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Lebensmittel
03/15/2013

Rewe-Boss: "Nur billig funktioniert nicht"

Frank Hensel findet die Preisdebatten absurd und ärgert sich über realitätsferne Kritiker.

von Simone Hoepke

KURIER: Die AK prangert an, dass Lebensmittel in Österreich zu teuer sind. Jetzt sagt Landwirtschaftsminister Berlakovich, der Preiskampf im Handel ruiniere die Bauern. Ihre Sicht?

Frank Hensel: Die Diskussion ist absurd. Wir müssen Konsumenten den Wert der Lebensmittel wieder näherbringen. Nur billig funktioniert auf Dauer nicht. Das sieht man ja auch beim Kärntner Wursterzeuger, der nicht deklariertes Pferdefleisch verarbeitet und damit eine Zeitlang gut verdient hat. Jetzt ist das aufgeflogen, und er hat das Nachsehen, weil er keine Aufträge mehr hat.

Rewe setzt auf Vertragsbauern, um sich genügend Mengen zu sichern. Wird sich der Trend nach den jüngsten Skandalen verstärken?

Ja. Es waren ja genau jene betroffen, die anonym einkaufen – etwa Faschiertes, das dann in Lasagne verarbeitet wird. Die Skandale werden dazu führen, dass jene im Vorteil sind, die bereits freiwillig einen Herkunftsnachweis erbringen und Vertragspartner haben.

In welchen Bereichen arbeiten Sie mit Vertragsbauern?

Im großen Stil unter anderem bei Gemüse, Kartoffeln, Äpfeln oder Biogetreide.

Was entgegnen Sie jenen, die meinen, dass die ohnehin schon mächtigen Händler nun auch noch in der Landwirtschaft mächtig werden?

Unsere Partner sind mit uns zufrieden, sonst würden sie ja nicht mit uns zusammenarbeiten. Wir brauchen die österreichischen Bauern. Ohne sie hätten wir ja keine heimische Ware.

Kritisiert wird auch, dass nur noch Riesenbetriebe überleben können ...

Kritiker bieten oft keine oder nur völlig realitätsferne Alternativen. Es gibt bald neun Milliarden Menschen auf der Erde. Sind in jedem Stall nur drei Hühner, kann man nicht alle Menschen ernähren. Und dass jetzt jeder Selbstversorger wird, ist doch in Zeiten, in den die Städte wachsen, Utopie.

Also alles bestens?

Nein, natürlich müssen wir uns über industrielle Produktionsformen und Tierschutz unterhalten. Das machen wir auch. Bei unserer Eigenmarke Hofstädter haben die Tiere mehr Licht und Platz als vorgeschrieben.

Was halten Sie von einem Reisepass für Lebensmittel?

Ich denke, derzeit ist das ja noch mehr ein Schlagwort. Wenn es dazu führt, dass Warenströme besser abgebildet werden, bin ich dafür. Es braucht aber ein europaweites System. Die kritischen Punkte sind ja immer die Schnittstellen zwischen Ländern und Betrieben. Bei Hofstädter haben wir nur österreichisches Fleisch. Da müssen wir uns der Frage gar nicht stellen, ob es über Frankreich und Rumänien nach Belgien gekommen ist oder woher auch immer. Wir haben die Qualität im Griff.

Das dachten viele ...

Wir haben 170 Proben gezogen und alle waren in Ordnung. Die Behörde hat in einem ähnlichen Ausmaß Proben gezogen.

Was halten Sie vom Ruf nach strengeren Kontrollen?

Das ist nicht die Lösung. Kriminelle Machenschaften sind in jedem System möglich. Und man muss sich ja letztlich auch überlegen, wer das alles zahlen soll.

Werden die Skandale den Bio-Markt beflügeln?

Nein, das sehe ich nicht. Das Konsumverhalten hat sich nicht verändert. Es hat sich ja nicht um gesundheitsschädliche Ware gehandelt, sondern um Etikettenschwindel. Und es waren nur kleine Warengruppen betroffen. Tiefkühlgerichte wie Lasagne sind kein Massenprodukt.

Diskonter machen Supermärkten mit Markenartikeln Konkurrenz. Ihre Strategie?

Ich bin gelassen. Jetzt machen Diskonter mal uns etwas nach und nicht umgekehrt. Wir haben ja auch vor 14 Jahren mit clever eine Niedrigpreis-Marke eingeführt, um ihnen Paroli zu bieten.

Wie differenzieren Sie sich?

Durch die Sortimentstiefe, Frische und dadurch, dass wir viel mehr Mitarbeiter im Markt haben. Kundenbindungsprogramme und Gutscheine werden wichtiger.

Vor einem Jahr gab es in der Rewe-Zentrale eine Razzia wegen des Verdachts auf Preisabsprachen. Angeblich haben Sie sich mit den Wettbewerbshütern auf eine Strafe im einstelligen Millionenbereich geeinigt ...

Da wissen Sie mehr als ich. Laufende Verfahren kommentiere ich nicht.

Rewe baut Russland-Geschäft aus

Der Handelsriese Rewe International hat ein Filialnetz mit knapp 2500 Standorten über Österreich gespannt und beschäftigt landesweit rund 40.500 Mitarbeiter. Zum Konzern gehören die Vertriebsschienen Billa, Bipa, Merkur, Adeg und Penny. Die Rewe-Group hält im Lebensmittel- und Drogeriefachhandel einen Marktanteil von 35,3 Prozent.

Im Vorjahr hat der Konzern den Österreich-Umsatz um 3,44 Prozent auf 7,73 Milliarden Euro gesteigert. Vor allem an Tankstellen drückt Rewe in einem sonst gesättigten Markt aufs Expansionstempo. Bis Ende 2014 sollen jeden Monat an drei bis vier BP-Tankstellen neue Merkur-inside-Shops eröffnen.

Von Österreich aus werden auch die Auslandsmärkte Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Russland, Slowakei, Tschechische Republik Ukraine und Norditalien gesteuert. Die 42 Märkte in Süditalien hat Rewe Ende 2011 an den italienischen Händler Conard verkauft.

Die Umsätze der Auslandstöchter, die von Rewe International mit Sitz in Wiener Neudorf gesteuert werden, stiegen im Vorjahr um 2,37 Prozent auf insgesamt 5,02 Milliarden Euro. Dank neuer Filialen fiel das Plus in Russland und der Ukraine überdurchschnittlich hoch aus (+29 bzw. +16 Prozent). Wie hoch der Ertrag ist, verrät der Konzern – wie auch in den Vorjahren – nicht.

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