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Wirtschaft
12/14/2021

Sportartikelhändler zu Lockdown und Hilfen: „Das ist eine Provokation“

In den Wintersportorten ist die Nervosität hoch. Intersport-Chef Schmitz wünscht sich 1.000-Euro-Gutscheine für alle statt den nächsten Lockdown

von Simone Hoepke

Der Sportartikelhändler Christoph Bründl sagt von sich selbst, dass er langsam zum Wutbürger werde. 31 Sportgeschäfte hat er in Top-Skigebieten wie Ischgl, Schladming oder Mayrhofen, der Umsatz seines Unternehmens lag vor Ausbruch der Pandemie bei rund 76 Millionen Euro. Zuletzt hatte er 16 Millionen Euro in einen Standort in Kaprun investiert, doch seit Ausbruch der Pandemie waren seine Häuser großteils geschlossen. Von Gesetzes wegen. „Und auf den Ausfallbonus warte ich seit 254 Tagen“, ärgert sich der Händler. Es sei schlicht unerträglich, wie Unternehmer, die nebenbei große Steuerzahler seien, in der Pandemie von der Politik hingehalten werden.

Geänderte Vorzeichen

Die Sportartikelhändler starten bereits angeschlagen (von den Lockdowns des vergangenen Winters) in eine Saison, deren Erfolgsaussichten überschaubar sind. Erst im November hatte Christian Helmenstein, Chef vom SportsEconAustria Institut für Sportökonomie (SpEA), im Auftrag der Wirtschaftskammer eine Branchenumfrage gestartet und drei Szenarien für den Winter gerechnet. Diese sind nach der nun prognostizierten Verbreitung der Omikron-Variante und den damit drohenden Reisebeschränkungen mehr oder weniger hinfällig. „Das schlimmste Szenario von November wird aus heutiger Sicht wohl noch zu optimistisch sein“, schätzt Helmenstein. Für die laufende Saison rechnet er mit Umsatzeinbrüchen von 70 bis 90 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau.

„Wir stehen gleich da wie vor einem Jahr. Es droht das zweite Mal in Folge ein Totalausfall“, fürchtet Michael Nendwich, Sprecher des Sportartikelhandels in der Wirtschaftskammer Österreich. In den touristischen Gebieten gibt es laut der Studie 750 Sportartikelgeschäfte, deren Umsätze zu 70 Prozent von Gästen aus Deutschland, den Niederlanden und England abhängen. Kein Gast, kein Umsatz, so die einfache Rechnung. Aufholen kann die Branche relativ wenig. Nendwich: „Einen Ski, den wir Weihnachten nicht verleihen, können wir im Februar nicht doppelt verleihen.“ Und auch die Online-Umsätze sind laut der SpEA-Studie bescheiden. Sie kommen gerade einmal auf einen Anteil von zwei Prozent. „Die Spirale dreht sich nach unten, wir reden uns den Mund fusselig“, sagt Thorsten Schmitz, Geschäftsführer von Intersport Österreich.

1.000 Euro verteilen?

Er zweifelt, dass der Druck in Sachen Impfung zielführend ist: „Vielleicht wäre es besser mit Anreizen zu arbeiten und jedem Geimpften einen Shopping-Gutschein von 1.000 Euro zu geben. Der Schaden wäre vielleicht geringer als jener eines weiteren Lockdowns.“

Was die Branche besonders wurmt: Während sie zu hatte, brummte das Geschäft in den Supermärkten. Hier hätten sich die mächtigen Lobbyisten wieder einmal durchgesetzt, ätzt Bründl: „Das ist eine Provokation.“

Das größte Problem sehen die Sportartikelhändler in den Skigebieten übrigens nicht in den übervollen Lagern, sondern in der Abwanderung der Mitarbeiter in andere Branchen. „Wenn wir noch einmal geschlossen werden, können wir die Mitarbeiter nicht mehr halten“, sagt Holger Schwarting, Geschäftsführer des Händlerverbunds Sport 2000.

Österreich lag vor Ausbruch der Pandemie mit einem Absatz von knapp 445.000 Paar Ski auf Platz 2 hinter den USA. Hauptabnehmer der heimischen Ski-Industrie ist der touristische Sportartikelhandel.

„Die Abhängigkeit des touristischen Sportfachhandels von den Branchen Hotellerie, Gastronomie und Tourismus ist sehr stark“, bestätigt Studienautor Christian Helmenstein. „Auf jeden Euro, der im touristischen Sportfachhandel umgesetzt wird, kommen 51 Cent in vor- und nachgelagerten Branchen." Laut einer Umfrage seines SpEA-Instituts, erwarten 86 Prozent der Händler diese Saison wieder Umsatz- und Gewinnverluste.

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