Investor: „Es hieß, dass KI eine Nische ist“

Nathan Benaich investiert seit über zehn Jahren in KI-Start-ups. Mit seinem neuen Fonds ist er Europas größter Einzelinvestor.
Investor: „Es hieß, dass KI eine Nische ist“

Nathan Benaich investiert nicht erst in KI, seit ChatGPT einen Hype um die Technologie entfachte. Mit seinem Unternehmen Air Street Capital ist er an vielen europäischen KI-Start-ups beteiligt. Mehrere davon, darunter Black Forest Labs oder Synthesia, sind Milliarden wert. Der KURIER hat mit dem britischen Investor über seine Strategie und den KI-Boom gesprochen.

KURIER: Sie haben für Ihren dritten Fonds mehr als 230 Mio. Dollar gesammelt. Was hat sich in den vergangenen Jahren geändert?
Nathan Benaich: Ich kann jetzt größere Investitionen tätigen. Die Start-ups brauchen Kapital. Sie wollen schneller wachsen, weil es  mehr Möglichkeiten gibt.  Man muss schneller vorankommen als früher. Firmen und  auch private Nutzer wollen KI für fast alles nutzen.

Nathan Benaich, KI-Investor

Der britische Investor Nathan Benaich von Air Street Capital.

Sie investieren in „AI-First“-Unternehmen („KI-Zuerst“). Was verstehen Sie darunter?
Das bedeutet, wenn man die KI aus dem Produkt herausnimmt, funktioniert es nicht mehr. Es ist ohne KI nicht möglich, Stimmen zu klonen und sie in verschiedenen Sprachen sprechen zu lassen, auch selbstfahrende Autos würde es  ohne KI nicht geben.  KI muss in den Kuchen eingebacken sein. Wenn sie fehlt, geht er nicht auf.

Sie haben schon früh in die Technologie investiert. 
Als ich vor  mehr als zehn Jahren begonnen habe, hieß es, dass KI eine Nische  ist. Das hat sich geändert. Firmen wie Synthesia, Eleven Labs oder Wayve dominieren heute ihre Branchen.

Viele haben Milliardenbewertungen. Ist das  noch rational?
Man konnte lange Zeit bei vielen der  KI-Labore sagen, dass sie überbewertet sind, weil sie keine Einnahmen hatten, aber trotzdem Milliarden wert waren, aber ich war nie dieser Meinung. Wenn man sich die Zahlen heute ansieht, sehen sie nicht so schlecht aus. Die Firmen sind kapitalintensiv, aber die Multiplikatoren sind nicht mehr abwegig. Die Kunden sehen den Wert, den ihnen die Technologie  bringt. Das lässt die Zahlungsbereitschaft steigen. Es ist wie in jedem Markt. Es gibt Bereiche, die überhitzt sind, andere sehen ganz ok  aus.

Wie unterscheiden Sie zwischen Hype und tatsächlicher Produktivität?
In der frühen Phase konzentriere ich mich auf Teams, die technisch versiert sind, sodass sie alles entwickeln können, was benötigt wird, um Kunden einen Mehrwert zu bieten. Wenn das Produkt da ist, sieht man, wie aktiv es genutzt wird und ob die Kundenbasis wächst. Das Spannende ist, dass viele der Tools von jedem genutzt werden können. Man muss nur eine kleine Lernkurve überwinden. Viele der Produkte, die wir heute haben, sind gut genug, damit jeder einen Wert von mindestens 100 Dollar im Monat daraus ziehen kann.

In welchen Bereichen sehen Sie derzeit das meiste Potenzial?
Es gibt viele spannende Bereiche. Auch im Arbeitsalltag gibt es noch Möglichkeiten. Physische KI ist ein Thema. Ich glaube, dass die Technologie in der Robotik funktioniert. Sereact aus Deutschland setzt Roboter mit integrierter KI  in  Lagerhäusern  ein. Es ist aber nicht so, dass man sich die Technologie einfach herunterlädt, es braucht  viel Arbeit vor Ort. Und dann natürlich die  Biotechnologie, wo KI u. a.  für die Wirkstoffentwicklung und die Krebstherapie genutzt wird. Oder der Verteidigungsbereich. Es gab noch nie einen wichtigeren Zeitpunkt, um unsere souveränen Kapazitäten auszubauen.

Im Unterschied zu vielen anderen Risikokapitalfirmen treffen Sie Ihre Investmententscheidungen alleine und nicht im Team.
Viele Ideen, die sich später als die besten erweisen, werden von der Mehrheit meist nicht dafür gehalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sie auswählt, ist sehr gering. Ich entscheide mich gerne gegen den Strom. Es geht auch um die Beziehung zu den Start-ups. Viele wollen einen Ansprechpartner, der Dinge umsetzt und sie nicht erst in einem Ausschuss besprechen muss. Es geht um Geschwindigkeit.

Es gibt sicher auch Nachteile.
Der Nachteil ist, dass wenn man nach Möglichkeiten sucht, zehn Personen  mehr sehen als eine. Aber diese Lücke schließt sich dank KI.  

Die EU will mit einer neuen Gesellschaftsform, der EU Inc, Investitionen in Start-ups ankurbeln. Bringt Ihnen das etwas?
Es vereinheitlicht und vereinfacht einen Prozess, der derzeit in fast jedem Land anders ist. Das Einzige, das Start-ups nicht haben, ist Geld und Zeit. Die EU Inc. macht Investieren effizienter. Wir müssen nicht alle Besonderheiten jedes Landes lernen.

Hat der KI-Boom ein Ablaufdatum? 
Es wird weiter wachsen. Denn alles, was früher Software, Marktplätze oder Hardware war, wird in KI umgewandelt. Wir sind noch in einer frühen Phase. Es ist erst etwas mehr als drei Jahre her, seit ChatGPT für Aufsehen gesorgt hat. Viele Unternehmen nutzen diese Tools noch immer nicht. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

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