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Pflanzenschutz
02/10/2014

Giftige Verkaufsverbote

Die Öko-Szene versucht, die Milliardenumsätze der chemischen Industrie zu kappen.

von Andreas Anzenberger

Es geht um viel Geld. Die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln erwirtschaften in der EU einen Umsatz von etwa 7,5 Milliarden Euro. Greenpeace arbeitet hart daran, diese Summe deutlich zu begrenzen. Notwendig sei ein „Paradigmenwechsel in Richtung biologischer und ökologischer Landwirtschaft“, lautet das Mantra der Umweltorganisation.

Doch auch die biologische Landwirtschaft kommt nicht ohne Chemie aus. Erlaubt sind natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel wie Pyrethrine. Das Insektizid wird aus Chrysanthemen hergestellt und ist auch für nützliche Insekten und Wasserorganismen giftig.

Schwermetall

Im biologischen Weinbau ist der Einsatz von Kupferverbindungen üblich. Kupfer ist ein Schwermetall und wird im Boden nicht abgebaut. Flächen, die seit Längerem für den Weinbau genutzt werden, weisen laut einer Studie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) „bereits hohe Kupfer-Gesamtgehalte auf“.

Ein völliger Verzicht auf Schädlingsbekämpfung würde die Erntemengen um 30 Prozent reduzieren. Die Folge wäre ein deutlicher Preisanstieg bei Lebensmitteln und zusätzliche Gesundheitsrisiken, etwa durch Pilzkrankheiten bei Getreide.

Doch beim Kampf um die Deutungshoheit bei der Lebensmittelproduktion wirken Emotionen oft mehr als Argumente. Gemeinsam mit den Grünen ist es Umweltschutzorganisationen gelungen , die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln sowie Landwirte als Bienenkiller darzustellen. Fakt ist, dass in der EU derzeit mehrere Projekte laufen, bei denen geklärt werden soll, ob Neonicotinoide tatsächlich für das Bienensterben verantwortlich sind. Im Frühjahr startet in Österreich eine Untersuchung über die generellen Ursachen für das Sterben von Bienenvölkern.

Verkaufsverbot

Die Hersteller von Neonicotinoiden kostet das befristete Verkaufsverbot in der EU einen mehrstelligen Millionenbetrag. Allein die Ausgaben bis zur Zulassung einer neuen Substanz zur Schädlingsbekämpfung betragen bis zu 300 Millionen Euro.

Robert Womastek, Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel und Albert Bergmann, Leiter der Abteilung Toxikologie bei der Ages, haben die Ordner mit den Unterlagen für die Zulassung eines Insektizids zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers aneinandergereiht. Die Gutachten füllen einen langen Tisch.

Womastek beteiligt sich nicht am Glaubenskrieg um die Esstische: „Die Landwirte sollen selbst entscheiden können, wie sie produzieren.“ Auch Bergmann sieht die Pflanzenschutz-Debatte pragmatisch. „Die Natur liefert manchmal die stärksten Gifte.“

Durch die deutlich verbesserten Analysemethoden ist es mittlerweile möglich, selbst kleinste Mengen nachzuweisen. Gemessen wird in millionstel Gramm (Mikrogramm)und in noch kleineren Einheiten.

Als in Deutschland 0,4 Mikrogramm Kokain in einem Liter Red Bull Cola gefunden wurde, ging ein Rauschen durch den Blätterwald. Doch selbst beim Konsum von Tausenden Litern hätte sich keine Rauschwirkung eingestellt. Die Mini-Menge kam zustande, weil der Zusatz von Coca-Blättern als Aromastoff nicht verboten ist. Voraussetzung ist, dass die für den Rauschzustand verantwortliche Substanz entfernt wird. Trotz der Anwendung eines international anerkannten Verfahrens sind kleinste Mengen übrig geblieben.

Keine totale Sicherheit

„Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“, lautet der Kommentar von Womastek. Auch in Produkten, die als „laktosefrei“ gekennzeichnet sind, kann man Milchzucker nachweisen, wenn das Analyseverfahren empfindlich genug ist.

