. Das ist in Österreich und einem Tourismusland wie Tirol sehr wohl möglich.
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SUS-Managing-Director Christian Praxmarer
Sie beliefern die Pharmabranche, in der besonders hohe Sicherheitsstandards gelten. Wie groß sind die Hürden hier für ein Start-up?
Da hatten die beiden Gründer einen super Ansatz. In der Pharma unterscheidet man in der Regel zwischen produktberührend und nicht. Unser Schutzcontainer ist nicht berührend mit der Flüssigkeit. Dadurch war die Einstiegsbarriere wesentlich kleiner. Andere Produkte von uns sind erst nachgelagert gekommen. Wenn die zwei damit den Einstieg versucht hätten, hätte das zehn Jahre dauern können. So hatte man aber schon Zugriff auf Kunden.
Die Idee ist das eine. Aber wie ist es dann, wenn man daraus ein richtiges Unternehmen mit in diesem Fall zwei Standorten und 230 Mitarbeitern aufbauen will?
Ab einer bestimmten Größe stößt man auf Hürden. Ein Start-up zu gründen, mit zwei, fünf oder zehn Personen ist nicht die Riesenchallenge. Da findet man die richtigen Mitarbeiter, die das mitgestalten können. Das dann zu skalieren, ist das Schwierige. Bei uns hat das bis 50 Mitarbeiter super funktioniert. Aber wenn man dann ein richtiges Produktionsunternehmen aufbauen will, geht es los.
Inwiefern?
Du brauchst die Flächen, um einen Standort aufzubauen und musst auch schauen, wo man wachsen kann. Die sind wir hier in Kufstein und in Tirol schon begrenzt.
Das ist die Problematik einer Alpinregion. Aber es ist nicht so, dass sie sich vom Staat gebremst gefühlt haben?
Nein. Zu Beginn sind wir sogar sehr gut gefördert worden. Die Produkte müssen natürlich hieb- und stichfest sein.
Die zwei Tiroler Johannes Kirchmair und Thomas Wurm, die sich im Zuge eines berufsbegleitenden Studiums am Management Center Innsbruck (MCI) kennengelernt haben, haben ein Problem in der Lieferkette von Pharmaunternehmen erkannt und eine Lösung dafür gefunden. 2016 gründeten sie Single Use Support (SUS).
Die Gründer entwickelten einen Schutzcontainer, in dem sich Flüssigmedikamente in Kunststoffbeuteln verschiedener Hersteller gleichmäßig einfrieren und sicher international transportieren lassen. Die Nachfrage ging während der Pandemie regelrecht durch die Decke, waren doch weltweit Impfstoffe gefragt.
2022 lag der Umsatz von SUS, das einen Standort in Kufstein und einen in Hall in Tirol betreibt, zwischenzeitlich bei 135 Millionen Euro. Heuer wird mit rund 100 Millionen Euro Umsatz und in den kommenden Jahren mit einem Wachstum zwischen 10 und 30 Prozent gerechnet. 2024 haben die dänischen Novo Holdings im Zuge eines Bieterprozesses 60 Prozent an SUS erworben. Die Gründer haben sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen.
Während andere Produktionsunternehmen in Österreich Stellen abbauen, werden bei SUS ständig Mitarbeiter gesucht. Was macht auf lange Sicht mehr Sorge: Der Arbeitskräftemangel oder steigende Lohnkosten in Zeiten der Inflation?
Letztlich macht unsere Firma ihr Humankapital aus. Von der Anzahl der benötigten Personen her ist das aus unserer Erfahrung machbar. Aber die richtige Qualität zu bekommen, ist extrem schwierig. Da muss man als Arbeitgeber sehr kreativ sein. Wir haben uns von Beginn an nicht nur regional umgeschaut, sondern in ganz Zen-traleuropa. Der Arbeitsmarkt in Österreich ist inzwischen ein reiner Verdrängungsmarkt. Wenn dieser Engpass bleibt, muss man sich als Firma was überlegen.
Ist es Ihnen als Geschäftsführer eines wachsenden Unternehmers unter diesem Gesichtspunkt wichtiger, dass sie Mitarbeiter bekommen, als die Frage, was sie ihnen nach der nächsten Lohnrunde mehr zahlen müssen?
Eine unserer Stärken ist die Anpassung. Aber wenn es jetzt um die Kosten geht – Lohnnebenkosten, Steuern – haben wir einen wesentlichen Wettbewerbsnachteil. Die meisten wollen das nicht hören, es ist aber so. Wenn man sich die kollektivvertraglichen Lohnerhöhungen der letzten drei Jahre anschaut, sind das Kostenerhöhungen, die andere Länder nicht haben. Dort muss man Gehaltserhöhungen über die Performance verhandeln. Wenn das in Österreich so weitergeht, ist dieser Nachteil irgendwann nicht mehr kompensierbar. Wir sind bei den Lohnkosten bereits am oberen Limit.
Besteht die Gefahr, dass dieses Unternehmen Österreich irgendwann verlässt oder will man bleiben?
Der Pharmamarkt ist sicher ein gesünderer wie andere Branchen. Ein bestimmter Spielraum ist daher vorhanden. Und wir haben eine soziale Verantwortung. Aber wenn es kontinuierlich so weitergeht mit den Lohnkostenerhöhungen, dann wird das ein Triggerpunkt. Das sind sie jetzt noch nicht. Derzeit haben wir andere Triggerpunkte: die geopolitischen Entwicklungen. Wir müssen uns zum Beispiel der America-First-Philosophie von Donald Trump in den USA und den neuen Zolltarifen stellen.
Als Unternehmen, das in den USA operiert?
Wir haben dort ein Vertriebsbüro, aber noch keinen Produktionsstandort. Aber wir müssen uns jetzt überlegen, ob wir das machen. Der amerikanische Markt ist unser größter Wachstumsmarkt. Wir wollen unsere bestehenden Standorte auslasten. Für uns geht es also nicht um Verlagerungen von Kapazitäten oder Kündigungen. Aber Erweiterungen werden höchstwahrscheinlich woanders passieren.
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