Wirtschaft 07.02.2018

Staud’s zwischen Platznot und dem süßen Image Wiens

Wiener Original: Hans Staud in seinem Geschäft am Yppenplatz © Bild: KURIER/Jeff Mangione

Marmeladekönig. Seit 1883 ist die Firma Staud’s in Wien zuhause. Hans Staud will bis zum Sommer entscheiden, ob das so bleibt.

Hans Staud hat sich als Wiener Marmelade-König international einen Namen gemacht und das obwohl er laut eigenen Angaben lange zu schüchtern war, um seine Marmeladen überhaupt zu vermarkten. "Ich hab immer gewartet, bis jemand kommt und mir etwas abkauft", gesteht der heute 69-jährige Betriebswirt im KURIER-Gespräch.

Seinen Wurzeln ist er immer treu geblieben. Er wohnt und arbeitet am Wiener Brunnenmarkt und wollte das eigentlich auch nie ändern. Trotzdem denkt Staud seit Jahren laut darüber nach, seine Produktion nach Niederösterreich zu verlagern. In Wien stößt er an Kapazitätsgrenzen, ein neuer Standort ist schwer zu finden.

Die Wurzeln der Firma Staud’s reichen zurück bis in die ungarisch-österreichische Monarchie, der Standort ist seit 1883 derselbe: Brunnenmarkt, Wien Ottakring. Ein Grätzl, das in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt hat, wie auch der Marmeladekönig erzählt.

KURIER: Sie stehen nach wie vor jeden Samstag in Ihrem Geschäft in Wien Ottakring. Würden Sie sich die Sonntagsöffnung wünschen, zu der sich Wien nicht durchringen kann?

Das ist mir völlig wurscht. Ich brauch keinen offenen Sonntag, weil bei uns am Brunnenmarkt sonntags eh nichts los ist. Aber ich würde es nicht schlecht finden, wenn jeder selbst entscheiden darf, wann er aufsperrt.

Viel wird über die überbordende Bürokratie gejammert. Wie sehen Sie den Produktionsstandort Wien?

Ich gehöre nicht zu den ewigen Nörglern. Die Suderei bringt ja nix, ich habe immer lieber die Ärmel hochgekrempelt und etwas getan.Unter anderem haben Sie darüber nachgedacht, aus Wien abzuwandern. Warum?

Ich habe zwei Produktionsstätten im 16. (Hubergasse) und 17. Bezirk (Steinergasse). An einem Standort wird das Obst sortiert und zerteilt, am anderen verarbeitet. Es gab nie Probleme mit den Anrainern, aber die Standorte sind zu klein geworden. Außerdem hätten wir gerne eine Schauproduktion. Deswegen haben wir einen größeren Standort gesucht.

Und in Wien gibt es keinen?

Die Stadtregierung hat jedenfalls keinen passenden gefunden. Wir brauchen so um die 2500 Quadratmeter mit guter Verkehrsanbindung. Ich warte jetzt noch bis zum Sommer, dann fällt die Entscheidung, ob wir aus Wien wegziehen.

Ist der Produktionsstandort Wien auch ein Verkaufsargument?

Hans Staud in seinem Geschäft "Staud's" am Yppenplatz. Wien, 29.10.2014 © Bild: KURIER/Jeff Mangione

Anfangs war er das, weil Wien ja für Süßes, also Süßspeisen steht. Das hat uns schon geholfen. Mittlerweile hat die Marke Staud’s mehr Wert. Wir müssen nicht unbedingt in Wien produzieren, aber Wien wäre trotzdem charmant.

Am Brunnenmarkt haben Sie seit dem Jahr 2000 ein neues Geschäft. Das Viertel gilt als aufstrebend, sehen Sie das auch in der Umsatzentwicklung?

Die Umsätze entwickeln sich gut, das Viertel auch. Aber es ist ein Blödsinn, wenn alle bis hin zur Hamburger Zeitung Die Zeit schreiben, dass das hier ein Bobo-Viertel ist. Das ist es nicht. Wir haben viele Stammkunden, auch viele junge Leute. Das freut mich ganz besonders.

Sie waren von Anfang an in der IG Brunnenviertel engagiert. Braucht es solche Initiativen, um auch abseits der großen Einkaufsstraßen ein Geschäft zu machen?

Als wir am Brunnenmarkt wieder aufgesperrt haben, war das Viertel noch nicht angesagt. Das hat sich zum Glück geändert. Leider hat die Wirtschaftskammer Wien jetzt ihr Engagement für die Einkaufsstraßen reduziert.

Wie meinen Sie das?

Die Wirtschaftskammer muss sparen, es werden weniger Ressourcen für solche Projekte gebündelt. Sehr schade.

Viele ärgern sich über die Pflichtmitgliedschaft. Was halten Sie von der Kammer?

Ich habe nichts gegen sie. Im Exportgeschäft ist sie für uns sehr hilfreich gewesen. Etwa bei der Organisation von Geschäftsreisen, Messeauftritten und der Vernetzung mit Partnern.

Wie viel Umsatz machen Sie im Export?

Etwa 35 Prozent, der Heimmarkt ist für uns nach wie vor das Wichtigste. Ich war übrigens einer der ersten mit Herkunftsangabe auf den Marmeladegläsern – das mach ich schon seit 30 Jahren. Damals war Regionalität noch kein Verkaufsargument.

Warum haben Sie das gemacht?

Weil die Menschen nicht verstanden haben, dass die Marmelade nicht immer gleich schmecken kann. Weil das Wetter nicht immer gleich ist und die Ernte auch nicht. Beim Wein haben das die Leute immer verstanden, bei Marmelade musste man es ihnen erst erklären. Deswegen habe ich draufgeschrieben, woher das Obst kam.

Staud’s produziert jedenfalls noch immer in Wien. Was hält Sie hier?

Meine Wurzeln sind hier. Und wenn ich wo anders auf die grüne Wiese baue, müssten ja auch meine ganzen Mitarbeiter umsiedeln. Ohne meine Mitarbeiter geht gar nichts, die kann man nicht so einfach ersetzen. Ich hätte keine Nerven mehr, bei Null anzufangen. Das müssten dann die Jungen im Unternehmen machen, die auch schon die Geschäftsführung innehaben. Ich würde lieber hier bleiben.

Wenn Sie heute noch mal 20 Jahre alt wären: Würden Sie wieder ein Unternehmen gründen und wenn ja welches?

Ja, und wieder ein produzierendes. Es gibt nichts Spannenderes als Lebensmittel zu produzieren.

Es ist Ihnen zweifelsohne gelungen, mit eine große Marke aufzubauen. Wie schafft man das?

Mit viel Geld oder viel Zeit. Geld hatte ich aber leider keines. Deswegen war meine Philosophie durchhalten. Man darf nie aufgeben. Niemals.

( kurier.at ) Erstellt am 07.02.2018