Ob der kranke Kronprinz Salman (2. von rechts, vorne) König wird, ist offen.

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Unter Druck
01/08/2015

Saudi-Arabiens gefährliches Polit-Spiel mit dem Öl

Der Niedergang der Ölpreise bringt Förderländer in Finanznöte. Soziale Unruhen drohen. Und in Saudi- Arabien steht eine Macht-Übergabe an.

von Irmgard Kischko

Der Zusammenbruch ist absehbar: Venezuela hängt am Öl-Tropf wie kaum ein anderes Förderland. 96 Prozent der Exporteinnahmen liefert das Schwarze Gold. Mit jedem Dollar, den der Ölpreis fällt, verliert das Land 700 Millionen Dollar. Die Wirtschaft wankt mit einer Inflationsrate von 63 Prozent am Abgrund, Grundnahrungsmittel werden bereits knapp, ein Staatsbankrott droht.

Andere Ölländer halten sich noch, wenn auch ihre Volkswirtschaften heftig unter dem Preissturz leiden. Russland, dessen Öl- und Gaseinnahmen drei Viertel seiner Export-Rechnung ausmachen, fällt heuer in die Rezession. Der Iran ringt um ein Budget, in dem die Öleinnahmen nur noch 30 statt 50 Prozent ausmachen. Auch in Nigeria, dessen Exporte zu 90 Prozent am Öl hängen, werden Ausgabenkürzungen unvermeidlich. Soziale Unruhen bis hin zu Bürgerkrieg sind zu befürchten.

Machtkampf

Saudi-Arabien aber bleibt hart. Erst vorgestern bekräftigte Kronprinz Salman, dass die Fördermenge trotz des Ölpreisverfalls nicht gekürzt werde. Die Saudis – die so billig produzieren wie kaum ein anderes Land – wollen die Macht am Weltölmarkt zurück, die ihnen teurere Förderstaaten wie Russland oder die USA streitig machten.

Doch der tiefe Ölpreis geht auch an den Saudis nicht spurlos vorbei. Denn Öl ist das einzige Getriebe der Wirtschaft der arabischen Halbinsel. 85 Prozent der Exporte und 90 Prozent des Staatsbudgets sind dem Öl zu verdanken. Diese Einnahmen werden an die Bevölkerung – genauer gesagt an die Männer – verteilt. Mit dem billigeren Öl wird weniger verteilt. Ein schwieriges Unterfangen, zumal ein Machtwechsel bevorsteht. König Abdullah (90) ist schwer krank, Kronprinz Salman (78) altersschwach. Als Nachfolger wurde Prinz Mukrin nominiert. Ob das alles glattgeht, ist aber unsicher.

Warum der Ölpreis fällt und fällt ..

Der Absturz geht weiter: Am Mittwoch hat der Preis des Nordseeöls sogar die Marke von 50 Dollar je Fass gerissen. Im Tagestief wurde Öl in Europa zu 49,66 Dollar gehandelt.

Analysten erwarten, dass Öl die nächsten ein bis zwei Jahre auf diesem niedrigen Niveau bleibt. Das Angebot sei weltweit viel zu hoch, die Nachfrage wegen der flauen Konjunktur in vielen Industrieländern und der Abkühlung in China schwach. Daran werde sich kurzfristig nichts ändern. Denn die Verbraucher fahren nicht mehr Auto, weil Sprit ein bisserl billiger ist, ist Tamas Pletsar, Öl-Analyst der Erste Group in Budapest überzeugt.

Und die Anbieter fördern weiter. Der Grund dafür liegt Jahre zurück: Als 2008 der Ölpreis in lichte Höhen von fast 150 Dollar je Fass (159 Liter) strebte, begannen Ölkonzerne rund um den Globus das Schwarze Gold auch unter schwierigsten und damit teuersten Bedingungen zu fördern. Ob tief im Meer, unter arktischen Bedingungen oder durch Sprengen von Gestein Schieferöl in den USA – jede Ölquelle wurde angezapft. „Die Investitionen haben die Unternehmen bereits bezahlt, jetzt geht es darum, mit der Förderung die laufenden Kosten zu decken“, erklärt Pletsar, warum die Förderung nicht zurückgenommen wird. Die OPEC, die rund ein Drittel des Welt-Ölangebots liefert, schaute lange zu. Ihr Marktanteil begann 2014 zu fallen, Ende des Jahres hatte das Ölkartell genug. „Die OPEC will mit tiefen Ölpreisen die teure Förderung aus dem Markt kicken“. beschreibt Istvan Zsoldos Zsopi, Chefvolkswirt des ungarischen Ölkonzerns MOL, den aktuellen Konkurrenzkampf am Ölmarkt.

Öl-Förderprojekte werden infrage gestellt

Auch die Entwicklung neuer Ölfelder steht wegen des tiefen Ölpreises auf der Kippe. Die norwegische Ölberaterfirma Rystad Energy rechnet damit, dass Öl-Projekte im Wert von mehr als 150 Milliarden Dollar gestoppt werden könnten. Auch die Entscheidung über 800 Ölförder-Projekte im Volumen von 500 Milliarden Dollar könnte aufgeschoben werden.

Die Norweger verwiesen neben den Offshore-Bohrungen vor Brasilien auch auf Nordseeöl-Projekte und Fracking.

Die Zurückhaltung bei neuen Investitionen wird sich allerdings erst mittelfristig bemerkbar machen. „Ein Ölfeld in schwer zugänglichen Gebieten anzuzapfen und wirtschaftliche verwertbar zu machen, dauert fünf bis sechs Jahre“, erklärte Erste-Group-Analyst Tamas Pletsar. Bliebe Öl lange auf dem aktuell tiefen Preisniveau, würden viele neue Projekte nicht umgesetzt und es könnte Ende dieses Jahrzehnts zu einer Ölknappheit und einem extremen Preisanstieg kommen.

Die Frage sei auch, wie viele Ölförderunternehmen die Tiefpreis-Phase überstehen könnten. Die Ratingagentur Moody’s warnt bereits vor einem „sehr herausfordernden Jahr für die Ölindustrie“. Energiekonzerne mit einem starken Ölförderbereich würden unmittelbar vom niedrigen Ölpreis getroffen, Ölfeldausrüster würden dann indirekt mit nach unten gezogen. Das härteste Jahr würden aber jene Unternehmen erleben, die sich auf Bohrungen in der Tiefsee spezialisiert hätten.

Fracking

Komme der Ölpreis im Jahresdurchschnitt 2015 bei 60 Dollar je Fass zu liegen, würden die Investitionen der US-Ölkonzerne um 30 bis 40 Prozent gedrückt, schätzt Moody’s. Vor allem Öl-Fracking werde reduziert. Denn für die meisten Fracking-Projekte sind Ölpreise von 70 Dollar notwendig. Nur wenige produzieren auch bei tieferen Preisen noch wirtschaftlich.

Im Gegensatz zu den teuren Tiefsee- und Arktis-Bohrungen können Fracking-Projekte allerdings rasch gestoppt, aber auch rasch wieder reaktiviert werden.

Unter dem billigen Öl leiden aber auch Ökoenergie-Projekte. Der Anreiz zu Investments in diesen Bereich sinkt mit dem Ölpreis-Verfall.

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