Wirtschaft
20.07.2018

Preisdumping: Österreichische Geflügelbranche lässt Federn

Wegen Billigimporten schließen heimische Betriebe, zuletzt ein Schlachthof. Übrig sind jetzt nur noch vier.

Weniger Betriebe im Inland, mehr Konkurrenz aus dem Ausland: Das ist die Kurzzusammenfassung der Entwicklung der heimischen Geflügelbranche.

Ende Mai hat der burgenländische Schlachtbetrieb Pöttelsdorfer Edelpute geschlossen. „Schuld ist das katastrophale Preisdumping bei Putenfleisch“, sagt Karl Feichtinger, Geschäftsführer der Kärntner Wech-Gruppe, zu der der Betrieb seit 2008 gehörte. Die Konkurrenz aus Deutschland, Polen, Ungarn und Italien biete um bis zu 40 Prozent billiger an als heimische Produzenten. „Die Preise entbehren oft jeglicher Grundlage“, ärgert sich Feichtinger. Italienische Verarbeiter würden ihre Überproduktionen zu Dumpingpreisen in den österreichischen Markt pressen, um sich das Preisgefüge am Heimmarkt nicht zu zerstören. Von homöopathischen Mengen könne keine Rede sein, sagt Feichtinger. Im Schnitt sind die Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe in Deutschland, Italien oder Polen fünf bis zehn Mal so groß wie österreichische Mitbewerber. „Anders gesagt produziert ein einziger Betrieb so viel, wie alle österreichischen Betriebe zusammengenommen.“

Jeder zweite gab auf

In Österreich hat sich die Zahl der Schlachtbetriebe binnen 15 Jahren halbiert. Im Geflügelbereich sind aktuell nur noch vier Betriebe im Geschäft, neben Wech (Kärnten), noch Huber (OÖ) sowie die steirischen Mitbewerber Titz, Tschiltsch. Damit müssen die Tiere auch länger zum nächsten Schlachthof gekarrt werden. Mitunter bis zu vier Stunden, also oft doppelt so lange wie früher. Im internationalen Vergleich sei das noch immer moderat, findet Feichtinger. „In anderen EU-Ländern sind Fahrzeiten von sieben, acht Stunden ganz normal.“

Aus Sicht der österreichischen Geflügelwirtschaft muss endlich etwas passieren, nämlich in der Gastronomie und in der öffentlichen Beschaffung von Lebensmitteln. Denn etwa die Hälfte des Putenfleisches wird außerhalb der eigenen vier Wände verzehrt, sprich in Kantinen oder in der Gastronomie. Woher das Fleisch kommt, fragt dort niemand, ärgern sich Landwirtschaftsvertreter.

Dass ausländische Ware billiger ist, hängt auch mit den hohen Tierschutzstandards in Österreich zusammen. Heimische Hendln haben laut Gesetz bis zu 40 Prozent mehr Platz im Stall als Hühner im europäischen Durchschnitt. Der sogenannte Besatz darf maximal 30 Kilogramm pro Quadratmeter Stall betragen. Bei Puten sind es 40 Kilogramm pro Quadratmeter. Im europäischen Vergleich haben sie sogar um 75 Prozent mehr Platz. Feichtinger: „In anderen Ländern gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, da können die Betriebe so viele Truthähne pro Quadratmeter halten, wie sie wollen.“

Selbstversorgung sinkt

Da die heimischen Anbieter preislich unterboten werden, sinkt der Selbstversorgungsgrad kontinuierlich. Mit Hühnerfleisch kann sich Österreich nur noch zu knapp 80 Prozent selbst versorgen, bei Puten liegt die Quote mittlerweile bei nur noch 45 Prozent, Tendenz sinkend.

Haltungsbedingungen

„Der österreichische Gesetzgeber hat strenge Haltungsbedingungen definiert. Auf diese sollte er auch in der öffentlichen Beschaffung achten“, fordert Michael Wurzer von der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft. Die Umstellung vom Billigst- zum Bestbieter-Prinzip in der öffentlichen Beschaffung sei „beschlossen, wird aber nicht gelebt“. Das liegt oft schlicht daran, dass Kantinenmanager mit wenig Geld pro Menü kalkulieren müssen und dann letztlich zu günstigerer Ware aus dem EU-Ausland greifen. In der verarbeitenden Industrie sollen sogar Anbieter aus Thailand und Brasilien mit ihrer Tiefkühlware gut im Geschäft sein.

Kaufen Kantinen, Krankenhäuser und Kindergärten mehr Fleisch „Made in Austria“, wird es wohl auch mehr Angebot brauchen. Dann ist der nächste Konflikt programmiert. Denn die Konsumenten fordern zwar Lebensmittel aus der Region, wollen aber keine Hühnerfarmen in ihrer unmittelbaren Umgebung haben. Genehmigungsverfahren ziehen sich, die Auflagen sind hoch, Landwirte ziehen sich irgendwann entnervt aus den Projekten zurück, sagt Wurzer.