Wirtschaft
31.12.2018

Löger bastelt an beaufsichtigter Krabbelstube für FinTechs

Start-ups aus dem Finanzbereich können unter den Augen der Aufsicht ihre Geschäftsmodelle testen und trainieren.

FinTechs lassen herkömmliche Finanzunternehmen wie Banken, Zahlungsdienstleister und Versicherungen ganz schön alt aussehen. Weltweit haben Regierungen Probleme mit den digitalen Technologien und Geschäftsideen, die sich unglaublich rasant weiter entwickeln. Es geht darum, das Potenzial von FinTechs zu nutzen und trotzdem die Sicherheit des Finanzsystems zu gewährleisten.

Die Finanzmärkte sind sensibel, Kunden und Anleger müssen geschützt werden. Andererseits sollen Innovationen und Neugründungen nicht durch ein zu enges Korsett an Regulierungen abgewürgt werden. Ein schwieriger Spagat.

Neuordnung

„Im Jahr 2019 werden wir den Finanzplatz Österreich in wesentlichen Bereichen neu ordnen. Insbesondere im FinTech-Bereich leisten wir mit einigen Neuerungen Pionierarbeit. Eine Schlüsselrolle nimmt die Digitalisierung des Marktes ein“, konkretisiert ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger gegenüber dem KURIER.

Im ersten Quartal 2019 wird die „Regulatory Sandbox“ realisiert, eine Art Sandkiste für FinTechs. Start-ups können unter den Augen der FMA ihre Geschäftsmodelle testen und trainieren.

Testphase

Die Testphase in der Krabbelstube ist mit einem halben Jahr und jeweils fünf österreichischen Start-ups begrenzt. Die Aufsicht begleitet die jungen Unternehmen, hat Einsicht in die Tätigkeit der Firmen und unterstützt die „Sandkasten-Kids“ dabei, die Finanzmarkt-Konzessionen zu erlangen. Die – echten – Kunden haben dank der Involvierung der FMA einen gewisse Sicherheit. Wer die Regulierungs-Anforderungen nicht fristgerecht schafft, fliegt aus der Sandbox hinaus.

Einer der Fixstarter für den ersten Durchlauf ist das Start-up „Riddle & Code“, ein Anbieter von Blockchain- und Krypto-Technologie.

Rechtlicher Rahmen

„Mit einem modernen Rechtsrahmen wollen wir die technologische Entwicklung fördern und gleichzeitig davon profitieren, dass die Attraktivität der Neuansiedlungen steigt“, argumentiert Löger. Entworfen wurde das Projekt vom im Frühjahr 2018 gegründeten FinTech-Beirat.

Dort debattieren und konzipieren Experten von etablierten Finanzunternehmen und von FinTechs, Universitätsprofessoren sowie Mitarbeiter von FMA und Finanzministerium.

Platz 15

Die Bemühungen werden international anerkannt. Das IFZ (Internationales Finanzinstitut der Hochschule Luzern) reihte Österreich heuer in einem FinTech-Ranking auf Platz 15. Noch vor Dublin, Tokio und dem Technologie-Hot-Spot Tel Aviv (siehe Grafik).

Ende Jänner hält der Internationale Währungsfonds (IMF) in Wien seinen einzigen in Europa geplanten „Outreach-Event“ zum Thema FinTech ab. Ziel der Konferenz ist, die FinTech-Agenda des IMF und der Weltbank, die im Oktober in Bali vorgestellt wurde, in Europa bekannt zu machen.

Roadshows

Unter dem Arbeitstitel „Austria – The Sound of Finance“ startet Löger 2019 zu Roadshows. Erste Station ist in der Osterwoche New York, London folgt im Herbst, auch Asien ist im Fokus. Mit im Schlepptau hat der Minister die Finanzchefs etlicher österreichische Unternehmen, von Palfinger bis zur Erste Group. Organisiert haben die Präsentationen Wirtschaftskammer und Wiener Börse.

