Im nördlichen Bergland der Philippinen bauen diese Frauen Blumen an, die sie am Markt verkaufen. Mit Mikrokrediten kaufen sie die Samen

© /Irmgad Kischko

Philippinen
02/09/2015

Die Kraft der Gründer-Frauen

In kaum einem anderen Land der Welt sind Mikrokredite so wichtig für die regionale Wirtschaft.

von Irmgard Kischko

Fernab der philippinischen Hauptstadt Manila mit ihrem feuchtheißen Klima, den schwarzen Abgaswolken Tausender Mopedtaxis und dem allgegenwärtigen Elend großer Teile der Bevölkerung liegt Baguio City. Die begüterten Hauptstädter lieben diese Stadt im nördlichen Bergland, die auf gut 1500 Meter Meereshöhe liegt. Hier in der angenehm kühlen Luft verbringen sie ihre Urlaubstage.

Doch gemütliches Flanieren im Zentrum oder wandern in den Bergen ist hier nicht angesagt. Auch Baguio City ist ein Chaos von Gebäuden, Straßen – bergauf, bergab – und stinkenden Auspuffgasen. Philippinos fahren, so weit sie können – z. B. zum Mines View, einem beliebten Aussichtspunkt auf einem Hügel von Baguio City.

Dort oben haben Rosmari, Anni, Conception und Emelda eine kleine Hütte neben Hunderten anderen, in der sie Selbstgemachtes verkaufen: Kleinigkeiten zum Essen und gehäkelte Kinderkleidung. Ihr Verkaufsstand sieht ärmlichst aus. Doch für die vier Frauen ist er großartig. Mit einem Mikrokredit von ungerechnet 100 Euro konnten sie ihr Geschäft vor fünf Jahren starten. Mehrmals haben sie seither Folgekredite aufgenommen, meist, um Wolle und Lebensmittel einzukaufen. Was diese kleinen Summe für Menschen wie Anni bedeuten, ist für Europäer kaum zu fassen. "Ich kann wieder lächeln und meine Kinder zur Schule schicken." Niemand hätte den Frauen früher Geld gegeben. Da hätten sie erst essen können, wenn der Mann mit seinen Mopedtaxi-Fahrten ein bisschen Geld verdient hätte. Das sei dann sofort für Essen ausgegeben worden.

Ein Entkommen aus der Armut ist für viele Filipinos kaum möglich. In dem tief katholischen Land, wo die meisten Frauen vier bis sechs Kinder haben, lebt gut ein Viertel der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag. Keine Bank würde diesen Menschen Geld geben, damit sie sich ein besseres Leben aufbauen können.

Für Mikrokredit-Finanzierer aber sind die Philippinen ein nahrhafter Boden: Die Menschen sind lernwillig, ideenreich und arbeitsam. Mindestens 600 Mikrokredit-Finanzierer sind im Land präsent. Rund 300 Mio. Euro haben sie derzeit in Kleinst-Firmen investiert.

Ein bisschen Freiheit

Fidela Tolentino und ihre Freundinnen schuften seit Jahren auf den Feldern in den Bergen um Baguio City. Gemüse haben sie früher angebaut, jetzt Schnittblumen. "Die bringen etwas mehr Geld ein", sagt sie. Früher reichte dieses Geld nie, um die Samen und Dünger zu bezahlen. Als Taglöhnerinnen mussten sich die Frauen auf anderen Feldern der Großgrundbesitzer verdingen. Ein Mikrokredit, mit dem sie einen Teil der Samen zahlen, macht die Frauen unabhängiger vom Verkäufer. Fidela nennt ihn aber noch immer "mein Boss", auch wenn er den Blumenhandel der Frauen nicht besitzt. Der Mikrokredit gebe dennoch "ein bisschen mehr Freiheit", meint sie. Mit dem Bearbeiten von Holzschalen und dem Verkauf geschnitzter Figuren verdienen Helen Ogmayon und ihre Kollegin den kargen Lebensunterhalt. Umgerechnet 160 Euro Kredit haben sie vom Mikrokredit-Finanzierer bekommen. "Wir kaufen damit das Holz und würden unser Geschäft gerne vergrößern", sagt Helen. Einfach sei das nicht. "Wir hängen von den Lieferanten und den Händlern ab, die unsere Ware zum Markt bringen", erklärt sie. Lieber würde sie das selbst machen.

Im Weltmeister-Land der Callcenter und SMS-Schreiber

Freundlich, einigermaßen gebildet, gut in Englisch und billig: Alles, was sich internationale Konzerne wünschen, wenn sie Dienstleistungen auslagern, finden sie bei den Bürgern der Philippinen. Kein Wunder, dass das Land mittlerweile zur weltweiten Nummer eins bei Callcentern aufgestiegen ist.

Und mit noch einer Superlative können die Philippinos auftrumpfen: In keinem anderen Land der Welt werden so viele SMS geschrieben wie in dem Inselstaat. Zwei Millionen Kurznachrichten pro Tag jagen die Bewohner durch die Mobilfunknetze. Sie tippen lieber als sie telefonieren. Statistisch gesehen hat jeder der 100 Millionen Einwohner zumindest ein Handy.

Dienstleistungen sind einer der Pfeiler der philippinischen Wirtschaft. Der andere sind die Überweisungen der Auslandsphilippinos. 23 Milliarden Dollar sollen 2013 ins Land geflossen sein – zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Das Geld geht direkt in den Konsum, der die Wirtschaft antreibt.

Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre können sich sehen lassen: 6,6 Prozent 2012, 7,2 Prozent 2013 und gut sechs Prozent 2014. Damit schoben sich die Philippinen an die Spitze der südostasiatischen Länder. Gemeinsam mit China sind sie die Wachstums-Kaiser der Region.

Anarchie der Familien

Der Wohlstand kommt aber nicht bei der breiten Bevölkerung an. Das Land wird von reichen Familienclans dominiert, denen halbe Stadtviertel in Manila, Einkaufszentren und die wesentlichen Industrien des Landes gehören. Sie sind eng mit der Politik und den Kirchenoberen verwoben. Der größte Teil der 80 Provinzen des Landes wird von diesen Clans regiert. "Anarchie der Familien" nannte das der US-Wissenschaftler Alfred McCoy.

Korruption ist ein weiteres Problem und wohl einer der Gründe, warum die Investitionspläne von Präsident Aquino, der den Nahverkehr, Straßen, Schulen und die Wasserversorgung verbessern will, nur schleppend vorankommen.

Lisa Koscak, stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in Manila, sieht für heimische Unternehmen dennoch Chancen. Vor allem bei den Infrastrukturinvestitionen könnten Österreichs Firmen Fuß fassen. Derzeit sind drei auf den Philippinen präsent: Alpla aus Vorarlberg, die steirische ams Mikroelektronik und Rosenbauer.

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