Wirtschaft 06.02.2017

Standort Österreich bekommt Sparstift der Multis zu spüren

Umgesiedelt: 200 Firmen sind mit Osteuropa-Zentrale aus Österreich abgezogen © Bild: MILOSLUZ - FOTOLIA

Österreich hat 200 Osteuropazentralen weniger als zur Jahrtausendwende. Aus vielen Gründen.

In den Führungsetagen der multinationalen Konzerne regiert der Sparstift. Konzernbosse rund um den Erdball eliminieren auf der Suche nach mehr Effizienz ganze Managementebenen. Das bekommt auch Österreich zu spüren.

"Zur Jahrtausendwende gab es noch mehr als 300 Osteuropa-Zentralen in Österreich, jetzt nur mehr gut 100", sagt Hannes Pichler, Österreich-Chef der Boston Consulting Group. In den 1990er-Jahren habe Österreich Firmen mit vielen Dienstleistern und gut qualifizierte Mitarbeiter angelockt. In der Zwischenzeit haben die Osteuropäer aufgeholt, die Märkte haben sich angeglichen.

Viele international agierende Gruppen haben ihre Osteuropa-Zentralen aber gar nicht gen Osten abgezogen, sondern gleich ersatzlos aus dem Organigramm gestrichen. Pichler: "Sie haben jetzt eine Europazentrale die für alles vom Ural bis Frankreich zuständig ist." In den Konzernen sind also immer weniger Manager für immer mehr Entscheidungen verantwortlich.

Vorreiter Autoindustrie

Dass das mitunter wie geschmiert funktioniert, haben die Autobauer vorgemacht. Sie haben früh begonnen, die einzelnen Teile für sämtliche Fabriken zentral – und damit möglichst günstig – einzukaufen. Eine Sitte, die mittlerweile auch bei großen Konsumgüterherstellern Usus ist. Vom Hersteller von elektrischen Zahnbürsten bis zur Tiefkühllasagne. Pichler: "Ein Lebensmittelhersteller mit weltweit 200 Werken kauft zentral ein. Und zwar alles, vom Zucker bis zum Karton."

Gleichzeitig rollt eine Konsolidierungswelle über ganze Branchen hinweg. Viele verschwinden von der Bildfläche. Jene, die übrig bleiben, werden größer. "In der Lebensmittelproduktion hat sich die durchschnittliche Werkgröße binnen 15 Jahren verdreifacht", sagt Pichler.

Wo früher typischerweise fünf bis sieben Lieferanten zum Zug kamen, sind es jetzt oft nur noch ein Haupt- und zwei Nebenlieferanten. Wer in dieser Größenordnung als Hersteller mitspielen will, muss selbst entsprechende Mengen liefern können – oder eine Nische finden, die noch nicht besetzt ist.

Auch das reicht nicht immer aus. Einkäufer fordern verstärkt zusätzliche Serviceleistung. Von der Lagerung bis hin zur Integration der Produktentwicklung in die Forschung des Auftraggebers. Manchmal entscheidet aber auch schlicht der Preis darüber, wer einen Auftrag an Land zieht. Im Lebensmitteleinzelhandel beispielsweise, wenn es um die Produktion günstiger Handelsmarken geht. Diese werden oft über Internet-Ausschreibungen an den Billigstbieter vergeben – und das gleich für ein Dutzend Länder.

( kurier.at ) Erstellt am 06.02.2017