Wirtschaft
07.06.2017

Sauwohl: Artgerechte Haltung wird Supermarkt-Trend

Das Umdenken kostet aber: Die Kunden müssen um bis zu 20 Prozent mehr zahlen.

Die Umfragen sind eindeutig. Die Mehrzahl der Konsumenten ist bereit, für eine Verbesserung der Haltung von Nutztieren mehr zu bezahlen. Allerdings haben Umfragen nicht notwendigerweise viel mit der Realität zu tun. Ob die Kunden tatsächlich bereit sind, für Tierwohl tiefer in die Tasche zu greifen, ist keineswegs ausgemacht.

Doch nun scheint ein Umdenken eingesetzt zu haben. "Momentan ist die Zeit reif", begründet die Pressesprecherin von Spar, Nicole Berkmann, eine neue Schwerpunktsetzung im konventionellen Fleischangebot in Niederösterreich. Dort bietet Spar neuerdings mit der Marke "Tann-Heimathöfe" Fleisch von Schweinen an, die deutlich mehr Platz haben als in der konventionellen Tierhaltung. Spar bietet mit dem Murbodner Rind und dem Strohschwein schon länger solche Spezialprodukte an. Bisher allerdings nur regional.

Seit Jahresbeginn verkauft Hofer die neuen Wurst- und Fleischmarke "Fairhof" vom Fleischverarbeiter Hütthaler. Auch da geht es um höhere Tierschutzstandards. Die 14 Fairhof-Produkte werden derzeit im nördlichen Burgenland, Niederösterreich und Wien angeboten.

Artgerecht

Bei Rewe (Merkur , Billa, Penny) gibt es seit Monatsbeginn drei neue Produkte der Marke Almo. Es geht dabei um Almochsenfleisch aus artgerechter Alm- und Weidehaltung sowie um Transport und die Art der Schlachtung. Das Tierschutzsiegel kommt von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Nicht nur, dass die Bauern mehr für die aufwendigere Tierhaltung bekommen, auch die Zertifizierung muss bezahlt werden. Daher muss der Preis höher sein als bei konventionellen Produkten. Paul Pöttschacher, Pressesprecher von Rewe, ist überzeugt, dass die Kunden bereit sind, für das Tierwohl mehr Geld auszugeben. "Sonst würden wir die Produkte nicht anbieten".

Auch die Agrarmarkt Austria (AMA) hat begonnen, bei ihren Gütesiegeln Kriterien für den Tierschutz vorzugeben. Für die Schweinehaltung wurde bereits ein umfassender Kriterienkatalog erstellt. Demnächst soll es ein Tierwohlprogramm für Rinder geben.

In Deutschland wurde bereits ein staatliches Tierwohlsiegel für die Schweinezucht ausgegeben. Die Teilnahme am Programm erfolgt auf freiwilliger Basis. Der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt zur Frage, um wie viel die Preise für konventionelle Fleischprodukte dadurch steigen werden: "Wir gehen davon aus, dass der Aufschlag pro Kilo Schweinefleisch bei zehn bis zwanzig Prozent liegen wird."

Großer Bluff

Ein großes Problem des deutschen Tierwohlsiegels ist die Glaubwürdigkeit. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel nannte die Initiative einen "großen Bluff". Die Süddeutsche Zeitung titelte "Täuschung mit staatlichem Gütesiegel". Die Vorgaben zur Tierhaltung brächten kaum Verbesserungen, lautete die Kritik. Der Chef des deutschen Tierschutzverbandes, Thomas Schröder, sprach daher von einer der "größten PR-Lügen der vergangenen Jahre".

Wenn bei der Festlegung der Kriterien für das Tierwohl alle Beteiligten mitreden, besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit leidet. Wenn die Tierschutzorganisationen ihre eigenen Kriterien vorgeben, gibt es ein Problem mit der Vergleichbarkeit. Die EU könnte, wie bei Bioprodukten, verbindliche Vorgaben erlassen. Doch davon sind die Mitgliedsstaaten noch sehr weit entfernt.

Besserer Tierschutz kostete Marktanteile

Bereits vor Jahren wurden die Tierschutzstandards für Puten und Hühner über das von der EU vorgegebene Niveau angehoben. Es dürfen weniger Tiere auf einer bestimmten Fläche gehalten werden als in anderen EU-Staaten. Daraufhin sank der Marktanteil bei heimischen Puten von 70 auf 30 Prozent. Allerdings wurde mit dem verbesserten Tierschutz nicht als Verkaufsargument geworben.

Vor allem im Gastrobereich werden aus Kostengründen gerne Produkte aus dem Ausland gekauft. Eine Umfrage unter Gastroketten hat ergeben, dass sieben von zehn Betrieben Hühnerfleisch importieren.

Es gibt daher die Forderung von Vertretern der Landwirtschaft und von Konsumentenschützern , die Herkunft der Produkte in der Gastronomie anzugeben. Einige Gastwirte machen das auf freiwilliger Basis. In der Schweiz gibt es seit Jahren eine entsprechende Vorschrift. In Österreich wurde eine Kennzeichnungspflicht bisher erfolgreich verhindert.