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Wirtschaft
08/08/2019

Sechs Fakten zum Lehrlingsmangel

Klein- und Mittelbetriebe finden nicht genügend junge Mitarbeiter. Oberstufen-Schulen sind harte Konkurrenz.

von Irmgard Kischko, Anita Staudacher

Österreichs Handwerks- und Gewerbebetriebe könnten eigentlich zufrieden sein: Die Auftragsbücher sind voll, das Geschäft läuft bestens. Dennoch mischt sich Pessimismus in die anscheinend ungetrübte Konjunkturstimmung. Denn die kleinen und mittleren Betriebe haben ein großes Problem: Sie finden zu wenig Nachwuchskräfte, insbesondere im ländlichen Raum.

„Wir haben um fünf Prozent mehr Lehrlinge eingestellt. Aber wir bräuchten noch viel mehr“, sagt Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Sparte Handwerk und Gewerbe in der Wirtschaftskammer (WKO). Sie vertritt 240.000 Betriebe, vom Tischler über Elektrotechniker bis zum Personalvermittler. Die meisten davon sind sehr klein, beschäftigen nur bis neun Mitarbeiter.

In Summe sind das 790.000 Menschen, darunter 46.000 Lehrlinge. Das ist die Hälfte aller Lehrlinge in Österreich. Trotzdem würden zusätzlich 26.000 Mitarbeiter gesucht. Scheichelbauer-Schuster befürchtet, dass sich der Mangel an Arbeitskräften noch deutlich verschärfen werde.

Warum das so ist und was man dagegen tun könnte:

Demografie

In den nächsten Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen. „Da wird eine Lücke in den Betrieben entstehen“, fürchtet Scheichelbauer-Schuster. Aber derzeit entscheiden sich zu wenige junge Leute für eine Lehre.

Qualifizierung

Ein Großteil der Jungen und Eltern glaubt, dass nur eine Höhere Schule die Chancen am Arbeitsmarkt verbessert. Scheichelbauer-Schuster widerspricht: „Die Mehrheit der Betriebe, die Personal suchen, wollen Fachkräfte mit Lehrabschlussprüfung.“ Es gebe kaum Arbeitslose unter den Jungen mit abgeschlossener Lehre. Die Zahl der arbeitslosen Akademiker dagegen steige.

Konkurrenz

Handwerksbetriebe stehen bei der Suche nach Lehrlingen im Wettbewerb mit den Schulen, die angesichts des Geburtenrückgangs mehr um junge Menschen werben. Nur noch knapp 40 Prozent eines Abschluss-Jahrgangs an der Pflichtschule entscheiden sich für eine Lehre. „Wir bräuchten zumindest 50.“

Karrierechancen

Karrierechancen Aufstieg im Berufsleben und gute Bezahlung ist in den Köpfen der meisten Österreicher nicht mit einer Lehre im Handwerk oder Gewerbe verbunden. Hier sei einiges verbessert worden, unterstreicht die Obfrau. Zum einen sei die Lehrlingsentschädigung in fast allen Berufsgruppen deutlich erhöht worden, zum anderen sei der Wert der Meisterprüfung auf das Niveau eines Bachelors, also Uni-Abschlusses, gehoben worden.

Lehre nach Matura

Um den Bewerberpool auszuweiten und die Attraktivität der Lehre zu heben, sollen jetzt AHS-Maturanten angeworben werden. Oberösterreich startete im Vorjahr mit der „Dualen Akademie“ ein eigenes Ausbildungsangebot für Maturanten, andere Bundesländer sind gefolgt. In Wien starten ab September die Gärtner und Floristen. Die Lehrzeit ist verkürzt, dafür wird von Beginn an das volle Einstiegsgehalt bezahlt. Bisher sind nur drei Prozent der Lehrlinge Maturanten. Mehr Berufsberatung soll helfen.

Kosten

Andreas Wirth, Bundesinnungsmeister der Elektro- und Gebäudetechniker, hebt noch einen Punkt hervor: Ein Lehrling koste ein Unternehmen rund 15.000 Euro im Jahr. Diese Kosten könnten aber nur selten an die Kunden weitergegeben werden. „Wenn man eine Lehrlingsstunde auf die Rechnung schreibt, streichen sie die Kunden wieder heraus“, berichtet er.

Josef Schellhorn kritisiert verkrustete Strukturen

"WKO fehlt es an Visionen"

Neos-Wirtschaftssprecher und Gastronom Sepp Schellhorn wirft der Wirtschaftskammer (WKO) vor, den Fachkräftemangel   verschlafen zu haben. „WKO-Präsident Harald Mahrer  ist viel zu spät draufgekommen, dass  es Personalengpässe gibt“, kritisiert Schellhorn. Seither vermisse er  Konzepte, die den Betrieben wirklich helfen: „Der WKO fehlt es bei diesem Thema an Visionen. Gerade jetzt braucht es aber einen großen Wurf und einen Schulterschluss der Sozialpartner.“

Besonders prekär ist der Fachkräftemangel im Tourismus. Schellhorn sieht dafür drei Gründe: Die demografische Entwicklung gepaart mit  zunehmender Landflucht; der Wunsch vieler Jugendlicher, lieber Teil der Freizeitgesellschaft zu sein als für sie zu arbeiten. Und letztlich würden „Inaktivitätsfallen“ Arbeitslose daran hindern, zwecks Jobaufnahme von Ost- nach Westösterreich zu ziehen. Die Zumutbarkeitsbestimmungen nennt er hier ebenso wie die hohe Abgabenquote. „Weil netto zuwenig übrig bleibt, lohnt es sich nicht,   umzuziehen.“

Als Akut-Maßnahme gegen den Fachkräftemangel spricht sich Schellhorn für mehr Zuwanderung aus Drittstaaten durch niedrigere Einkommens-Hürden bei der Rot-Weiß-Rot-Card aus. Weiters soll es einen Abschiebestopp für Asylwerber geben, die gerade eine Lehrausbildung machen. Und die „Duale Akademie“ soll forciert werden.