Wirtschaft
23.04.2017

OMV-Boss Seele räumt auf

Rainer Seele holzt ins Management, Kanzler Kern sondiert in Russland und Abu Dhabi.

So schnell ändern sich die Verhältnisse. Als OMV-Chef Gerhard Roiss nach heftigem Hauen und Stechen vor knapp zwei Jahren abtreten musste, war die Erleichterung unter breiten Teilen der Belegschaft groß. Endlich war der im Umgang mit Untergebenen wenig zimperliche "Diktator" weg. Nachfolger Rainer Seele wirkte fast schon zutraulich. Freundlich und unverbindlich trat der Deutsche auf.

Heute wünschen sich viele Mitarbeiter des teilstaatlichen Energiekonzernes, einem der größten Flaggschiffe an der Wiener Börse, Roiss wieder zurück: "Man wusste wenigstens, woran man war." Der vormalige Wintershall-Chef Seele habe ein Klima der Angst aufgebaut, Belegschaft und Management seien völlig eingeschüchtert. Der Boss zerstöre funktionierende Strukturen und umgebe sich nur noch mit einigen wenigen Vertrauten – so tönt es aus dem Unternehmen.

Tatsächlich hat Seele kräftig in die zweite Management-Ebene hineingeholzt. Strategie-Chef Jost Ahrens, Einkaufs-Chef Klaus Blachnik, M&A-LeiterWayne D. Roberts, Investor-Relations-Chefin Magdalena Moll, (vormals bei der Wintershall-Mutter BASF) – alle neu an Bord. Der Personalchef musste nach Auffliegen der Lederhosen-Affäre beim Münchner Oktoberfest ebenfalls gehen.

Seele habe ohne Rücksicht auf deren Leistungen fast alle Roiss-Manager entfernt, lautet die Kritik. Seele sei doch viel zu klug für billigen Revanchismus, er baue vielmehr ein Netz an Getreuen auf, die er für seine Zwecke brauche, meinen Insider.

Neubesetzungen seien im Zuge einer "strategischen Neuausrichtung angesichts der Größe des Unternehmens nicht unüblich", erklärt dazu OMV-Sprecher Johannes Vetter. Da hat er recht, einem neuen CEO darf zugestanden werden, das Management auszuwechseln. Ob freilich die Feststellung, "nach zugegeben harten Monaten rund um die Gesundung des Unternehmens herrscht Aufbruchsstimmung", von der Belegschaft geteilt wird, sei dahingestellt.

"Alter, autoritärer Führungsstil", kommt auch Kritik aus Eigentümerkreisen. Seele habe zuvor noch nie ein Unternehmen in der Größenordnung der OMV geleitet. Von der Betriebsratsspitze fühlt sich die verunsicherte Mannschaft übrigens im Regen stehen gelassen. Es sei kaum möglich, wird geklagt, bei Konzern-Betriebsratschef Wolfgang Baumann einen Termin zu bekommen.

Fusionen, Spekulationen

Apropos Strategie. Unterhalb der Konzern-AG sind die Bereiche in GmbHs aufgegliedert. Derzeit wird die Dienstleistungstochter Solutions aufgelöst und in die AG eingebracht. Das sei erst der Anfang, Seele wolle auch so wichtige GmbHs wie den Gasbereich, Refining & Marketing oder Exploration & Produktion auflösen, wird in Gewerkschaftskreisen vermutet. "Stimmt nicht", kontert Vetter.

Nicht nur im Unternehmen, auch in der Branche wird darüber spekuliert, ob Seele Österreichs wichtigsten Energieversorger mit 22.500 Mitarbeitern überhaupt für eine Fusion mit seinem Ex-Arbeitgeber Wintershall vorbereite. Als Indiz wird gewertet, dass Deutschlands größter Öl- und Gasproduzent bei allen Russland-Projekten Partner der OMV ist.

Heuer kaufte sich die OMV um 1,75 Milliarden Euro ins sibirischen Erdgasfeld Yuzhno Russkoye ein. Wintershall ist schon dort, Seele hatte den Einstieg der Deutschen damals selbst eingefädelt. Knapp mehr als die Hälfte hält der mehrheitlich staatliche russische Energie-Gigant Gazprom.

