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Wirtschaft
11/20/2019

Kunsthändler Achenbach zu Auktionen: „Jeder Dritte ist ein Strohmann“

Helge Achenbach hat als Kunsthändler Millionäre und Milliardäre beraten. Dann landete er im Knast. Jetzt rechnet er mit dem Kunstmarkt ab.

von Simone Hoepke

Der Gefängnispfarrer hat über den Häftling Helge Achenbach gesagt: Wenn man ihn ohne Wasser in der Wüste aussetzt, kommt er mit zwei Kamelen und der schönsten Tochter der Nomaden zurück.

Als Kunsthändler brachte er es mit seinem Verkaufstalent von einfachen Verhältnissen bis in die High Society, er war Förderer von Kunstgrößen wie Jeff Koons und Gerhard Richter. Auf den kometenhaften Aufstieg folgte der freie Fall ins Nichts, genauer gesagt in die Gefängniszelle.

KURIER: Sie waren lange Zeit der Kunstberater der Reichen und Schönen. Was würden Sie heute einem Otto Normalverbraucher raten, der sich ein Bild kaufen will?

Helge Achenbach: Nur kaufen, was einem gefällt, keinesfalls spekulieren. Damit kann man sich nur die Finger verbrennen. Ich hab’ meinen ersten Gerhard Richter übrigens seinerzeit um 18.000 D-Mark gekauft.

Das war damals nichts gerade das typische Budget eines Otto Normalverbrauchers ...

Nein, aber ein paar Jahre davor hat es ihn noch um 3.000 Mark gegeben.

Sie erzählen gern von einem Richter-Werk, das Sie um 8.000 Mark gekauft haben und das jetzt 20 Millionen Euro wert ist. Können Sie solche Entwicklungen erklären?

Die Preisentwicklung hat immer etwas mit der Internationalität des Marktes zu tun. Richter ist ein internationaler Superstar, ihm laufen Zehntausende Sammler, Museen und Galeristen hinterher. Damit knallen die Preise durch die Decke.

Der Milliardär François Pinault gehört zu den großen Sammlern der Welt. Seit 1998 gehört Pinault auch das Auktionshaus Christie’s. Wie mächtig ist er wirklich?

Sammler wie er – oder auch Bernard Arnault – saugen Informationen von allen Seiten auf. Dazu kommt, dass Galeristen Megasammler wie sie als erstes bedienen. Das heißt, die Angebote landen zuerst bei ihnen auf dem Tisch, kommen erst danach zu Museen und anderen Händlern. Damit bleibt für andere Interessenten wenig übrig, der Markt verknappt sich, die Preise steigen.

So wie sich der Markt um Werke von Andy Warhol verknappt hat?

Ja, der kolumbianische Zucker-Milliardär Jose Mugrabi hat 800 Werke von Warhol aufgekauft und damit die Preise von einst 500.000 Dollar auf 50 Millionen pro Bild hochgeschoben. Dasselbe hat er danach mit den Werken von Warhols Schüler Jean-Michel Basquiat gemacht, einem Künstler, der mit nur 23 Jahren gestorben ist.

Die großen Summen werden also mit einer kleinen Zahl an Künstlern bewegt?

Global werden jährlich rund 50 Milliarden Dollar am Kunstmarkt bewegt, aber nur etwa drei Prozent der weltweiten Künstler können von ihrer Kunst leben. Große Namen wie Richter, Warhol, Picasso, Matisse und vielleicht 30 weitere machen nur 0,0001 Prozent des Marktes aus und es haben vielleicht 0,01 Prozent der Sammler und Galeristen Zugang zu ihnen. Dennoch werden 50 Prozent der Erlöse mit ihnen erwirtschaftet.

Offenbar auch dank überhitzter Preise. Muss das Pendel nicht zwangsläufig auch wieder in die andere Richtung ausschlagen?

Der Markt ist definitiv überhitzt, es wird sicher auch wieder einmal eine Korrektur geben, die Frage ist wann und in welchem Ausmaß. Nach Ausbruch des Golfkrieges sind die Aktienmärkte eingebrochen, das hat vielen den Spaß am Kauf von Kunst genommen. Meine Sammlung war plötzlich nur noch die Hälfte wert. Wenn die Aktien nach unten knallen, schwingt der Kunstmarkt etwas zeitverzögert immer nach.

Das trifft dann auch die Superstars der Branche?

Natürlich. Aber solange es noch ein paar Millionäre gibt, die ihr Vermögen diversifiziert haben, ist der Ausschlag nicht so dramatisch. Kürzlich wurde bei einer Auktion ein Leonardo da Vinci um 450 Millionen Dollar verkauft. So ein Werk wird seinen Wert nie verlieren.

Viele Werke landen in Zollfreilagern, in denen sie von Spekulanten gehortet werden. Haben Sie auch für solche Kunden gearbeitet?

Nein, nie. Dabei handelt es sich um ein sehr internationales Geschäft, getrieben von Spekulanten aus China, Südamerika, Oligarchen aus Russland. Sie kaufen Kunst als Spekulationsobjekt, geben es in Zollfreilager in Genf, Singapur oder Luxemburg, wo sie keine Importzölle und Steuern zahlen müssen. Bei entsprechenden Rendite-Aussichten verkaufen sie weiter. Allein in Genf lagern 1,2 Millionen Kunstwerke in einem Zollfreilager, das so groß wie 22 Fußballfelder ist.

Angeblich läuft die Hälfte des Kunstgeschäftes über Auktionen. Sitzen dort wirklich so viele Strohmänner?

Natürlich, jeder Dritte dort ist ein Strohmann. Hat eine Galerie ein Werk ihres Künstlers in der Aktion und weiß, dass es zwei, drei Interessenten dafür gibt, schickt sie einen Strohmann hin, der die Preise in die Höhe treibt. Würde es am Kunstmarkt in Sachen Insiderhandel die gleichen Regularien geben wie am Aktienmarkt, wären viele Akteure längst hinter Schloss und Riegel.

Sie selbst haben vier Jahre im Gefängnis verbracht.

Ja, ich war ein Schaf, hab nicht Nein sagen können, als mir Berthold Albrecht (Anm.: Erbe des Diskonters Aldi) nur fünf Prozent Provision geboten hat, für Werke, die ich ihm verschafft habe. Normal habe ich durchschnittlich 20 Prozent Provision bekommen. Ich war aber zu eitel, um zu diesen Konditionen Nein zu sagen. Ich sah die großen Volumina, die Albrecht kaufen wollte, wollte seinen Namen auf meiner Kundenliste haben. Dann habe ich ihm frisierte Rechnungen vorgelegt, der Fehler meines Lebens.

Helge  Achenbach (*1952 in Deutschland) erzählt in seinen Memoiren ("Selbstzerstörung", 240 Seiten, Riva-Verlag, 20,60 Euro) launig von seiner Jugend, seinem kometenhaften Aufstieg in der Kunstszene, dem Leben im Jetset  und seinem tiefen Fall.

Achenbach hatte den Aldi-Erben und Milliardär Berthold Albrecht beim Vermitteln von Kunst und Oldtimern mit verdeckten Preisaufschlägen betrogen, saß dafür vier Jahre in Haft.

Heute betreibt er den Flüchtlingshilfe-Verein „Culture without Borders“ und wohnt in einer Wohnung des Aufdecker-Journalisten Günter Wallraff.

Seine Expertise in Sachen Kunst stellt er der High Society noch immer zur Verfügung – gegen Spenden für seinen Verein.