Schuldenkrise: Kurze Leine für die Spekulanten

Händler in Panik: Ein Verfall der Aktienkurse trifft sie oft überraschend. Gründe gibt es erst im Nachhinein
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Europa will die wilden Spekulationen gegen Schuldnerstaaten eindämmen. Experten sagen, wie das gehen könnte.

Sie sind die Zündler an den Finanzmärkten, die die Herde in Bewegung bringen: Die Spekulanten, meist große Hedge Fonds, die ihren Sitz auf einer Karibikinsel haben. Sie suchen nach geeigneten Opfern wie derzeit hoch verschuldete europäische Staaten und setzen auf einen Verfall der Kurse ihrer Staatsanleihen.

Und sie finden gute Gründe dafür, dass die Anleihen an Wert verlieren müssen. Zum Beispiel für Italien: Das Land braucht im zweiten Halbjahr 2011 rund 170 Milliarden Euro an frischem Geld, das es über die Emission von Anleihen aufbringen will. Angesichts der hohen Schulden sei aber nicht sicher, ob Italien auf Dauer zurückzahlen könne. Daher müssen die Anleihen billig sein, die Kurse also tief und die Zinsen hoch, lautet die Analyse der Hedge Fonds. Darauf springt die Masse der Investoren - von großen Pensions- und Investmentfonds, Versicherungen bis zu Kleinanlegern auf. Sie stoßen ihre Italien-Anleihen ab, weil diese ja an Wert verlieren werden und die Abwärtsspirale kommt in Gang.

Hedge Fonds als Gewinner

Die Gewinner: Die Hedge Fonds, die auf die fallenden Anleihekursen spekuliert haben. Die Verlierer: Italien und die anderen Schuldnerländer, für die die Aufbringung von Mitteln über Anleihen künftig viel teurer wird. Und im Endeffekt die Steuerzahler aller europäischer Staaten, die einspringen müssen, wenn eines dieser Länder die Schulden nicht mehr tilgen kann.

Ideen

Kann Europa das Spiel der Spekulanten beenden und wenn ja, wie? Einige Ideen:

Leerverkaufs-Verbot Ein Instrument, um auf fallende Kurse zu setzen, ist der Verkauf von Aktien oder Anleihen, die man ausgeborgt hat. Viele Länder, darunter auch Österreich, haben Leerverkäufe auf Bankentitel an der Börse untersagt. Das Problem: Hedge Fonds weichen rasch auf andere Börsenplätze aus.

Börsenzwang Die Kreditausfallsversicherungen, mit denen sich Investoren gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners schützen, sind zum Spielball der Spekulanten geworden. Diese Versicherungen werden bilateral gehandelt. Investoren können damit auf einen Ausfall der Schuldentilgungen spekulieren. Gerhard Rehor, Vorstand der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien schlägt vor, dass diese Versicherungen nur mehr über Börsen gehandelt werden dürften. Damit würde der Markt transparent. Zudem sollten die Investoren eine Sicherheit hinterlegen. Viele Hedge Fonds könnten sich das nicht leisten, was den Kreditausfallsversicherungs-Markt wesentlich eindämmen dürfte.

Euro-Finanzagentur Europa sollte eine zentrale Finanzierungsstelle schaffen, die Anleihen (Eurobonds) ausgibt, die als Geldquelle für die europäischen Staaten zur Verfügung stehen, schlägt Stephan Schulmeister vom Wirtschaftsforschungsinstitut vor. Gegen Eurobonds, hinter denen alle 17 Euro-Staaten stehen, könnten Spekulanten nicht leicht vorgehen. Vorbild könnte der europäische Rettungsfonds sein, der seit Jänner schon Eurobonds für Irland und Portugal begeben hat. Deren Verzinsung liegt minimal über deutschen Bundesanleihen.

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(kurier) Erstellt am
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