Wirtschaft
13.08.2018

Monsanto und Bayer: Wie ein Urteil 10 Mrd. Euro Börsenwert vernichtet

Der Aktienkurs des Chemiekonzerns Bayer fiel nach dem Urteil gegen seine neue Tochter Monsanto um 13 Prozent.

Man hatte sich den Deal rund um die neue Tochter wohl anders vorgestellt. Erst vor Kurzem hatte der Chemiekonzern Bayer den Agrarkonzern Monsanto für rund 63 Milliarden Dollar übernommen. Kurz darauf folgte ein harter Schlag - wegen angeblich verschleierter Krebsrisiken seines Unkrautvernichters Roundup mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat wurde Monsanto von einem Gericht in San Francisco zu einem Schadenersatz von 289 Millionen Dollar (253 Millionen Euro) verurteilt.

Das Urteil kam so unerwartet, wie nun auch seine Folgen für die Bayer-Aktie. Am Montag eröffnete sie um rund acht Prozent im Minus, fiel dann weiter und notierte um 9.45 Uhr mit 13 Prozent Minus.

Brisante Folgen

Obwohl es sich nur um einen Einzelfall und keine Sammelklage handelte, ist der Prozessausgang für Bayer und Monsanto brisant, da es die erste Gerichtsentscheidung überhaupt ist und sie wegweisend für die zahlreichen anderen Verfahren sein könnte. Für die Zukunft von Konzern und die Anteilseigner verheißt das nichts Gutes. Da es in den USA noch Tausende ähnliche Klagen gegen Monsanto gibt, schätzen einige Analysten die Risiken für Bayer weiter als hoch ein.

Das Unternehmen zeigte sich über das Urteil zunächst irritiert: „Das Urteil steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach kein Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom", sagte ein Bayer-Sprecher am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Als Non-Hodgkin-Lymphome werden mehrere bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems bezeichnet. Der Konzern sei überzeugt, dass Glyphosat "sicher und nicht krebserregend ist". Das gehe auch aus Einschätzungen von Regulierungsbehörden weltweit sowie aus der jahrzehntelangen praktischen Erfahrung mit dem Wirkstoff hervor.

Glyphosat - Unkrautvernichter in der Kritik

Der Wirkstoff Glyphosat ist weltweit umstritten. 2015 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Verboten ist Glyphosat jedoch bisher nirgendwo. Das historische Urteil gegen den inzwischen zum deutschen Chemiekonzern Bayer gehörenden Hersteller Monsanto in den USA könnte Glyphosat-Gegnern auf der ganzen Welt nun Auftrieb geben.

USA: Ein US-Gericht verurteilte den Agrarkonzern Monsanto am Freitag zur Zahlung von 289 Millionen Dollar (knapp 253 Millionen Euro) Schmerzensgeld, weil seine glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittel Krebs verursacht haben sollen. Gegen das Unternehmen sind in den USA tausende weitere Verfahren anhängig. Monsanto verweist darauf, dass zahlreiche Studien sowie die US-Umweltbehörde EPA und andere Regulierungsbehörden weltweit zu dem Schluss gekommen seien, dass Glyphosat keinen Krebs verursacht.

Europa: Nach zwei Jahren lebhafter Debatten verlängerten die EU-Mitgliedstaaten Ende 2017 die Zulassung für Glyphosat um weitere fünf Jahre. Zuvor hatten die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) und die Europäische Chemieagentur (Echa) die Substanz als nicht krebserregend eingestuft. Die Unabhängigkeit der Efsa wurde jedoch angezweifelt, weil Textpassagen ihres Gutachtens denen eines Monsanto-Berichts aus dem Jahr 2012 ähnelten.

Frankreich: Die französische Regierung kündigte im Mai an, die Nutzung von Glyphosat innerhalb von fünf Jahren komplett verbieten zu wollen. Im Juni verklagte ein Bienenzüchterverband den Chemiekonzern Bayer, nachdem in Glyphosat-Rückstände in Honig gefunden worden waren. Bereits im Jahr 2009 hatte Frankreichs höchstes Gericht Monsanto wegen Etikettenschwindels zu 15.000 Euro Strafe verurteilt: Das Unternehmen hatte sein Glyphosat enthaltendes Herbizid Roundup als "biologisch abbaubar" beworben.

Argentinien: Der drittgrößte Soja-Anbauer der Welt hinter den USA und Brasilien verbraucht enorme Mengen Glyphosat. In manchen Anbaugebieten der Pampa kommt es ständig zu Konflikten zwischen besorgten Anrainern und Agrarproduzenten, für die das Herbizid unverzichtbar geworden ist. In Ermangelung einer nationalen Regelung haben einige Kommunen das Versprühen von Glyphosat eingeschränkt. Die Produzenten gehen gegen die Regulierungen vor.

Brasilien: Anfang August ordnete eine brasilianische Richterin eine 30-tägige Sperre für die Registrierung neuer glyphosathaltiger Produkte an, damit die Gesundheitsbehörden eine toxikologischen Neubewertung vornehmen können. Die brasilianische Regierung legte daraufhin Rechtsmittel ein, um die Entscheidung noch vor der nächsten Ernte aufheben zu lassen.

El Salvador: Das Parlament stimmte im September 2013 dafür, 53 agrochemische Produkte vom Markt zu nehmen, darunter Unkrautvernichtungsmittel und Pestizide. Der damalige Präsident Mauricio Funes hob diese Entscheidung für elf Pestizide mit der Begründung wieder auf, dass diese besonders häufig verwendet würden und international nicht verboten seien. Ein Ausschuss wurde eingerichtet, aber an der Situation änderte sich in den folgenden fünf Jahren wenig. Glyphosat wird in El Salvador nach wie vor verkauft.

Sri Lanka: Sri Lankas Regierung verbot im Oktober 2015 den Import von Glyphosat. Landwirtschaftsorganisationen kritisierten die Regierung dafür, keine zusätzlichen wissenschaftlichen Untersuchungen durchgeführt zu haben und beklagten einen jährlichen Ernteverlust von zehn Prozent. Im vergangenen Juli wurden die Importe wieder zugelassen, allerdings bleibt die Verwendung von Glyphosat auf Tee-und Kautschukplantagen untersagt.