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Wirtschaft
05/31/2020

Piefke-Saga-Autor Felix Mitterer: "Die Tiroler mögen keine Fremden"

Der Winter in Tirol ist "die Hölle", sagt Mitterer. Was er gegen Tirolerabende, den Watschentanz und Kellner hat, die aussehen wie Fred Feuerstein.

von Simone Hoepke

KURIER: 1983 hat die Wochenpresse mit „Brauchen wir die Piefke?“ getitelt. Hat sich seither nichts geändert?

Felix Mitterer: Ich dachte, es hat sich was zum Positiven verändert, aber ich hab nur nach Osttirol geschaut, wo man auf sanften Tourismus setzt. Es ist alles viel schlimmer geworden. Es wird nur mehr im Verborgenen agiert. Hat man früher von der Neuerschließung eines Skigebietes gesprochen, redet man heute von Zusammenschlüssen. Sie wollen ohne viel zu reden einen ganzen Berggrat wegsprengen.

Gab es eine Schlüsselszene, die Sie zum 5. Teil der Piefke-Saga inspiriert hat?

In der Corona-Krise der Ballermann in Ischgl. Aber auch schon zuvor.

Zum Beispiel?

Ich war im Sommer in der Gegend zwischen Kirchberg und Kitzbühel. Da sehe ich am Berg etwas Weißes aufblitzen. Frage, was das ist und erfahre: Ein Schneedepot, das mit Fleece abgedeckt war, in das der Blitz eingeschlagen hat. Das Fleece ist verbrannt, der Schnee geschmolzen. Wenn ich mir so etwas für die Piefke-Saga ausgedacht hätte, hätten alle gesagt, ich spinne. Die Wirklichkeit übertrifft die Fantasie bei Weitem. In den 1980er-Jahren gab’s noch keine Speicherseen. Das Wasser für Schneekanonen kam aus Bächen.

Trifft es Sie in Ihr Tiroler Herz, wenn Sie Schlagzeilen à la „Ischgl, die Virenschleuder Europas“ lesen?

Nicht die Schlagzeile, aber wie sich meine Landsleute verhalten, trifft mich. Ich weiß schon, dass der Tourismus Tirol aus der Armut befreit hat. Aber irgendwann muss auch Schluss sein. Wir sind ja kein Vergnügungspark. Der Winter in Tirol ist die Hölle. Die Alpen sind ein Unterhaltungsparadies. Dass es so weit kam, hängt auch mit dem schweren Leben in den Bergen zusammen.

Wie meinen Sie das?

Die Leute in Tirol waren bis nach dem 1. Weltkrieg hundsarm, die Böden sind karg. Die Männer sind in die Schweiz gegangen, um Geld zu verdienen, die Frauen haben daheim gearbeitet. Da beginnt man die Natur zu hassen, will sie sich untertan machen. Es war ja eine furchtbare Zeit.

Bis nach dem 1. Weltkrieg der Tourismus kam?

Ja, mit den ersten Seilbahnen. Deswegen haben die Seilbahner ja auch heute noch in Tirol das Sagen. In den 1980er-Jahren kam der Boom. Man hat begonnen, die Natur zu vernichten, Mitarbeiter auszubeuten. In zwei, drei Monaten musste das Geld für ein ganzes Jahr reinkommen. Damals hab ich die Piefke-Saga geschrieben. Danach wurde ich für jeden Gast verantwortlich gemacht, der nicht gekommen ist.

Verärgert?

Ich verstehe das. Nach dem 2. Weltkrieg haben die Leute alles aufgebaut. Familienleben gab es keines. Wenn die Fremden kamen, mussten die Kinder aus ihren Zimmern raus. Damals hat man noch „Fremde“ gesagt, heute sagt man Tourist. Ganz am Anfang hat man Herrische gesagt.

Kellner tragen Trachtenjacken mit riesigen Hirschknöpfen aus Plastik. Damit schauen sie aus wie Fred Feuerstein.

Felix Mitterer | zur Trachten-Folklore

Und das Bürgertum gemeint?

Ja. Sie waren es übrigens auch, die die Tracht nach Tirol oder ins Ausseerland gebracht haben. Dort hat früher kein Mensch Tracht getragen, höchstens am Sonntag. Die Tracht haben die Touristen gebracht. Irgendwann hat man auch die Rezeptionistin ins Dirndl gesteckt. Und den Kellner in die Trachtenjacke mit riesigen Hirschknöpfen aus Plastik. Damit schaut der Kellner aus wie Fred Feuerstein.

Sie tragen also keine Tracht?