Dass die korrekte Anwendung von Pflanzenschutzmitteln eine massive Gefahr für die Gesundheit sein soll, ist eher eine Geschichte aus Tausend und einer Öko-Nacht. Die etwa 400 in der EU zugelassenen Wirkstoffe werden alle zehn Jahre nach einheitlichen Regeln neu bewertet. Jährlich werden zwischen 300 und 400 Lebensmittelproben aus Drittländern bereits an der EU-Grenze aussortiert. Meisten wegen Wirkstoffen, die in der EU verboten sind.

Wenig Beanstandungen

Bei den regelmäßigen Kontrollen durch die Ages im Inland gibt es nur wenige Problemfälle. 2012 wurden 29 von 2657 Proben beanstandet. Lediglich eine Paprika-Probe wurde als gesundheitsschädlich eingestuft, weil eine zu hohe Konzentration eines Wachstumsregulators gefunden wurde. 2013 gab es bei 2640 untersuchten Proben 20 Beanstandungen und davon zwei Einstufungen als gesundheitsschädlich. Die Ursache waren Insektizide im Weißkohl und im Vogerlsalat.

„In der Wahrnehmung der Bevölkerung gelten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln als gefährlich, doch der Verstoß gegen Hygienevorschriften ist ein viel größeres Problem mit direkter Gefährdung“, lautet die Botschaft von Sonja Masselter (Bild), Leiterin des Ages-Institut für Lebensmittelsicherheit in Innsbruck.

Im Jahr 2010 starben sieben Menschen nach dem Verzehr von verseuchtem Käse aus Österreich an einer Infektion. Auslöser der Krankheit waren Bakterien.

Grenzwert

Tierversuch Ausgangspunkt für die Bestimmung eines Grenzwertes ist jene Dosis, die im Tierversuch ohne negative Wirkung vertragen wird.

Sicherheit Der dabei ermittelte Wert wird durch 100 dividiert. So entsteht der Referenzwert.

Menge Bei der Festlegung des Grenzwertes für die Substanzen werden Ernährungsgewohnheiten (tägliche Aufnahmemenge) berücksichtigt.

Wieder einmal Pferd im Rind

Auch in Österreich wird nach dem Pferd gesucht. Genauer gesagt nach Pferdefleisch. Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit führt wieder eine Schwerpunktaktion mit DNA-Tests durch. Zuletzt wurden die Kontrolleure im März vergangenen Jahres fündig.

In den Niederlanden hingegen wurden 28.000 Tonnen verdächtiges Fleisch zurückgerufen. Es besteht der Verdacht, dass eine Großschlachterei teureres Rindfleisch mit billigerem Pferdefleisch vermischt hat. „Zurzeit gibt es keine konkreten Beweise für eine Gesundheitsgefährdung“, so die Kontrollbehörde. Ein beträchtlicher Teile der Ware sei wahrscheinlich schon konsumiert worden. Das ist Betrug, aber keine Gefahr für Leib und Leben. Schließlich gilt Pferdefleisch als Delikatesse.

Deutlich unappetitlicher sind die immer wiederkehrenden Gammelfleischskandale. Im November wurde bekannt, dass ein Betrieb in Deutschland tonnenweise billiges, schlechtes Fleisch mit gutem Fleisch vermischt und verkauft hat.Der Einsatz von verbotenen Hormonen oder Antibiotika in der Tiermast ist ebenfalls ein wiederkehrendes Thema.

Kennzeichnung

Das Europaparlament sowie Konsumentenschützer verlangen eine EU-weite und verbindliche Herkunftsbezeichnung für Fleisch. Doch bislang wollte die EU-Kommission nichts davon wissen. Eine derartige Kennzeichnungspflicht würde, so die Argumentation der Lebensmittelindustrie, zu deutlich höheren Kosten führen.

Immerhin sieht die neue Lebensmittel-Informationsverordnung der EU Mindestschriftgrößen auf der Verpackung und präzisere Angaben über die Inhaltsstoffe vor. Die Lebensmittelindustrie beklagt sich über den bürokratischen Aufwand und zusätzliche Kosten.

Lebensmittel sind in Österreich um rund 20 Prozent teurer als in Deutschland. Höhere Preise gibt es in der EU nur in Dänemark und in Schweden.

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