AK-Ökonom Markus Marterbauer

© Kurier/Jeff Mangione

Wirtschaft
12/22/2020

"Massiver Anstieg der Ungleichheit" durch Corona-Krise

AK ließ Vermögenskonzentration neu berechnen: Reichstes Prozent besitzt demnach 39 Prozent des Gesamtvermögens.

von Anita Staudacher

Die einen verlieren ihren Job, können ihre selbstständige Tätigkeit nicht mehr ausüben und müssen schauen, wie sie ihre Miete bezahlen können. Die anderen profitieren von den steigenden Aktienkursen, Goldpreisen oder anhaltend hohen Immobilienwerten. "Die Corona-Krise führt zu einem massiven Anstieg der Ungleichheit in der Gesellschaft", warnt Markus Marterbauer, Leiter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft der Arbeiterkammer (AK) Wien. 

Weil die  Lasten der Pandemie extrem ungleich verteilt seien, drohe eine weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft. So treffe ein Stillstand der Wirtschaft die ohnehin armutsgefährdeten Gruppen am stärksten. Der Sozialstaat könne hier zwar gegensteuern, es gebe aber Absicherungs-Lücken etwa bei alleinerziehenden Müttern, prekär Beschäftigten, Ein-Personen-Unternehmen (EPU) oder Langzeitbeschäftigungslosen. Auf der anderen Seiten würde der Aktienboom das Vermögen der Reichen noch weiter ansteigen lassen. Die AK fordert daher schon länger eine Vermögenssteuer zur finanziellen Abfederung der Corona-Krise.

Wie reich die Reichen sind

Um zu zeigen, wie ungleich die Vermögen in Österreich verteilt sind, wird gerne auf Umfragedaten der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) zurückgegriffen. Diese erhebt alle drei Jahre Einkommens- und Vermögensdaten im Rahmen des Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Diese Vermögenserhebung hat aber einen Haken: Sowohl die Armut am unteren Ende als auch die "Superreichen" am oberen Ende der Verteilung sind schwer zu erfassen. Die Superreichen sind entweder gar nicht in der Stichprobe enthalten, verweigern Antworten oder unterschätzen ihr Vermögen. 

Die AK ließ daher den Ökonomen Jakob Kapeller von der Universität Duisburg-Essen diese Vermögensspitze mit eigenen Berechnungsmethoden erheben. Kapeller nutzte mit seinem Team die so genannte "Pareto-Verteilung" zweiten Typs, um die Vermögen an der Spitze zu schätzen. So fließt etwa die Reichenliste von Trend in die Auswertung ein. Die Daten stammen aus dem Jahr 2017. 

Die wichtigsten Ergebnisse: 

- Das Gesamtvermögen in Österreich liegt nach dieser Berechnung weit höher als bisher geschätzt, nämlich bei 1.249 Mrd. Euro statt bei 985 Mrd. Euro nach OeNB-Berechnung

- Das reichste Prozent besitzt demnach fast 39 Prozent des Gesamtvermögens und nicht 23 Prozent wie nach der OeNB-Berechnung

- Die reichsten fünf Prozent besitzen 55 Prozent des gesamten Vermögens, die reichsten zehn Prozent immerhin zwei Drittel 

- Die untere Hälfte besitzt nur noch 2,8 Prozent und nicht 3,6 Prozent wie nach OeNB-Daten

Varianten für Vermögensabgabe

Laut Kapeller zählt Österreich zu jenen Ländern mit der größten Vermögenskonzentration. Diese sei auf einem "stabil hohem Niveau". Um die Krisenlast nach der Pandemie besser zu verteilen, will die AK bekanntlich eine Abgabe auf hohe Vermögen einführen. Wie genau diese berechnet werden soll, darüber werde noch verhandelt, so Marterbauer. Ökonom Kapeller hat vier verschiedene Vermögenssteuertarife errechnet. Ohne Ausweicheffekte brächte die Steuer je nach Tarifvariante zwischen jährlich 5 Mrd. Euro (lineare Abgabe) und 134 Mrd. Euro (Extremvariante mit Vermögensdeckelung). 

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