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Wirtschaft
03/06/2021

Ökonom Felbermayr: "Dann fällt das Kartenhaus in sich zusammen"

Der Top-Wirtschaftsexperte im KURIER-Interview über Börsenrekorde, Zinsängste und seine kritisch-differenzierte Sicht auf Österreich.

von Michael Bachner

KURIER: Herr Professor, ist die Wirtschaft endgültig verrückt geworden? Wir sprechen von der brutalsten Krise seit 1945 und erleben gleichzeitig eine irre Rekordjagd an den Börsen. Wie passt das zusammen?

Gabriel Felbermayr: Auf den Börsen werden Erwartungen gehandelt, und die Erwartungen sind aktuell durch sehr viel Optimismus getrieben, teilweise durchaus zu Recht. Die Weltwirtschaft erholt sich deutlich und schneller, als das in Österreich oder der Eurozone der Fall ist. Ostasien wächst wieder recht kräftig. Der Welthandel liegt über dem Vorkrisenniveau. Und in den USA wird über das größte Konjunkturpaket aller Zeiten nachgedacht.

Also alles paletti?

Man muss die unterschiedliche Betroffenheit der Sektoren sehen. Die Situation in der Luftfahrtbranche ist insgesamt, aber auch auf den Börsen, eher schlecht. Aber etwa im Fahrzeugbau, wo es viele Jahre auch an den Börsen nicht so gut lief, zeigt sich jetzt, dass die Elektrifizierungsstrategien greifen.

Wann platzt die Blase an den Börsen?

Das viele billige Geld und die derzeit fehlende Perspektive, dass die Zinsen wieder steigen, treibt enorme Summen in die Aktien- und Immobilienmärkte. Aber die Blase platzt dann, wenn die Zinsen wieder steigen.

Das dürfte noch dauern ...

Man muss differenzieren. Wir haben in den USA, in Australien und im Vereinigten Königreich schon erste Anzeichen, dass die Inflationserwartungen zunehmen. Das kann sehr schnell bedeuten, dass dort die Zinsen in die Höhe gehen. Und das sieht man teilweise auch schon bei zehnjährigen Staatsanleihen. Da spiegeln sich Inflationsängste wider. Die Frage ist also: Ist das etwas Anhaltendes oder nur ein vorübergehendes Phänomen, weil die Wirtschaft wieder ins Laufen kommt und es natürlich Preiseffekte geben wird, wenn etwa alle gleichzeitig auf Urlaub fahren wollen.

Wenn die Zinsen wieder steigen, bekommen vor allem die hoch verschuldeten Länder ein Problem.

Alles hängt von der Frage ab, wann die Zinswende kommt. Kurz- und mittelfristig eher nicht, aber langfristig besteht diese Gefahr. Dann fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Ich würde davor warnen, zu glauben, dass die Inflation für alle Zeit gebannt sei und wir fortwährend auf Mini-Zinsen setzen können. Das wäre eine sehr riskante Strategie. Wenn die Zinswende kommt, müssen wir mit erheblichen Verwerfungen rechnen, nicht nur mit einem Crash auf den Börsen, sondern im ganzen Finanzsektor, weil die Bilanzen von Banken und Versicherungen vollgepumpt sind mit Niedrigzins-Anleihen. Diese würden massiv an Wert verlieren und Riesenlöcher in den Bilanzen reißen.

Und die Staatsschulden?

Länder wie Deutschland oder Österreich können sich sehr langfristig günstig finanzieren. Österreich hat ja zum Beispiel eine hundertjährige Anleihe begeben, sodass die Zinsänderungsrisiken für die Republik erst sehr spät aufschlagen. Bei den Käufern dieser Papiere sieht es natürlich ganz anders aus. Ich sehe eher ein Problem für die Neuverschuldung. Wenn man in ein paar Jahren noch immer fünf Prozent des BIP an Neuverschuldung aufnehmen muss und dann vielleicht schon ganz andere Zinsen gelten, dann würde das zu einem Problem werden.

Österreich hatte zuletzt das schwächste Wachstum in der Eurozone. Wo sehen Sie dafür die Ursachen? Was wäre zu tun?

