Wirtschaft
18.10.2017

Roaming-Aus: Abschalten im Urlaub war gestern

Handynutzung im EU-Ausland gleich wie im Inland. Für heimische Netzbetreiber ein Verlustgeschäft.

Billiger und bequemer für die Konsumenten, aber weniger Einnahmen für die heimischen Mobilfunker und Existenzsorgen bei kleineren Anbietern ohne Netz: So lässt sich die erste Zwischenbilanz nach vier Monaten Roaming-Aus zusammenfassen. Seit Mitte Juni gelten bei Reisen in ein anderes EU-Land dieselben Mobilfunk-Tarife wie daheim. 397 Euro pro Jahr sollte sich der durchschnittliche Handynutzer in Österreich dadurch ersparen, schätzte die EU-Kommission etwas großzügig.

Für HoT-(Ventocom)-Chef Michael Krammer ist das Roaming-Aus über den Sommer "voll aufgegangen". Es gebe keinerlei Verhaltensunterschiede bei den Handynutzung im In- und Ausland mehr. Vor allem die verstärkte Datennutzung etwa durch den Versand von Selfies oder Videos lässt die Netze glühen. Allein bei HoT habe sich im Juli und August die Zahl der verbrauchten Telefonieminuten im Jahresvergleich verdreifacht, die Anzahl der SMS verdoppelt und der Datenverkehr sogar um das 22-Fache erhöht. Dieser schnelle Anstieg sei durchaus überraschend gekommen.

WLAN überflüssig

Die anderen Mobilfunk-Anbieter bestätigen den Eindruck: "Das Roaming-Volumen ist enorm angestiegen. Viele Kunden, die sich früher im Ausland in ein WLAN eingewählt haben, surfen jetzt gleich los", sagt A1-Sprecherin Livia Dandrea-Böhm. Bei T-Mobile stieg der Datenverbrauch im Urlaubsmonat August gegenüber dem Vorjahr um das 14-Fache an. "Wir wussten, dass die Nutzung steigen wird, aber es ging noch schneller als gedacht", so T-Mobile-Sprecher Lev Ratner. Hutchison (Drei) spricht von einer Verdreifachung der Datenmenge über den Sommer.

Während sich die Handynutzer zusätzliche Gebühren sparen, müssen die Betreiber auf hohe Roaming-Einnahmen verzichten. Allein A1 erwartet für das Gesamtjahr fehlende Einnahmen von 40 Mio. Euro, die Quartals-Bilanz wird kommende Woche präsentiert.

Unter Druck

Schwer unter Druck kommen virtuelle Anbieter, die Datenvolumen für ihre Kunden derzeit mit Verlust zukaufen müssen. Erst in den nächsten Jahren sollen die Preise nach und nach sinken. "Für uns sind die Kosten für EU-Roaming um 315 Prozent gestiegen", klagt HoT-Chef Krammer. Er sieht eine Verzerrung des Wettbewerbs zugunsten großer Telekom-Konzerne und fordert, dass die von der EU regulierten Einkaufspreise im Ausland an jene im Inland angepasst werden. Mitbewerber spusu erreichte beim Regulator, wegen des negativen Deckungsbetrages wieder einen Roaming-Aufschlag verlangen zu dürfen. Die T-Mobile-Marke Tele.ring bietet einen Tarif auch ganz ohne Datenroaming an.