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Wirtschaft
03/30/2020

Mathematiker entzaubern Mythen über das Coronavirus

Die Gefahr durch die Pandemie ist größer, als viele glauben wollen. Allerdings gibt es auch positive Ausblicke.

von Irmgard Kischko, Thomas Pressberger

Mit dem Andauern der Corona-Krise sind zunehmend mehr renommierte Mathematiker und Physiker überzeugt, dass nur mit strikten Maßnahmen der Regierung die Ausbreitung der Krankheit eingedämmt werden kann.

Exponentielles Wachstum

Doch in der Öffentlichkeit sind noch immer Menschen davon überzeugt, dass die Politik übertreibt. Sie unterschätzen, was ein exponentielles Wachstum bedeutet. Das Virus breitet sich genau mit der exponentiellen Wachstumskurve aus. „Das heißt, Sie haben ohne Gegenmaßnahmen alle drei bis vier Tage eine Verdopplung der Anzahl der Krankheitsfälle“, erklärt der angesehene Mathematiker der Universität Wien, Franz Embacher, im Gespräch mit dem KURIER.

100.000 Corona-Erkrankte hätte Österreich binnen einiger Wochen und sehr viele Tote. "Wenn wir unsere Großelterngeneration verlieren wollen, dann können wir das so machen“, so Embacher mit Zynismus.

Faustregel

Wie lange die Corona-Krise dauert, können Mathematiker allerdings nicht einfach ausrechnen. „Das hängt davon ab, wie strikt die Maßnahmen gesetzt und eingehalten werden“, sagt Embacher. Da gebe es zu viele Unbekannte.

Grundsätzlich gibt es aber eine mathematische Faustregel. Sie besagt, dass die Kurve nach Erreichen des Peaks wieder nach unten gehe, es aber noch einmal so viele Fälle wie bis zum Peak geben werden, bis sich alles beruhige. Auch die Dauer werde nach dem Peak nochmals so lange sein.

Hoffnung schöpfe könne man jedenfalls, wenn die Zuwachsraten der erkrankten nachließen. Dann komme die schwierigste Frage für die Politik: Wie gestaltet sie die Rücknahme der Einschränkungen? Da könne man sich wohl nur auf Erfahrungen in China stützen.

Ischgl-Effekt

Laut dem Mathematiker Rudolf Taschner müssten flächendeckende Tests durchgeführt werden, was künftig wohl auch geschehen werde. Nur dort zu testen, wo ein Infektionsfall aufgetreten sei, wäre statistisch dubios. „Es ist wichtig, die tägliche Zunahme von 30 Prozent zu senken, da sonst alle zweieinhalb Tage eine Verdoppelung der Fälle und nach zehn Verdoppelungen eine Vertausendfachung eintreten würde“, sagt Taschner.

Wenn die tägliche Steigerungsrate auf fünf Prozent sinke – was etwa in der Karwoche eintreten könnte – wäre die Steigerung nicht mehr exponentiell. Die Treiber würden dann immun sein und nicht mehr als Virenspender dienen. Angesichts erster sinkender Infektionsraten könnte es sein, dass die Trendwende dieser Tage stattfinde meint der Mathematiker.

„Die Frage ist nur, ob die Kurve so schön glatt verläuft, wie wir uns das erwarten“, sagt Taschner. Die Menschheit sei nicht so brav, wie es sich die Mathematik wünsche. Und Menschen, die sich nicht an die Regeln halten würden, könnten für einen „Ischgl-Effekt“ sorgen und die Infektionszahlen wieder nach oben treiben.