„Den Finanzplatz Österreich haben zu wenige Wirtschaftstreibende auf dem Schirm. Mit einer Kombination aus unserer Initiative ,Austria – The Sound of Finance’ und den nationalen Maßnahmen wollen wir das Investitionsklima verbessern“, betont Löger. Der an den Filmklassiker angelehnte Slogan dürfte jedenfalls für Aufmerksamkeit sorgen. „Sound of Music“, so Löger, „ist im Ausland wesentlich bekannter als in Österreich“.

Eines der ersten Unternehmen, das in Lögers „Regulatory Sandbox“ die Tauglichkeit als Finanzdienstleister trainieren wird, ist das Start-up Riddle & Code. Das Unternehmen bezeichnet sich als Europas führender Anbieter von Blockchain-basierten End-to-End-Lösungen.

Die entwickelten Hard- und Software-Systeme sollen den Kunden mithilfe von Crypto Tags Sicherheiten in den Bereichen Identität von Maschinen und Produkten garantieren und das Risiko von Fälschungen minimieren.

Im Finanzbereich hat Riddle & Code nun ein Projekt ausgearbeitet, wie Unternehmen teures, etwa in Rohstoffe gebundenes Kapital, nutzen können. Rohstoffe können somit zu Finanzierungsinstrumenten gemacht werden.

Energie

Das Unternehmen ist auch im Energiebereich engagiert. Mit Wien Energie wurde ein gemeinsames Innovationsprojekt für neue Stromtarif-Modelle mithilfe der Blockchain-Technologie gestartet. Vor Kurzem trat Riddle&Code der „Trusted IoT Alliance“ bei, einem internationalen Open-Source-Konsortium von Blockchain-Unternehmen für mehr Transparenz und Sicherheit für das Internet der Dinge (IoT).

Gründer Tom Fürstner war 15 Jahre lang Innovationschef der Wettplattform Bwin. Er setzte Riddle&Code 2017 in Wien auf und ist heute Technik-Direktor. Derzeit sind 21 Mitarbeiter beschäftigt. CEO ist Alexander Koppel, vormals Manager des Red Bull Media House.

Geldwäsche

Auch das Thema Geldwäsche steht auf der Digitalisierungs-Agenda 2019. Banken, Versicherungen, Makler, Notare etc. müssen gemäß der 4. EU-Geldwäsche-Richtlinie nicht nur verdächtige Geldströme ihrer Kunden melden, sondern auch die Identität ihrer Klientel überprüfen. Da es oft vorkommt, dass ein Kunde beispielsweise Konten bei verschiedenen Banken hat, muss er derzeit jedes Mal seine Identität nachweisen. Für 2019 ist mit der sogenannten „Know-Your-Client-Utility“ eine Erleichterung geplant.

Der Kunden identifiziert sich nur einmal, seine Daten werden in das „wirtschaftliche Eigentümer-Register“ übertragen, eine Behörde im Finanzministerium. Jedem weiteren Geschäftspartner kann der Kunde dann erlauben, gesichert auf seine Daten im Register zuzugreifen.

Attraktiveres Online-Banking

Das System wurde vom Finanzministerium gemeinsam mit heimischen Finanzinstituten entwickelt. Die Absicht dahinter: Kann Österreich die Geldwäsche-Auflagen sicherer und einfacher erfüllen als Deutschland, könnte die Alpenrepublik attraktiver für Online Banking werden.

Ebenfalls geplant ist die Digitalisierung von Wertpapier-Urkunden. Dieses Projekt würde Tonnen von Papier ersparen, die derzeit in den Stahlschränken der Kontrollbank lagern. Das Ziel sind vollständig digitalisierte Emissionen von klassischen Kapitalmarktprodukten und von neuen Instrumenten. Etwa Initial Coin Offerings (ICO). Investoren würden bei solchen Börsegängen keine Aktien erhalten, sondern Anteile an einer neuen Kryptowährung (Coins).