Christoph Sieger bei der Arbeit im Prüflabor. Er ist Lehrling in der Holztechnik bei der Egger Group in Unterradlberg.

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Serie Lehre mit Zukunft
11/12/2019

Lehre: Mehr Respekt statt rauer Töne

Die Lehrlingsausbildung ist oft kein Honiglecken. Durch Coaching lässt sich viel verbessern.

von Thomas Pressberger

Digitalisierung und Globalisierung stellen immer höhere berufliche Anforderungen. Besonders an unsere Jugend. Aus diesem Grund dokumentiert der KURIER in einer sechsteiligen Serie die neuen und verschiedenen Formen der Lehre und wirft einen Blick hinter die Kulissen. In diesem Teil sind wir beim niederösterreichischen Spanplattenhersteller Egger.

Kommunikation verbessern

Der Ton zwischen Ausbildner und Lehrling ist oft rau. Nicht selten beruht das auf Missverständnissen. Beim Spanplattenhersteller Egger in Unterradlberg bei Herzogenburg ist derzeit Hans Sturm unterwegs. Er ist ein Lehrlingscoach von der bundesweiten Koordinationsstelle für Lehrlings- und Lehrbetriebscoaching „Lehre statt Leere“, die im Auftrag von Wirtschafts- und Sozialministerium sowie von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer tätig ist.

Bei Egger geht es um präventive Intervention, sagt  Sturm. In diesem Fall haben Gruppen-Coachings mit  Fachkräften und Lehrlingen stattgefunden. „In vielen Betrieben gibt es vier bis fünf Generationen von Mitarbeitern, da kann es sein, dass   es Missverständnisse gibt.“

Gesprächsbedarf

Ein Beispiel aus dem Berufsalltag: Viele Junge würden weder ein Vierteltelefon, noch eine Wählscheibe oder eine Diskette kennen. Umgekehrt könnten Ältere oft mit Social Media wenig anfangen. Fazit: Es gibt also jede Menge Gesprächsbedarf. Das ist besonders heute wichtig, in einer Zeit, „in der die Ausbildung aufwendiger geworden ist, in der die Ausbildner viel Know-how weitergeben müssen und die Umgangsformen in der Zusammenarbeit wichtiger geworden sind“, erklärt Sturm. Außerdem sei es für die Jungen wichtig, Feedback zu bekommen, um sich weiterzuentwickeln.

Das größte Konfliktpotenzial liegt bei der Eigen- und Fremdwahrnehmung. „Sie kann verzerrt sein, bei anderen sind wir kritischer, bei uns großzügiger.“ Hier könne man durch Dialog einiges verbessern.

Jugendliche möchten erklärt bekommen, was Sinn und Zweck der Aufgabe ist und was die Hintergründe sind, so der Coach.  „Am meisten lernt man, wenn man etwas ausprobieren kann“, sagt Sturm. Genau das sei der Wert der praktischen Ausbildung. „Ausbildung ist keine Nebensachen, sondern eine Hauptaufgabe im Betrieb.“

 

Dass sich das Lehrlingscoaching bezahlt macht, zeigt ein Beispiel aus der Praxis. Christoph Sieger, Lehrling in der Holztechnik, beschreibt die Zusammenarbeit mit den anderen Mitarbeitern als sehr gut: „Alle sind freundlich, ich bin extrem gut aufgenommen worden.“ Als Lehrling werde man sofort integriert, es sei nicht so, dass man nur für das Zusammenkehren zuständig sei.

„Man wird einfach mitgenommen, man sieht alle Arbeitsschritte und das hat mir gut gefallen“, sagt Sieger. Die Kommunikation sei sehr gut, jeder rede normal, keiner schreie herum, man habe Respekt vor dem anderen.

Hoher Stellenwert

Für Egger hat die Lehrlingsausbildung einen hohen Stellenwert. „Wir wollen die Fachkräfte von morgen selber ausbilden“, sagt Borislav Marjanovic, Lehrlingsbeauftragter von Egger. Lehrlinge zu finden sei jedoch nicht einfach: „Man muss die Werbetrommel rühren, Schulen, Veranstaltungen und Messen besuchen“, so Marjanovic.

Wichtig sei der richtige Umgang mit Lehrlingen. Sie sollen mitentscheiden können, im Team eingebunden und gleichberechtigt sein. In Workshops wird versucht, die Lehrlingsausbildner so weit zu bringen, dass die Kommunikation und die Zusammenarbeit gut funktionieren. Durch ein Rotationsprinzip lernen die Jungen jeden Arbeitsschritt kennen und können dadurch immer selbstständiger arbeiten.

Da in den kommenden Jahren viele Mitarbeiter bei Egger in Pension gehen werden, ist die Lehrlingsausbildung wichtig für die Zukunft des Unternehmens, sagt Marjanovic.

Diese Serie wird in Kooperation mit der WKÖ, aber unter redaktioneller Unabhängigkeit publiziert. Wir bedanken uns bei den Jugendlichen, ihren Eltern und den Unternehmen für die Mitwirkung.

Mitarbeit: Tobias Pehböck, Wolfgang Semlitsch, Wolfgang Seehofer, Karin Höllwerth, Marcel Schachinger