Es zeigt sich, dass man vielleicht zu sehr vom Tourismus abhängig ist, aber es gehört mehr dazu. Zum Beispiel, dass schon vor der Krise die deutsche Industrie in einer schlechten Verfassung war. Und das wirkt jetzt mit ein, zwei Jahren Verzögerung nach Österreich hinein. Und Österreich hat auch in der Corona-Rettungspolitik mehr Schulden aufgenommen als Deutschland. Österreich hilft mehr, was vielleicht nicht schlecht ist, aber auch mit sehr hohen Streuverlusten. Die Wirtschaftshilfen waren in Österreich für dieselbe Wirkung, die man anderswo erzielt hat, eher teurer. Das belastet die Zukunft und erklärt, warum die Lage der öffentlichen Haushalte in Österreich sehr viel schwieriger ist als in Deutschland.

Die USA erholen sich, China wächst. Wird Europa endgültig abgehängt?

Ja, wir werden abgehängt, das ist ziemlich klar. 2022 wird die Eurozone mit etwa einem Prozent unter dem Ausgangsniveau von 2019 liegen, während die USA schon drei, vier Prozent über dem Ausgangsniveau liegen werden – oder gar noch mehr, wenn Bidens Konjunkturrakete zündet. Und die Chinesen liegen 2022 nach OECD-Prognose gar 15 Prozent über 2019. Europa ist der große Verlierer aus der Corona-Krise heraus, wenn auch unterschiedlich verteilt. In Deutschland, den Niederlanden, in Osteuropa ist die Situation besser als im Süden. Österreich hat zumindest gute Fundamentaldaten und dürfte stärker zurückkommen als manch andere Länder.

Ein Aber: Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Kurzarbeit verschlingt Milliarden. Wie lange können wir uns das noch leisten?

Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass man die Wirtschaft konservieren oder einfrieren kann. Man kann auch nicht auf Dauer alle durchfüttern. Wir werden mehr Insolvenzen sehen. Das ist für den einzelnen Betroffenen ein Desaster, aber für die Gesamtwirtschaft sind Insolvenzen auch notwendig, um neue Dynamik zuzulassen. Auch die Kurzarbeit kann man nicht beliebig lang betreiben.

Was schwebt Ihnen da vor?

Am liebsten wäre mir ein Modell, wo man die Ersatzraten über die Dauer der Kurzarbeit absenkt, wie das auch beim Arbeitslosengeld diskutiert wird. Da geht es nicht darum, den Leuten etwas wegzunehmen. Ich wäre für deutlich höhere Ersatzraten zu Beginn. Aber je länger eine Arbeitsunterbrechung dauert, desto fraglicher ist, ob das andere Ufer, das man über die Brücke Kurzarbeit erreichen will, überhaupt noch steht. Wenn nicht, müssen Konsequenzen gezogen werden, wie etwa Umschulungsmaßnahmen für die Arbeitnehmer.

Was halten Sie von Vermögenssteuern zur Finanzierung der Krisenkosten? Zuletzt hat das SPD-Finanzminister Olaf Scholz ins Spiel gebracht.

Davon halte ich eher wenig. Vermögen ist sehr beweglich. Sie können Ihr Unternehmen auch in Liechtenstein, Luxemburg oder auf den Cayman-Inseln anmelden. Die großen Vermögen sind meist auch in Unternehmen gebunden. Eine Besteuerung wäre mit großen Kollateralschäden verbunden. Wenn ich jetzt ein SPD-Finanzminister im Wahlkampfmodus wäre, würde ich eine Höherbesteuerung von Grund und Boden ins Spiel bringen. Da gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten. In Summe trifft das dann aber sicher auch

die Mieter, nicht nur reiche Immobilienbesitzer. In Summe sehe ich aber keinen Bedarf für große Steuererhöhungen. Der Staat, auch der österreichische, hat ein Ausgaben- und kein Einnahmenproblem.

Sie meinen, die Steuern sind schon hoch genug ...

Genau. Man sollte zuerst fragwürdige Subventionen durchforsten. Da kann man Milliarden einsparen.

Sie leben in Norddeutschland. Hat Österreich in den Augen der Deutschen sein Image als attraktives Tourismusland durch Ischgl & Co nachhaltig zerstört?

Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Ischgl war ein Problem, und die Art von Partytourismus wird sicherlich kritischer gesehen, aber das ist ja nur ein kleines Teilsegment. Der Sommertourismus wird wahrscheinlich schon in diesem Jahr wieder wunderbar funktionieren. Die Sehnsucht nach Urlaub ist groß. Und viele halten das Fliegen für zu riskant und fahren lieber mit dem Auto von Berlin nach Tirol. Man traut den Österreichern auch immer noch zu, dass sie Hygienekonzepte besser umsetzen als Kroaten oder Italiener.

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