Wirtschaft
26.10.2018

Sportliches Lehrlings-Casting: Mit 30 Liegestützen zum Job

Das bfi Wien geht neue Wege, um Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zusammenzubringen

Einer geht noch. Mit Bravour. Blago ist gar nicht zu stoppen. Im Eiltempo hat er 30 Liegestützen absolviert. Seine drei Mitbewerber sind verblüfft, sie scheitern schon beim zweiten oder dritten Mal an der Technik. Nächste Aufgabe: Jonglieren. Mit einem Ball geht’s noch recht einfach, der zweite Ball wird zur Herausforderung. „Was musst du verändern, denk nach!“, feuert der Trainer die Jungen an. Blago schafft es als einziger. Der „Sprossengang“ über die Steh-Leiter ist für ihn nur noch Kür.

Was sich nach Musterung beim Bundesheer anhört, ist eine neue Form der Lehrlings-Vermittlung durch ein mehrstufiges Casting. Unter dem Motto „Perfect Match“ bringt der Überbetriebliche Lehrlingsausbildner bfi Wien Jugendliche und Betriebe zusammen. Am Donnerstag zeigen 32 junge Männer, dass sie das Zeug für eine erfolgreiche Fachkräftekarriere als Elektrotechniker haben. Auch interessierte Schüler der Polytechnischen Lehrgänge nehmen am Casting im Berufsausbildungszentrum (BAZ) in Wien-Brigittenau teil.

Neun Firmenvertreter sind gekommen, mit Dutzenden freien Lehrstellen im Gepäck. „Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wie die Lücke zwischen Lehrstellen und Lehrstellensuchenden auseinanderklafft, sondern handwerklich interessierte Jugendliche direkt mit den Betrieben zusammenbringen“, umreist bfi-Wien-Geschäftsführer Franz-Josef Lackinger die Idee. Insgesamt finden drei Lehrlings-Castings an drei verschiedenen Tagen statt.

Geschicklichkeit

Anders als bei üblichen Bewerbungen zählen beim Casting nicht Zeugnisnote und Bewerbungsschreiben, sondern theoretische (Mathe, Deutsch, Logik) und praktische Übungen, ein persönliches Gespräch – und Koordinationstests. „Wer einen handwerklichen Beruf ergreifen will, sollte über ein Mindestmaß an Fitness und Geschicklichkeit verfügen“, erläutert Sportpsychologe Simon Brandstätter. Bei den Tests gehe es aber auch um Motivation, Konzentration, Durchhaltevermögen oder Umgang mit Frustration. „Wie reagiert der Jugendliche, wenn etwas misslingt, lässt er sich leicht ablenken?“

Geschicklichkeit allein ist für die Elektro- und Gebäudetechnik freilich zu wenig. Im praktischen Teil müssen die Jugendlichen auch erste Werkstücke anfertigen. Manche scheinen mit der richtigen Auswahl des Werkzeuges etwas überfordert, gemeinerweise liegen sie in unterschiedlichsten Größen und Formen herum. Alina Wuzella, Lehrlingsbeauftragte der Firma Otto Stöckl Elektroinstallationen, schaut den Burschen genau auf die Finger. Sie sucht für nächstes Jahr noch sechs Lehrlinge und findet das Casting „sehr spannend“. „Die Lehrlinge werden uns hier quasi auf dem Silbertablett serviert, wir können sie sogar persönlich kennenlernen“, schwärmt sie. Zeugnisnoten würden oft wenig aussagen, „wir gehen auch nach Sympathie“.

Am Ende des Tages wird ein Casting-Sieger prämiert, der idealerweise bereits mehrere Jobangebote in der Tasche hat. Der sportliche Blago will unbedingt Elektrotechniker werden. Drei Wochen habe er sich auf das Casting vorbereitet, erzählt er, dabei viel Streetworkout betrieben. Schwieriger wird für ihn der Theorie-Teil, Mathematik und Deutsch sind nicht seine stärksten Fächer.

bfi-Wien-Chef Lackinger will mit dem Casting auch zeigen, „dass wir der Wirtschaft die Lehrlinge nicht wegnehmen“. Die überbetriebliche Lehrausbildung (ÜBA)  sei aber auch in Zukunft für alle jene wichtig, die die Wirtschaft, aus welchen Gründen auch immer, nicht wolle. Die jüngste Kritik an den Lehrwerkstätten hält er für "äußerst kontraproduktiv", die ÜBA sei keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Den Betrieben empfiehlt er, ihren Rekrutierungsprozess kritisch zu überdenken. „Derzeit entgehen ihnen unzählige Rohdiamanten, die dann wir bis zur Lehrabschlussprüfung führen.“ Neun von zehn bfi-Lehrlingen schaffen auch den Abschluss.

8000 Ersatzlehrstellen

Derzeit werden österreichweit rund 8000 Jugendliche in einer ÜBA ausgebildet, die meisten davon in Wien. Hier ist die Zahl der Lehrbetriebe in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Viertel gesunken. Weil es außerhalb von Wien derzeit viele unbesetzte Lehrstellen gibt, wollen Regierung und Wirtschaftskammer (WKO)  die staatlichen Ersatzlehrstellen stark zurückfahren und stattdessen mehr Lehrlinge überregional vermitteln.