Wirtschaft 09.11.2015

So wird beim Essen getrickst

  © Bild: /neuson11/iStockphoto

In den Verpackungen steckt nicht immer das drin, was draufsteht. Deswegen macht Brüssel jetzt eine Aktion scharf.

Dass in Lebensmittelverpackungen nicht immer drinsteckt, was draufsteht, wissen Konsumenten spätestens seit dem Fleischskandal (der KURIER berichtete). Die Fantasie der schwarzen Schafe blüht wie auch die Zahl an Produktrückrufen – nicht nur in der Automobilindustrie.

Glasstaub

Ein Zimt-Hersteller hat beispielsweise Zigarrenholzschachteln pulverisiert und seinen Zimt-Packungen untergemischt. Da das Pulver aber leichter als Zimt war und die Trickserei so schnell aufgeflogen wäre, hat er zusätzlich Glasstaub beigemengt. Dieser hat mehr Gewicht – unterm Strich fiel die Dichtemessung damit ähnlich jener von reinem Zimt aus. Aufgeflogen ist der Panscher trotzdem, erzählt Axel Dick von Quality Austria, einer Trainings-, Zertifizierungs- und Begutachtungsstelle, von einem internationalen Fall.

"Schwarze Schafe hat es immer gegeben und wird es immer geben", sagt sein Kollege Wolfgang Leger-Hillebrand, der sich auf Audits bei Gewürzen und Zusatzstoffen spezialisiert hat. Generell seien Lebensmittel heute aber so sicher wie nie zuvor. Der Eindruck, dass es trotzdem immer mehr Produktrückrufe gibt, stimme dennoch. "Weil die Kontrollen strenger sind."

Gestreckter Oregano

Diese bringen oft überraschende Ergebnisse. Etwa Olivenblätter im Oregano. "Hochwertige Produkte werden mit minderwertigen gestreckt – im Ausmaß von vier bis fünf Prozent fällt das optisch nicht auf, der Konsumenten merkt nichts", so Leger-Hillebrand. Selbst wenn nur homöopathische Mengen beigemengt werden, verdient sich der Produzent, der massenweise Artikel in den Markt presst, so ein gutes Körberlgeld.

Hersteller sind oft kreativ, wenn sie mit teuren oder spärlich vorhandenen Rohstoffen handeln. Anfang des Jahres sind erste Fälle von Erdnussschalen-Pulver in Gewürzmischungen nachgewiesen worden – in mehreren Ländern Europas. Leger-Hillebrand: "Allerdings war es in diesen Fällen immer schwierig, die betrügerische Absicht nachzuweisen, da die gefundenen Mengen immer sehr klein waren und auch unbeabsichtigt in das Produkt gelangt sein könnten."

Gefärbte Litschi

Klarer war die Lage bei indischen Herstellern, die Litschi rot eingefärbt haben, um sie besser aussehen zu lassen, erzählt Axel Dick. Auch von extra aufgespritzten Wassermelonen ist die Rede.

Viele Panscher können aber nicht überführt werden, weil sie sich in einer Grauzone bewegen. Etwa jene, die Tiefkühlware glasieren, das heißt, einen Wasserfilm auf Produkte wie Tiefkühlerbsen geben. Leger-Hillebrand: "Das ist ungiftig, erhöht aber das Gewicht der Ware und ist damit an der Grenze zum Betrug."

Die EU ist seit dem Fleischskandal – bei dem Pferdefleisch in angeblichen Rindfleischprodukten gefunden wurde – alarmiert. Der Fall hat gezeigt, wie komplex die Zusammensetzung von Fertigprodukten ist und wie viele Lieferanten involviert sind. Viele entlang der Lieferkette wussten gar nicht, dass sie Teil eines Betrugs sind.

Top-10-Liste

Die Beamten nehmen jetzt jene Top-10-Produktgruppen unter die Lupe, bei denen offensichtlich besonders gern getrickst wird. Mit dabei: Kaffee und Tee (teure Sorten werden mit billigen gemischt), alles mit Bio-Label, Fisch, Honig, Gewürze, Wein und Obstsäfte sowie Gewürze, Ahornsirup oder Olivenöl.

Allergene

Dass es immer mehr Produktrückrufe gibt, hängt laut Leger-Hillebrand auch mit einer EU-Verordnung zusammen, die vor einem Jahr in Kraft getreten ist – der sogenannten Allergen-Verordnung. Sie besagt, dass bei verpackten Produkten allergene Stoffe wie Nüsse, Sellerie, Senf, Fisch und Ei ausgewiesen werden müssen. Das wird jetzt streng kontrolliert – etwa, ob Spuren von Sellerie im Käseaufstrich mit Petersilie enthalten sind. Ab wann das für Allergiker gefährlich ist, ist nicht genau definiert, sagt Leger-Hillebrand. Deswegen stehlen sich Hersteller mit Formulierungen wie "kann Spuren von ... enthalten" aus der Affäre.

Historie: Betrüger, Erpresser - und andere Grauslichkeiten

Dass bei Lebensmitteln gepanscht wird, ist kein neues Phänomen. Schon die Römer sollen Olivenöl mit Schmalz gestreckt haben und schon im Mittelalter wurde Schummel-Safran verhökert. Wer erwischt wurde, musste mitunter um sein Leben laufen. Laut Überlieferungen wurden Betrügern im Mittelalter auch die Augen ausgestochen. In Wien gab es einst das sogenannte Bäckerschupfen. Dabei wurden Bäcker, die ihrer Kundschaft zu kleine Brote verkauft haben, in Netze gesteckt und ins Wasser getaucht. Einige sollen dabei ertrunken sein.

Auch heute drohen Lebensmittelfälschern hohe Strafen. Nach dem chinesischen Babymilch-Skandal wurden in China sogar Todesstrafen verhängt.

Verschärfte Kontrollen

Lebensmittel sind aber so sicher wie nie zuvor, die Kontrollen so streng wie nie zuvor. Das ist auch eine Folge der Terroranschläge von 9/11 in den USA, sagen Experten. US-Hersteller fürchteten sich danach vor Anschlägen und Erpressungsversuchen und verschärften die Sicherheitsmaßnahmen. Der Druck stieg auch in Europa. Heute gibt es kaum mehr Hersteller, die keine Zugangskontrollen und Risikoanalysen haben.

Immer wieder gibt es auch Erpressungsversuche. Mit der Drohung, dass Produkte vergiftet und in Umlauf gebracht werden, waren schon viele Lebensmittel-Konzerne konfrontiert, unter anderem der Getränkeriese Coca-Cola, der Nahrungsmittel-Konzern Nestlé und der Konsumgüter- Hersteller Johnson&Johnson.

( kurier.at ) Erstellt am 09.11.2015