Wirtschaft
03.06.2017

Kritik am Pickerl-Abgastest: "Zum Krenreiben"

Insider behauptet: Würde bei Tests nicht "herumgepfistert", müsste die Hälfte der Autos das Pickerl verlieren.

"Erster Gang rein, einmal Vollgas um den Häuserblock, danach passen die Abgaswerte." Diese Methode freut zwar vermutlich weder Umwelt noch Anrainer. Es helfe aber dabei, beim Pickerl-Abgastest die Normwerte zu erreichen, sagt der NÖ-Landtagsabgeordnete (und gelernte Motorenbauer) Walter Naderer. Er hat obendrein als Autohändler selbst so seine Erfahrungswerte mit den Pickerl-Überprüfungen (vulgo §57a) gesammelt. Und kritisiert, deren Emissionstest sei in Wahrheit "zum Krenreiben".

Der Grund: Die Grenzwerte seien realitätsfern, weil die Test-Ergebnisse eine extreme Streuung aufwiesen. Ein Auto, das viel auf der Autobahn unterwegs sei, habe viel weniger Ablagerungen im Auspuffsystem und weise weniger Trübungen im Schadstofftest auf als eines im Stadtbetrieb. Was auch jeder Werkstättenbetreiber wisse.

Würde alles "nach Punkt und Beistrich" durchgeführt, wie es die Verordnung verlangt, dürfte die Hälfte der Autos auf Österreichs Straßen kein Pickerl erhalten, behauptet Naderer. Die Werkstätten seien praktisch gezwungen "herumzupfistern, bis es passt". Alternative: Die Hälfte der Autos würde ein Fall für die Schrottpresse.

Nur Momentaufnahme

Eine "brutale Aussage von einem Kollegen", findet Friedrich Nagl, Bundesinnungsmeister für Fahrzeugtechnik und somit Branchensprecher der Werkstätten. Hat die Hälfte der Autos wirklich ihr Pickerl zu Unrecht? "Nein, bei Weitem nicht", sagt Nagl. Selbst ältere Motoren würden die Werte erfüllen, wenn sie gut gewartet und gepflegt seien.

Was der Experte aber sehr wohl bestätigt: Viele Faktoren beeinflussen die Prüfergebnisse. Die Qualität des Treibstoffes, hochtouriges Fahren, neue Luftfilter – all das habe Einfluss auf die Abgaswerte: "Der Test ist eine Momentaufnahme." Sogar der Luftdruck und die Temperatur könnten sich geringfügig auswirken.

Nur für grobe Mängel

Und selbst das Umweltbundesamt bestätigt: Der Pickerl-Test sei "nicht geeignet, die Einhaltung der Emissionsgrenzwerte zu überprüfen", sondern nur, um "grobe technische Mängel zu eruieren".

Die Armen seien somit die Werkstätten, die mit dem Problem alleingelassen würden, kritisiert Naderer. Er fordert "eine Abgasnorm, die am Realbetrieb orientiert ist".

Für Nagl wäre überhaupt die bessere Lösung, wenn der faktische Spritverbrauch, den die Bordcomputer ohnehin bereits messen (European Onboard Diagnostics), zum Maßstab würde. Damit gebe es langfristige Verbrauchsdaten für jedes Fahrzeug, was indirekt auch den Schadstoffausstoß abbildet.

Von den eingang erwähnt Mit-Vollgas-um-den-Block-Tipp rät Nagl übrigens ab. Das bringe nicht: "Damit werden Ablagerungen sicher nicht rausgeblasen."