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Wirtschaft
08/03/2012

Reaktivierung der Rentner

Der zunehmende Fachkräftemangel und der Geburtenrückgang zwingen trotz steigender Arbeitslosigkeit immer mehr Unternehmen zum Umdenken.

von Anita Staudacher

Peter Weidinger ist 73 und geht zur Arbeit. Nicht weil ihm langweilig ist, nicht weil er das Geld braucht, sondern weil er "irgendwie dazugehören" will. Der rüstige Rentner ist regelmäßige Aushilfskraft bei der Welser Firma Austria Plastics. Ein bis zwei Mal im Monat für rund 200 Euro. Der ehemalige Produktionsleiter im Maschinenbau ist für die simple Kalender-Endfertigung zwar deutlich überqualifiziert, aber das stört ihn keineswegs: "Der Tag ist lang und ich kann nicht immer nur wandern oder Ski fahren gehen", begründet Weidinger seinen späten Job. Die Kinder seien weggezogen und "ich muss doch irgendwie bei der Stange bleiben".

Weidinger ist nicht der einzige aktive Rentner bei Austria Plastics, zwei weitere über 60-jährige Frauen helfen ebenfalls aus, wenn es viele Aufträge gibt oder gerade Urlaubszeit ist. Weitere werden noch gesucht. "Ganz egal, wie alt sie sind, ich nehme sie gerne", sagt Firmenchefin Renate Pyrker, die ihren Betrieb mit insgesamt 30 Mitarbeitern unterschiedlichen Alters als Best-Practice-Beispiel für eine österreichweite "Jobinitiative 70plus" sieht.

Ihr Projekt, ältere Menschen flexibel und mit KV-gerechter Entlohnung als freie Mitarbeiter oder geringfügig Beschäftigte in den Arbeitsprozess einzubinden, sieht sie als soziales Engagement, ähnlich wie für schwer vermittelbare Jugendliche. "Wir werden heute gesund 90 Jahre alt, aber niemand weiß, wie sich das auf die Psyche auswirkt, wenn jemand 30 Jahre lang keine Aufgabe zu erfüllen hat." Die Senioren bei Austria Plastics seien jedenfalls "psychisch viel besser beieinander als vorher". Fazit der Unternehmerin: "Holen wir sie doch zurück, wenn sie wollen."

Lohndumping

Die Gewerkschaft und die Wirtschaftskammer sehen das freilich anders. Sie werfen Pyrker vor, mit Billig-Arbeitskräften Lohndumping zu betreiben. Pyrker versichert, dass bei ihrem Projekt niemanden ein Arbeitsplatz weggenommen würde. Oft sei es auch gar nicht mehr anders möglich, die Stelle zu besetzen: "Versuchen Sie einmal, einen Siebdrucker zu finden. "

Was in Österreich noch skeptisch beäugt wird, ist in anderen Ländern nicht mehr ungewöhnlich. Fachkräftemangel und Geburtenrückgang zwingen immer mehr Unternehmen zum Umdenken. In Deutschland sorgt die baldige Abschaffung der strikten Zuverdienstgrenzen für eine zusätzliche Dynamik bei der Beschäftigung von Rentnern.

Der Autozulieferer Bosch etwa hat längst einen eigenen Seniorenpool. Der Hamburger Versandhandelsriese Otto mobilisiert gerade seine pensionierten Mitarbeiter als flexibel einsetzbare Personalressource, dafür wird sogar eine eigene Tochtergesellschaft gegründet. "Bei einem Erfolg kann ich mir das sehr gut auch für Österreich vorstellen", sagt Harald Gutschi, Chef der heimischen Otto-Tochter Unito, die 850 Mitarbeiter beschäftigt.

Know-how-Verlust

Für Personalentwickler Leopold Stieger, Betreiber der Plattform seniors4success , kommt die Reaktivierung der Rentner in Österreich reichlich spät. "Gehen die Menschen in Pension, geht ihr gesamtes Wissen mit in Pension, da muss früher angesetzt werden". "Jung und billig" einfach gegen "alt und teuer" zu tauschen, spiele es heute in vielen Branchen nicht mehr. Betriebe seien gut beraten, ihren Mitarbeitern Perspektiven für die Zeit nach dem Austritt anzubieten. "Behalte-Management", nennt das der Experte.

Erwin Schmidt, Chef der Personalberatung Aristid, die hoch qualifizierte Ältere als "Interims-Manager", vermittelt, sieht in Zukunft jedenfalls steigenden Bedarf bei den Firmen. "Die Not der Unternehmen ist groß, weil es einfach immer weniger geeignete Bewerber gibt", sagt er.

Um Pensionisten zu vermitteln, brauche es aber noch einige Überzeugungsarbeit. Und auch politisch – etwa bei den Zuverdienstgrenzen – müsste sich endlich etwas ändern. Der Arbeitsmarkt 60 plus wächst schon jetzt stetig. Bereits mehr als 100.000 Personen gehen einer geringfügigen oder vollen Erwerbstätigkeit nach (siehe Grafik).

Druck auf Erhöhung steigt

Mit der steigenden Anzahl an erwerbstätigen Pensionisten wächst auch die Front jener, die einen Wegfall der geltenden Zuverdienstgrenzen fordern. In Österreich dürfen lediglich Beamte im Ruhestand unbegrenzt dazuverdienen, während ASVG-Pensionisten bis 65 (Männer) bzw. 60 Jahren (Frauen) die Geringfügigkeitsgrenze von monatlich 376,26 Euro nicht überschreiten dürfen. Falls doch, verlieren sie den gesamten Pensionsbezug. Die Plattform seniors4success.atmobilisierte im Internet mehr als 100 Rentner für eine Petition an Sozialminister Rudolf Hundstorfer, um "diese Ungerechtigkeit endlich abzuschaffen", wie es Leopold Stieger ausdrückt. Die Antwort war negativ. "Das ist derzeit kein Thema", winkt man im Ministerium ab.

Die Senioren könnten den Jungen auf dem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt Jobs wegnehmen. "Stimmt gar nicht", meint Stieger. Die meisten Älteren würden ohnehin nur temporär und flexibel arbeiten wollen und oft spezielles Know-how einbringen, das oft nur noch im Ausland zu finden sei. Ein Wegfall der Zuverdienstgrenze würde auch die Schwarzarbeit eindämmen.

Rückenwind erhält die Forderung nach Lockerung durch eine geplante Neuregelung in Deutschland. Dort soll es ab 2013 möglich sein, mit Pension und Zuverdienst (Kombirente) so viel zu verdienen wie früher mit dem Gehalt. Bisher lag die Zuverdienstgrenze für Frührentner bei 400 Euro. In Skandinavien gibt es sogar Anreizmodelle für eine weitere Erwerbstätigkeit von über 60-Jährigen.

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