Im Rahmen des Swap-Deals (Beteiligungstausch) mit Gazprom steigt die OMV beim Gasfeld Urengoy ein. Ebenfalls mit dabei: Wintershall.

Seele will sich am in der EU umstrittenen milliardenschweren Pipeline-Projekt Nord Stream 2 unter Führung der Gazprom beteiligen. Überraschung: Wintershall mischt auch mit. Die westlichen Partner suchen intensiv nach einer Möglichkeit, die Finanzierung der Pipeline zu stemmen, ohne juristisch in die Nähe einer Beteiligung zu kommen. Wie zu hören ist, könnte das Modell demnächst stehen, die OMV will dazu keinen Kommentar abgeben.

Ein Merger mit Wintershall wird dagegen energisch dementiert, solche Spekulationen seien "geschäftsschädigend" (Vetter).

Eiszeit unter Alpha-Tieren

Die Eiszeit zwischen Seele und seinem Aufsichtsrats-Vorsitzenden, Ex-Siemens-Boss Peter Löscher, soll noch kälter geworden sein. Zwei angegraute, äußerst selbstbewusste Alpha-Tiere, jedes 1,90 Meter Körpergröße überragend – diese Konstellation war von Beginn an wenig harmonisch. Außerdem kennen Löscher und Roiss einander lange und gut.

Seele und Löscher dürften aber noch länger miteinander zu tun haben.

Im Sommer muss der Aufsichtsrat entscheiden, ob Seeles Vertrag 2018 ausläuft oder bis 2020 verlängert wird. Seele bleibt, hört man aus Eigentümerkreisen, die mit der Zwischenbilanz sehr zufrieden sind.

Die Zahlen stimmen. Der Aktienkurs stieg seit 2016 um 28 Prozent und performt besser als die wichtigen Branchenindizes. Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) kann sich über eine Wertsteigerung der Staatsbeteiligung (31,5 Prozent) von 766 Millionen Euro freuen. Die höhere Dividende 2016 bringt 120 Millionen fürs Budget. Abverkäufe, darunter ein Teil des heimischen Gasnetzes, spülten 1,7 Milliarden Euro in die OMV-Kasse.

Beim Sparkurs ist Seele besser unterwegs als geplant. Statt 100 Millionen Euro wurde im Vorjahr das Doppelte erreicht, ohne Kahlschlag in der Belegschaft. Die Produktionskosten haben sich signifikant verbessert. Die Reserven sind wieder aufgefüllt. Das alles, obwohl sich der Ölpreis seit 2014 halbiert hat und Anfang 2016 auf ein Acht-Jahrestief abstürzte, lässt Seele betonen. Seitdem hat sich der Preis etwas erholt. Die starke Konzentration auf Russland wird politisch allerdings sehr skeptisch beäugt, vor allem in der SPÖ.

Spekulationen ganz anderer Art zirkulieren in ÖVP-Kreisen wegen der Reisepläne von Bundeskanzler Christian Kern in nächster Zeit. Der SPÖ-Chef wird auf Einladung des russischen Botschafters Dmitrij Ljubinskij Anfang Juni am International Economic Forum in St. Petersburg teilnehmen. Auf der Konkurrenz-Veranstaltung zum Schweizer World Economic Forum und Plattform der Gazprom treffen sich russische und internationale Spitzenmanager sowie Minister und Regierungschefs unter der Patronanz von Zar Wladimir Putin. Noch in Überlegung ist ein Besuch in Abu Dhabi, voraussichtlich am 24. Mai. Wichtigster Gesprächspartner wäre die Staatsholding IPIC, die seit mehr als 20 Jahren an der OMV beteiligt und sich mit der Republik auf die Mehrheit syndiziert hat.

Arbeitet Kern etwa gar schon für die Zeit nach der Kanzlerschaft vor und will womöglich OMV-Chef werden? Da dürften einige Gerüchteköche noch nicht mitgekriegt haben, dass der Pragmatiker Kern grundsätzlich wesentlich wirtschaftsaffiner ist als seine Vorgänger.