Wirtschaft 29.12.2011

Signore Berlusconi und die Krise

© Bild: rts

Berlusconi gehören einige der größten Unternehmen Italiens. Jetzt bekommt das Firmenimperium des Ex-Premiers Risse.

Nach dem politischen Aus kämpft der ehemalige Premier Silvio Berlusconi an vielen Fronten für sein weitverzweigtes Familienimperium. Mit einem Meteoriteneinschlag, einem Unglücksfall, der Italien blitzartig getroffen hat, vergleicht Berlusconi die Schuldenkrise. Die Folge sei, so Berlusconi bei einer Espresso-Pause am Rande seines Korruptionsprozesses im Mailänder Gericht, ein „immenser Flächenbrand“ in den Unternehmen. Dieser macht auch vor seinem eigenen Imperium nicht halt. Sofort nach seinem erzwungenen Rücktritt hat er angekündigt, sich in Zukunft wieder mehr um sein Unternehmen zu kümmern, das in einigen Bereichen Risse bekommen hat.

Zu seiner 1978 gegründeten Familienholding zählen einige der größten Unternehmen Italiens: das private Fernsehunternehmen Mediaset, der Großverlag Mondadori, der Versicherungs- und Bankkonzern Mediolanum, die Filmproduktionsfirma Medusa Film und der Fußballverein AC Mailand. In einer für westliche Demokratien unvergleichlichen Art konnte der Cavaliere seine Macht auf dem italienischen Fernsehmarkt uneingeschränkt ausbauen. In all den Jahren gelang es auch den linken Parteien nicht, den Interessenskonflikt zwischen Politik, Medien und Wirtschaft einzuschränken.

Schalthebeln der Macht

Besonders bekommt das TV-Unternehmen Mediaset die Folgen zu spüren, dass Berlusconi nicht mehr an den Schalthebeln der Macht sitzt. Nach Schätzungen von Analysten wird aufgrund sinkender Werbeeinnahmen der Gewinn gegenüber dem Vorjahr um 100 Millionen Euro auf 326 Millionen Euro fallen. Werbeeinschaltungen bei Mediaset sind nicht mehr so lukrativ. In seiner Zeit als Regierungschef
lag der Anteil der Fernsehwerbung in den Mediaset-Sendern bei 63 Prozent. Kaum ein italienisches Unternehmen wollte auf aussichtsreiche Kontakte zu Berlusconis Entourage verzichten und hoffte auf Staatsaufträge. In einem schwachen Moment gestand der Medientycoon, dass er „nichts mehr zu sagen habe“. Die Aktien befinden sich auf Talfahrt: Eine Mediaset-Aktie mit Berlusconi als Hauptaktionär war vor einem Jahr noch mehr als fünf Euro wert, bis Jahresende sank sie auf ein Rekordtief von zwei Euro.

Die drei privaten TV-Kanäle, die für ihre seichten, sexistischen Shows berüchtigt sind, haben zudem mit sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen. Mediaset bekommt immer stärker die Konkurrenz des Pay-TV-Senders Sky Italia , der dem australischen Medienmagnaten Rupert Murdoch gehört, zu spüren. Sky zählt derzeit mehr als fünf Millionen Abonnenten in Italien. Das Angebot an Fußballübertragungen und Kinofilmen, sowie eine drastische Preisoffensive machen den Pay-Sender attraktiv. „Die Schwierigkeiten für Berlusconi entstehen nicht allein daraus, dass er nicht mehr Premier ist. Auch der Einbruch der Werbeeinnahmen ist nur ein Teil des Problems. Die Herausforderung liegt darin, dass die gesamte Verlags- und TV-Branche angesichts der digitalen Revolution künftig neue Business-Modelle finden muss“, schränkt Giuliano Noci, Vizedirektor der Business School MIP in Mailand im KURIER-Gespräch ein. Man dürfe nicht vergessen, dass Berlusconi mit einem Vermögen von 7,8 Milliarden US-Dollar (Forbes) mit Abstand der reichste Mann Italiens ist. Noci: „Ich glaube kaum, dass die Einbußen einen großen Einfluss auf Signor Berlusconis Geldtasche haben werden.“ Erst im Sommer wurde der Cavaliere nach einem jahrelangen Rechtsstreit vom Europäischen Gerichtshof zur Rückzahlung von einer halben Milliarde Euro an den italienischen Staat verurteilt. Die Regierung unter Berlusconi hatte 2004 bei der Umstellung auf digitales Fernsehen Mediaset einseitig bevorzugt, den Wettbewerb verzerrt und ungerechtfertigte Subventionen kassiert.

AC Milan

Mehr emotionales denn finanzielles Kopfzerbrechen bereitet dem Mailänder Unternehmer derzeit sein Fußballclub AC Mailand, der dem Fußballfan besonders am Herzen liegt. Im Zuge des Sparkurses – es gilt einen Schuldenberg in der Höhe von 400 Millionen Euro abzubauen – werden auch die Spielergehälter gekürzt. An der privaten Front ist kein Ende der Schlammschlacht zwischen dem Medientycoon und seiner Noch-Ehefrau Veronica Lario in Sicht. Die ehemalige Schauspielerin, die nach unzähligen Sexskandalen ihres Mannes 2009 genervt die Scheidung eingereicht hat, fordert eine jährliche Entschädigung von 43 Millionen Euro – das sind stolze 3,5 Millionen Euro im Monat. Viel Zeit wird dem Unternehmer und Politiker in Personalunion allerdings nicht für sein Imperium und seinen Scheidungskrieg übrig bleiben. In erster Linie ist er an einem Polit-Comeback interessiert: Der 75-Jährige zieht weiterhin die Fäden in seiner Mitte-rechts-Partei und bereitet sich auf den nächsten Wahlkampf vor.

Erstellt am 29.12.2011