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Pensionsdebatte
08/03/2013

Experte: „Alte sind nicht nur Kostenfaktor“

Alternsforscher Helmut Kramer fordert ein Ende der „Halbwahrheiten“ in der Politik.

von Anita Staudacher

Er räumt gerne mit Mythen rund um das Thema Altern auf und nimmt sich dabei kein Blatt vor dem Mund: Ex-WIFO-Chef Helmut Kramer kritisiert eine einseitige Betrachtung der steigenden Lebenserwartung, schlägt einen umfassenden Altersbericht vor und hält ein einheitliches gesetzliches Pensionsantrittsalter für nicht mehr zeitgemäß.

KURIER: Was stört Sie an der aktuellen Pensionsdebatte?

Helmut Kramer: Mich stört, dass jetzt im Wahlkampf so viele Halbwahrheiten verbreitet werden – und zwar von allen politischen Seiten. Das Pensionsthema eignet sich ja immer sehr gut zur Beunruhigung der Bevölkerung. Daher wird es ja auch gerne von Versicherungen aufgegriffen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Aber eine Diskussion, die sich nur auf die Finanzierbarkeit des Pensionssystems konzentriert, greift viel zu kurz. Das ist ja nur ein Teilaspekt.

Die demografische Entwicklung wird zu einseitig betrachtet?

Ja. Die Alten sind ja nicht nur ein Kostenfaktor, sie bringen auch Wertschöpfung. Eine alternde Gesellschaft darf nicht einseitig als Belastung und Bedrohung des Lebensstandards aufgefasst werden, sondern auch als Chance für Verbesserungen der Lebensqualität. Zum Beispiel untersuchen wir gerade den Einfluss des Alterns auf den Gesundheitstourismus. Die Politik greift diese Komplexität aber viel zu wenig auf.

Was schlagen Sie vor?

Ich schlage vor, eine eigene Kommission einzuberufen, die nicht nur das Pensionssystem im Auge hat, sondern eine Gesamtperspektive auf die Finanzierbarkeit einer alternden Bevölkerung bis, sagen wir, 2030 wirft. Das Pensionssystem kann nicht von anderen Budgetposten wie dem Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem getrennt werden, das hängt alles zusammen. In Österreich unterentwickelt ist auch eine soziologische Betrachtung. Man denke nur an die viele Freiwilligen-Arbeit von Pensionisten im Sozial- und Kulturbereich, die nicht BIP-wirksam ist, aber das Budget entlastet. Oder an die höhere Kaufkraft.

Um den Lebensstandard zu erhalten, werden wir auch in Österreich das Pensionsalter weiter anheben müssen, sagen Experten wie auch Ihr Nachfolger als WIFO-Chef, Karl Aiginger. Aber ist ein einheitliches gesetzliches Pensionsalter für alle überhaupt noch zeitgemäß?

Nein, das ist nicht mehr zeitgemäß. Das gesetzliche Antrittsalter für alle auf 67 Jahre hinaufzusetzen wie in Deutschland, halte ich für den falschen Weg. Eine einheitliche Grenze zu ziehen ist zwar am einfachsten zu administrieren. Alle Trends gehen aber in Richtung Individualisierung und Flexibilisierung des Pensionsantrittsalters mit Zu- und Abschlägen.

Nicht alle über einen Kamm scheren also?

Die Menschen sind mit 60 oder 65 Jahren höchst unterschiedlich und die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Für jemanden, der geistig arbeitet, wie ein Universitätsprofessor, sollte es schon erstrebenswert sein, länger zu arbeiten. Bei körperlich oder psychisch stark belastenden Berufen, den richtigen Hacklern also, ist das etwas ganz anderes. Aber die Grenzziehung ist hier sehr schwer, das gebe ich schon zu. Ein flexibles Pensionsalter erfordert zwar einen höheren bürokratischen Aufwand, hat aber für mich eine hohe Priorität. Das müsste in Österreich noch viel stärker angegangen werden.

Abschläge gibt es ja bereits, aber es bringt einem für die Pension nicht viel, länger als unbedingt nötig zu arbeiten ...

Die Anreize, länger im Arbeitsleben zu bleiben, sind in Österreich zu schwach, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber.

Welche Anreize schlagen Sie vor?

Die Sozialversicherungen müssten für längeres Arbeiten einen viel höheren Bonus gewähren. Ich würde auch alle diese engen bürokratischen Hürden für Zuverdienste streichen. Stattdessen soll es flexible Kombinationen aus Einkommen und Pensionsbezug geben.

Welche Anreize können Sie sich für Unternehmen vorstellen?

Ältere Mitarbeiter sind teurer als junge, hier muss es endlich zu einer Abflachung der Gehaltsvorrückungen kommen. Außerdem sollte die Altersteilzeit attraktiver gestaltet werden, damit sie auch genutzt wird.

Die Altersteilzeit gibt es ja schon länger. Warum ist sie unbeliebt?

Darüber rätsle ich selbst. Es könnte auch eine Mentalitätssache sein. Es herrscht vielfach nach wie vor die Auffassung, entweder ganz oder gar nicht am Erwerbsleben teilzunehmen.

Soll das Frauenpensionsalter rascher an jenes der Männer angeglichen werden?

Die Angleichung kommt ja ohnehin ab 2024. Es ist fraglich, ob ein Vorziehen viel bringen würde, und es gibt auch rechtliche Bedenken. Ich glaube aber nicht, dass es automatisch frauenfeindlich ist, eine rasche Angleichung zu fordern. Es gibt Frauen, die mit 60 noch nicht in Pension gehen wollen, die sollte man nicht daran hindern. Es darf nicht sein, dass jemand nur gekündigt wird, weil er das gesetzliche Pensionsalter erreicht hat. Im öffentlichen Dienst gibt es dazu bereits ein EuGH-Urteil wegen Altersdiskriminierung.

Bleiben Ältere länger im Job, bedeutet dies weniger Arbeitsplätze für Berufsanfänger. Wird dadurch die Jugendarbeitslosigkeit weiter steigen?

Nein, die Älteren sitzen nicht auf den Jobs der Jungen. Auch wenn es auf betrieblicher Ebene so sein kann: Alle makroökonomischen Studien zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und späterem Pensionsantrittsalter gibt. Durch den Strukturwandel haben die Jungen zumeist andere Jobs. Die Jugendarbeitslosigkeit hat andere Ursachen wie etwa die kriselnde Konjunktur oder schlechte Qualifikation. Wir lassen noch immer viel zu viele Jugendliche mit ungenügender Ausbildung auf den Arbeitsmarkt.

Alle Interviews zur Serie "Was braucht Österreich? Aufträge an die Politik" finden Sie HIER.

Ökonom Helmut Kramer

Helmut Kramer (74) ist Leiter der Österreichischen Plattform für interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA), die 2010 von einer Gruppe hochrangiger österreichischer Wissenschaftler gegründet wurde. Das „n“ soll den Prozess des Älterwerdens und den breiten Forschungsansatz verdeutlichen. Zuvor arbeitete er 34 Jahre lang am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO), das er 1981 bis 2005 leitete. Danach war er bis zu seiner Pensionierung 2007 Rektor der Donau-Universität in Krems.

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