Das war mir immer zuwider. So wie Tirolerabende, bei denen dann alle Lederhosen und Wadenstrümpfe anziehen und den Watschentanz aufführen. Das hat sich verbreitet wie die Pest. Eine Erfindung bayerischer Touristiker, genauer gesagt eines Trachtenverbandes im Jahr 1910. Die Einheimischen hatten für so einen Schwachsinn nie Zeit.

Der Watschentanz hat sich verbreitet wie die Pest. Eine Erfindung bayerischer Touristiker. Die Einheimischen hatten für so einen Schwachsinn nie Zeit.

Felix Mitterer | über Tirolerabende

Der 5. Teil der Piefke-Saga soll 2021 gedreht werden. Wird sich Karl-Friedrich Sattmann endlich in die Tiroler Gesellschaft integriert haben?

Dazu braucht er mindestens 200 Jahre, das kann er gar nicht erleben. Er wird weiterhin ausgenutzt. Die Tiroler mögen keine Fremden.

Wieso?

Sie haben immer nur unter ihnen gelitten. Tirol war lange das Durchzugsland auf dem Weg gen Süden. Alle sind nur durchgefahren und waren dabei auch noch lästig. Dann kam der Massentourismus. Der ist immer eine Katastrophe. Das sieht man ja auch in Jesolo, wenn dort die Wiener einfallen. Mir tun die Touristiker leid. Irgendwann musste ja ein Rückschlag kommen, auch wenn man mit dem Coronavirus nicht rechnen konnte.

Tobias Moretti schwingt sich in der Ischgl-Causa zum Verteidiger Tirols auf. Wird er in der Piefke-Saga der neue Bürgermeister sein?

Ich habe die Schauspieler gebeten, zu überlegen, wie sich ihre Charaktere weiterentwickelt haben. Es gibt schon Ideen.

Wie reagiert Karl-Friedrich Sattmann, wenn ihn in Tirol Ostdeutsche bedienen?

Ähnlich begeistert, wie wenn im Hotel reiche russische Gäste bevorzugt bedient werden. Das hab ich mir schon für die Russen-Saga überlegt.

Aus der ist nichts geworden ...

... ja, dann kam die Krim-Krise, die Sanktionen. Jetzt verhandeln wir mit der Filmfirma, ob es einen oder mehrere neue Teile der Piefke-Saga geben soll. In jedem Fall müssen sie auch funktionieren, wenn man die alten Folgen nicht kennt.

Die alten Folgen haben Kult-Status ...

Im Zillertal hab ich eine Runde Jugendlicher kennengelernt, die mir aufgefallen sind, weil sie T-Shirts mit dem Logo der Firma Sattmann trugen. Sie sagen, sie schauen sich jeden Monat gemeinsam die Folgen an. Sie arbeiten alle bei der Seilbahn, es gibt ja sonst kaum Arbeitsplätze. Sie müssen den Job ertragen – und brauchen die Piefke-Saga wohl als Ventil.

Sie haben ein paar Jahre in Irland gelebt. Hat es Ihnen dort gefallen?

Die Iren sind ganz anders als Tiroler. Mehr wie Südländer. Sie haben uns mit offenen Armen aufgenommen. So etwas gibt es in Tirol nicht. Die Touristen in Irland kommen wegen der Landschaft und Kultur. Und im Winter kommt niemand, weil es zu windig ist.

Fühlen Sie sich als Tiroler?

Natürlich, man liebt das Land, in dem man aufgewachsen ist. Geht man weg, so wie ich nach Irland, wird man milde. Ich bin schon lange genug wieder hier, um mich zu ärgern.


Wohin fahren Sie heuer auf Urlaub?

Ich?! Ich fahr nur weg, wenn ich unbedingt muss. Nirgends fahr ich hin. Ich bin gerade in meiner Mietwohnung in Südtirol und kann nicht weg, weil ich sonst in Quarantäne müsste. Wunderbar. Etwas besseres kann mir als Autor nicht passieren.

Realsatire mit Kult-Faktor

Vor 30 Jahren sorgte der 4-Teiler über die deutsche Familie Sattmann, die in Tirol Urlaub und später Geschäfte macht, für Wirbel. Weder die deutschen Gäste noch die Tiroler kamen in der
Real-Satire von Felix Mitterer gut weg. 2021 ist der 5. Teil geplant

Autor

Der Tiroler Felix Mitterer (72)  betont gern, dass Hoteliers ihm später gesagt haben, dass die Realität viel schlimmer ist als seine Piefke-Saga. Der Dramatiker, Schauspieler und Autor ist kein begnadeter Urlauber. „Ich fahr nur weg, wenn ich unbedingt muss“, sagt er. Derzeit ist er an seinem Zweitwohnsitz in Südtirol