„Desaster für die Energiepolitik“

Leopold Windtner
Foto: KURIER/Gilbert Novy Die Energiewende ist in einer Sackgasse, kritisiert Leo Windtner.

Interview: Der Chef der Energie AG fordert ein radikales Umdenken und einen massiven Netzausbau.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien, die stark gefördert werden, hat die europäische Strombranche auf den Kopf gestellt. Die lange Zeit gut verdienenden Energiekonzerne ächzen unter dem niedrigen Strompreis. Gaskraftwerke sind bei diesem Strompreis nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben, dafür laufen die Luft verschmutzenden billigen Braunkohlekraftwerke auf Hochtouren. Leo Windtner, Chef der Energie AG Oberösterreich, im KURIER-Gespräch über den dringend notwendigen Kurswechsel in der europäischen Energiepolitik.

KURIER: Die Energiewende ist ins Stottern geraten. Oder ist sie gar tot?

Die Energiewende steckt jedenfalls in einer Sackgasse. In der Energiewende geht vieles an der Realität komplett vorbei. In Deutschland ringen die Politiker um Lösungen, die die Branche vorlegen soll, um aus dieser Sackgasse wieder herauszufinden.

Sind die Förderungen zu hoch?

In Deutschland sind sicherlich extremere Änderungen nötig als bei uns in Österreich. Die Deutschen sind in der Energiewende weit vorausgeeilt. 2014 wird dort der Ökostromaufschlag auf den Strompreis auf über sechs Cent steigen und damit höher sein als der eigentliche Strompreis. Das ist ein totales Desaster für die Energiepolitik. Damit wird auch eine soziale Frage angestoßen. Energie muss ein leistbares Gut bleiben. Daher geht nur eines: Wir müssen mit den Förderungen zurückfahren. Die Erneuerbaren müssen in die Marktfähigkeit hineinwachsen.

Was haben die Verluste der Gaskraftwerke mit dem Ökostrom-Ausbau zu tun?

Der viele geförderte Strom aus Wind und Sonne drängt Gaskraftwerke aus dem Markt. Gas als Brennstoff rechnet sich nicht mehr. Gleichzeitig brauchen wir die Gaskraftwerke aber als Ergänzung zu Wind- und Sonnenstrom. Sie gewährleisten die Versorgungssicherheit. Das ist eines der höchsten Güter unserer Volkswirtschaften. Mit der Energiewende gehen wir aber daran, dass dieses System fragil wird. Alle hochmodernen Gas-Dampfkraftwerke sind dabei vom Zusperren bedroht, ob das Kraftwerk Mellach vom Verbund oder unser Kraftwerk Timelkam.

Die E-Wirtschaft beklagt ja auch, dass sich Investitionen nicht mehr rechnen ...Faktum ist, man kann derzeit nur in geförderte Stromerzeugung investieren. Ohne Förderung hat man keine Chance, eine Investitionsrechnung mit einem Plus herauszubringen. Das System kann so nicht funktionieren.

Wie kann man das ändern?

Es muss ehestens daran gegangen werden, freie Kapazitätsmärkte zu entwickeln. Das heißt: Jene Kraftwerke (etwa die Gaskraftwerke, Anm.) müssen dafür, dass sie bereitstehen, entschädigt werden.

Sie wollen also eine Förderung für Gaskraftwerke?

Das Vorhalten von Kraftwerken, die eingesetzt werden, wenn es an Wind oder Sonne mangelt, ist eine Leistung, die bezahlt werden soll. Eine direkte Förderung ist eine Bankrotterklärung für die Liberalisierung. Aber ohne das Vorhalten dieser Kraftwerke besteht natürlich die Gefahr von Engpässen, die sich zu Blackouts entwickeln. In Deutschland ist 2012 schon 240-mal in den Regelbetrieb von Kraftwerken eingegriffen worden. Und das im liberalisierten Markt. In Deutschland stehen 29.000 Megawatt Windenergie. Es gibt aber Tage, an denen keine 200 Megawatt zur Verfügung stehen. Das zeigt das Dilemma deutlich auf.

Wenn auch Großkraftwerke gefördert werden, bewegt sich ja die gesamte Energiewirtschaft raus aus der Marktwirtschaft ...

Von der Liberalisierung ist ohnehin fast nichts mehr übrig. Der Regulator liefert auch seinen Beitrag, indem die absolute Unberechenbarkeit ausgebrochen ist, was die Netztarife anbelangt. Hier gibt es seitens des Regulators nur noch ein Credo: Es muss hinuntergehen mit den Preisen und damit mit den Kosten. Ohne Rücksicht darauf, dass die Versorgungssicherheit dadurch gefährdet wird.

Schreibt die E-Wirtschaft den Grund für das Desaster nicht den Falschen zu? Nämlich dem Ökostrom statt dem nicht funktionierenden CO2-Markt?

Das Problem ist sicherlich multikausal. Dass der CO2-Preis total abgestürzt ist, hat zur Folge, dass in Deutschland alle alten Braunkohlekraftwerke Volllast fahren und das mit billiger, zum Teil ausländischer Braunkohle und in Kraftwerken, die man früher als Dreckschleudern bezeichnet hat.

Betreibt nicht auch die Energie AG ein Kohlekraftwerk?

Wir legen 2016 die Steinkohleverstromung in Riedersbach still. Wir haben dort ein genehmigtes Projekt für ein topmodernes Gas-Dampfkraftwerk in der Schublade. Das ist derzeit aber wirtschaftlich nicht darstellbar. Und auch neue Wasserkraftwerke sind derzeit nicht darstellbar. Damit entfernen wir uns vom früheren Generationenvertrag. Die Branche hat stets nachhaltig über Generationen hinweg ihre Investitionen getätigt. Das hat sich jetzt mit der Energiewende ins Gegenteil verdreht: Wir müssen bremsen, wenn sich die Investitionen in die Kraftwerke nicht mehr rechnen.

Was wäre denn notwendig, um aus der Sackgasse Energiewende herauszukommen?

Der Netzausbau. Er ist die zwingende Ergänzung der Energiewende. Das gesamte System muss aufrechterhalten werden. Es ist nicht mehr wie früher, dass beim Nachbarn das Licht zuckt, wenn der Motor eingeschaltet wird. Die Systeme sind sensibler. Und wie gesagt, die Förderungen müssen runter. Wenn es nämlich so weitergeht, gibt es bald kein Kraftwerk mehr, das nicht gefördert werden muss. Und das kann wohl nicht gewollt sein. Das wäre dann wirklich eine Planwirtschaft ohne Plan.

Leo Windtner, Chef der Energie AG

Karriere Der 62-jährige WU-Absolvent ist seit 1978 in der Energie AG OÖ. Seit 1994 leitet er das Unternehmen, sein Vertrag läuft noch bis Oktober 2014. Im „Nebenjob“ ist der verheiratete Vater von drei Töchtern Fußball-Funktionär: Bis 2009 war er Präsidenten des OÖ Fußballverbandes, 2009 wurde er ÖFB-Präsident.

Unternehmen Die Energie AG setzte im Geschäftsjahr 2011/’12 (30. September) mit rund 7800 Mitarbeitern 2,1 Mrd. € um, der Betriebsgewinn sank um 8,3 Prozent auf 115,2 Mio. €.

(kurier) Erstellt am
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