230 Mitarbeiter arbeiten derzeit im Pfizer-Werk in Orth.

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Wirtschaft
08/21/2019

Pfizer baut Impfstoff-Werk in Orth an der Donau aus

Pharmaproduktion: 50 Millionen Euro Investment für globale Qualitätskontrolle sichert Standort längerfristig ab

von Anita Staudacher

Zum feierlichen Spatenstich reiste am Dienstag sogar Konzernchef Albert Bourla höchstpersönlich vom Pfizer-Headquarter in New York ins beschauliche Orth an der Donau. Der hohe Gast blieb zwar nur wenige Stunden, hatte aber neben anerkennenden Worten auch eine Geldspritze für das Impfstoff-Werk mit im Gepäck.

Insgesamt 50 Millionen Euro investiert Pfizer in den kommenden zwei Jahren, um den Standort auszubauen. Für den milliardenschweren Pharmariesen ein Klacks, für das in die Jahre gekommene Werk in Orth aber eine Überlebensfrage.

Konkret werden am Standort neue Labors für ein internationales Qualitätskontrollzentrum für Impfstoffe eingerichtet. „Wir werden ein bestehendes Gebäude dafür von Grund auf renovieren“, erläutert Martin Dallinger, Geschäftsführer der Pfizer Manufacturing Austria Gmbh, dem KURIER. Um den Energieverbrauch zu reduzieren, erhält das Produktionsgebäude eine zusätzliche Wasseraufbereitungsanlage sowie eine Lüftungsanlage.

Zeckenimpfung

Derzeit werden im Marchfeld zwei Impfstoffe für den Weltmarkt hergestellt: Jener gegen FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) sowie ein Impfstoff zum Schutz vor Meningitis C (Hirnhautentzündung). Ab 2021 soll die Qualitätskontrolle für weitere Pfizer-Impfstoffe in Niederösterreich erfolgen, berichtet Dallinger. In der Pipeline sind etwa Impfstoffe gegen Krankenhauskeime, Pneumokokken oder Meningokokken. „Man hat im Pfizer-Netzwerk gesehen, dass unsere Mitarbeiter hier in Orth die entsprechenden Fähigkeiten und Expertise in der Qualitätskontrolle haben und uns deshalb ausgewählt“, ergänzt der Produktionschef. Bei den Qualitätskontrollen wird geprüft, ob der hergestellte Wirkstoff auch alle vorgegebenen Parameter erfüllt.

Pfizer-Österreich-Chef Robin Rumler sieht im Investment einen „bedeutenden Meilenstein“ und ein klares Standort-Bekenntnis: „Pfizer setzt auf Österreich.“ Es sei nicht selbstverständlich gewesen, dass Österreich den Zuschlag für die Impfstoff-Kontrollen erhalten habe, Know-how und Einsatz der Mitarbeiter hätten den Ausschlag gegeben.

Die Geschichte der Zeckenimpfstoff-Produktion reicht bis in die 1970er-Jahre zurück. Damals begann die Immuno AG den vom Wiener Virologen Christian Kunz entwickelten Wirkstoff industriell herzustellen. Zuerst in Wien, ab 1982 entstand dann das Werk in Orth.

 

1996 übernahm der US-Konzern Baxter die Produktion, um sie 2014 an Mitbewerber Pfizer weiterzuverkaufen. Der Personalstand in Orth hat sich seit der Pfizer-Übernahme von 180 auf 230 erhöht. Durch die zusätzliche Qualitätskontrolle, die stark automatisiert erfolgt, werde sich der Mitarbeiterstand „leicht nach oben verändern“, so Dallinger. Gesucht werden vor allem Automatisierungs- und Anlagentechniker.

Durch die Erderwärmung breiten sich die Zecken weltweit aus, der Bedarf an Zeckenimpfschutz steigt also. „Im Vorjahr haben wir 12 Millionen Dosen Impfstoff produziert, heuer werden es 14 Millionen sein“, erzählt Dallinger. Der biopharmazeutische Produktionsprozess bis zur fertig verpackten Spritze dauert etwa 18 Monate. Die Abfüllung in Fertigspritzen erfolgt in Wien, die Verpackung in Belgien.

Pfizer im Umbruch

Impfstoffe sind neben neuen Therapien gegen Krebs und seltene Erkrankungen einer der aktuellen Schwerpunkte des US-Pharmakonzerns, der sich gerade in einem größeren Umbruch befindet. So wurde das schwächelnde Geschäft mit früheren Umsatzbringern wie dem Potenzmittel Viagra oder dem Cholesterinsenker Lipitor kürzlich in ein Joint-Venture mit dem Konkurrenten Mylan eingebracht.

Für das Geschäft mit rezeptfreien Produkten wie Centrum oder Baldriparan schloss Pfizer ein milliardenschweres Bündnis mit der britischen GlaxoSmithKline. Die EU-Wettbewerbshüter erteilten jedoch eine Auflage: Für das Schmerzpflaster „Therma Care“ muss Pfizer einen eigenen Käufer finden.

In Österreich sind rund 150 Pharmaunternehmen mit 18.000 Beschäftigten aktiv. Etwa 15.000 davon sind an 30 größeren Produktionsstandorten tätig, die zumeist eng mit der Forschung & Entwicklung vernetzt sind. Die größten Pharma-Produktionen haben Novartis (Tirol), Takeda und Boehringer Ingelheim (Wien). Insgesamt flossen  in den vergangenen sechs Jahren rund 2,6 Mrd. Euro an Investitionen in den Pharmastandort Österreich.