Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Teil der Gruppe Nizza-Wien am legendären Stilfserjoch
Masochisten unterwegs: Wer beim deutschen Rennrad-Reiseveranstalter „Quäldich“ bucht, lässt sich auf ein spezielles Abenteuer im Sattel ein

Die Fans am Straßenrand fehlen, dennoch kommt Tour-de-France-Feeling auf. Heute geht es über den mythischen Galibier. Schon beim Frühstück herrscht gespannte Vorfreude unter den rund 20 Rennrad-Freaks. Schnell noch die Wetter-App checken, vielleicht Kette schmieren, los gehts. Es wird wieder ein langer Tag.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Der Autor am Galibier

Mit seinen 2642 Metern ist der Col de Galibier nicht nur der fünfthöchste asphaltierte Pass der Alpen, sondern auch einer der legendärsten Anstiege der Frankreich-Rundfahrt. Nur ein paar Tage später werden hier tatsächlich die Tour-Stars um Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard um Punkte und Platzierungen kämpfen.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Wir Amateure, der eine gemächlich, der andere vom Ehrgeiz zerfressen, schrauben uns Meter für Meter in die Höhe. Tiefblauer Himmel, Schneewände säumen die Passstraße. Die Luft wird dünner, die Trikots sind schweißnass. Jeder Kilometer aus dem Wintertraining zahlt sich jetzt dreifach aus. Ich bringe aus Mallorca, Gran Canaria und dem Wienerwald Ende Juni schon mehr als 6.000 Kilometer in den Beinen mit auf die Reise.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Daniel Huemer am Col de Granon

Und doch: Der Galibier ist ein echtes Brett, eine Bühne der Extreme für Extreme. Geduld ist gefragt, wer überzieht, bereut den Übermut. Vor allem: An den Tagen zuvor ging es bereits über den Großen St. Bernhard (2473m) und den Iséran (2764m) in Richtung Süden. Danach warten die Pass-Riesen Izoard (2360m) und Bonnet (2802m) auf uns.

Wie auf einer Perlenschnur reihen sich die Alpengiganten auf unserer achttägigen Rennradtour von Freiburg nach Nizza aneinander. Bei jedem Wetter, egal wie sehr die Waden jammern.

Daniel aus Wels, der Holländer Luc, mein deutscher Zimmerkollege Klaus: wir schwelgen in Tour-de-France-Anekdoten, liefern uns immer wieder kleine Scharmützel, schließen Freundschaft.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Unsere bunt zusammengewürfelte Urlaubstruppe radelt – auf drei Gruppen (sportiv, ausdauernd, entspannt) verteilt – 930 Kilometer über 17 Alpenpässe vom verregneten Südwestdeutschland in die Sonne an der Côte d’Azur.

Das gibt es beim Berliner Reiseveranstalter „Quäldich“ natürlich auch noch viel härter – in der Gegenrichtung über den gesamten Alpenbogen.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Zum Wiener Schnitzel

Eine echte Herausforderung für das Sitzfleisch bei täglich bis zu acht Stunden im Sattel: Firmengründer und Pässe-Guru Jan Sahner, zwei weitere Guides und rund 20 zahlende Kunden sind am 6. Juli in Nizza gestartet und kommen am heutigen Sonntag in Wien an. Nach 1.690 Kilometern und 31.300 Höhenmetern in 14 Etappen. Auf die Helden der Landstraße wartet bereits das große Schnitzel-Abschlussessen in der Wiener Innenstadt.

Nizza-Wien ist die Grand Tour von Quäldich, und bedeutet 14 Tage Eintauchen in eine Parallelwelt. Aufgrund der Länge ist Nizza-Wien auch der einzige Quäldich-Trip mit einem Rasttag – mitsamt einer lockeren Runde rund um Bozen, damit die Beine ja nicht bleiern werden.

Selbstgewählte Urlaubsqual über die höchsten Pässe der Alpen

Rund 60 andere Reisen bietet der Reiseveranstalter übers Jahr verteilt an – von Südafrika im Februar bis zum Saisonausklang auf Kreta.

„Wir fahren auf Augenhöhe. Es ist eine tolle Reisegruppe mit einem großen Gemeinschaftsgefühl“, schwärmt Sahner am Telefon von unterwegs. Der Informatiker begann 2005 mit den Quäldich-Reisen. Mittlerweile ist er der größte Anbieter auf dem Markt für geführte Rennradreisen. Andere, wie z. B. Cycling Adventures, sind kleiner oder auf ein Gebiet spezialisiert wie Mallorca-Platzhirsch Hürzeler.

Die tägliche Praxis auf so einer Reise ist aber überall sehr ähnlich. Klaus schwärmt vom „Leben wie ein Profi“, wenn auch leider nur für kurze Zeit. Soll heißen: Aufstehen, Essen, Radfahren, Essen, Schlafen und wieder von vorn. Manch einer braucht hinterher einen Urlaub vom Urlaub. „Bezahlte Erholungszeit im Büro“, scherzt mein Kumpel.

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Warum während der Rennradreise alles so reibungslos funktioniert?

Ein Kleinbus für den Gepäcktransport begleitet den Tross, der jeweilige Busfahrer serviert auch Brote, Obst und Getränke zur Mittagsverpflegung. Die maximal mögliche Nahrungsaufnahme ist als Thema ständiger Begleiter.

Ansonsten muss man nur jeden Tag 100 bis 150 Kilometer fahren und 2.000 und mehr Höhenmeter schaffen, sprich im Zielort ankommen. Das Motto: Rechts treten, links treten, irgendwann ist auch der längste Tag vorbei.

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