© Kurier/Franz Gruber

Wirtschaft
08/16/2021

Marinomed-Chef: "Das Virus ist wie eine Klette"

Mit einem Anti-Virus-Spray aus Rotalgen will das heimische Biotech-Unternehmen mithelfen, die Corona-Infektionen einzudämmen.

von Anita Staudacher

Die buschige Rotalge ist längst keine Unbekannte mehr, verfügt sie doch über viele gesunde Inhaltsstoffe. Als pflanzliches Geliermittel „Agar-Agar“ erobert sie die vegane Küche der Europäer, als „Irisches Moos“ lindert sie Halsschmerzen und als Nahrungsergänzungsmittel ist sie in vielfältiger Form erhältlich.

Jetzt könnte sie mithelfen, das Corona-Virus in den Griff zu bekommen. Davon ist zumindest das heimische Biotech-Unternehmen Marinomed überzeugt. Schon seit Jahren nutzt Marinomed die Alge und entwickelt daraus Wirkstoffe für medizinische Produkte. Dabei wird aus den Rotalge das sulfatierte Polymer „Carragelose“ (iota-Carrageen) gewonnen, das einen Schutzfilm als physikalische Barriere auf den Zellen der Schleimhaut bildet. So soll verhindert werden, dass sich Viren, darunter auch das SARS-CoV2-Virus, an Zellen anheften können, sich später vermehren und in den Atemwegen ausbreiten.

„Ähnlich wie Antikörper kann Carragelose die Viren neutralisieren und so die Zellen vor der Infektion schützen“, erläutert Marinomed-Mitgründer und Vorstandsvorsitzender Andreas Grassauer dem KURIER. Er verweist auf entsprechende, unabhängige Studien in den USA und Argentinien, die die Wirksamkeit nachweisen würden. Weitere Studien laufen noch.

So funktioniert’s

Einfach erklärt sei ein Virus wie eine Klette, die am Wollpullover kleben bleibt, so Grassauer. „Wenn ich sie aber vorher schon in Wolle einwickle, bleibt sie nicht mehr kleben. Dieses Einwickeln besorgt das Polymer Carragelose. Das Virus werde so neutralisiert. Mit einer niedrigeren Virenlast seien auch Infizierte weniger ansteckend und es könnte der Krankheitsverlauf gelindert werden. Grassauer berichtet von ersten Tests mit Covid-Patienten, die Carragelose inhalierten und sich danach rascher erholten. Weitere wissenschaftliche Belege für eine solche Wirksamkeit auf Basis von Rotalgen fehlen allerdings noch.

Impf-Alternative

Als Mittel gegen allergischen Schnupfen und Erkältungen hat Marinomed bereits einen Virusblocker auf Algenbasis als Nasen- und Rachenspray sowie in Pastillenform auf den Markt gebracht. In Österreich ist er unter dem Namen „Coldamaris“ erhältlich. Corona ermöglicht ein weiteres Einsatzgebiet, nämlich dort, wo man nicht impfen kann.

Spin-Off
Das Biotech-Unternehmen wurde 2006 als Spin-Off der Vet.med Uni Wien gegründet. 2008 kam das erste Carragelose-Produkt auf den Markt, seit 2019 notiert  Marinomed an der Börse. Firmensitz ist  Korneuburg/NÖ,  das Unternehmen beschäftigt derzeit 47 Mitarbeiter

Rote Zahlen
Im 1. Quartal 2021 konnte der Umsatz gegenüber 2020 dank  des antiviralen Sprays  auf 2,2 Mio. Euro verdoppelt werden. Der operative Verlust (EBIT) stieg wegen hoher Forschungsausgaben ebenfalls – von 1,4 auf 1,7 Mio. Euro. Auch für das Gesamtjahr wird ein operativer Verlust erwartet

Als Beispiele nennt Grassauer Kindergärten, wo Coldamaris als günstiger Ersatz für das Tragen von FFP2-Masken und PCR-Tests verwendet werden könnte. Anders als ein Test würde der antivirale Spray auch schützen, zumindest den ganzen Vormittag lang. „Der Spray wäre eine weitere, unkomplizierte Maßnahme, um Infektionsketten zu unterbrechen“, meint Grassauer. Im Unterschied zu den Impfstoffen seien hier auch die Virus-Mutationen egal.

„Mit Virus leben“

„Die Impfstrategie ist sinnvoll und wird eine gewisse Basisimmunität erzeugen, aber das Virus werden wir sicher nicht mehr los. Wir werden damit leben lernen müssen“, ist der Firmenchef überzeugt. Er verweist auf die bereits lange bekannten vier endemischen Corona-Viren, die zu 15 Prozent für die Erkältungen mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit verantwortlich seien. Jeder Österreicher hätte inzwischen Antikörper gegen diese Viren, aber trotzdem gebe es immer wieder Erkältungen. „Aus meiner Sicht, wird es bei SARS-CoV-2 nicht anders sein.“

Marinomed wurde 2006 als Spin-Off der Veterinärmedizischen Universität Wien gegründet, um „Medizin aus dem Meer“ zu erforschen. Seit 2018 notiert das Unternehmen an der Wiener Börse, mehr als die Hälfte der Anteile sind in Streubesitz. Firmengründer Andreas Grassauer und Eva-Prieschl-Grassauer halten nach wie vor jeweils 8,3 Prozent. Weiteres Großaktionär ist die Acropora Beteiligungs Gmbh.

Der Anti-Viren-Spray ist derzeit der einzige Umsatzbringer der Marinomed AG. Produziert und vertrieben wird er von der Firma Sigmapharm im Burgenland. Die Rotalge wächst im Meer von Afrika (Sansibar) oder den Philippinen, der Vertrieb läuft über Partnerschaften. Um die Umsätze anzukurbeln, werden gerade weitere Länder erschlossen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.