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Lokalaugenschein
08/12/2015

Kein Favorit unter den Einkaufsstraßen

Wiens zweitälteste Shoppingmeile, die Favoritenstraße, bietet ein trauriges Bild: Viele Läden sind verwaist.

von Christina Rebhahn-Roither

Bunte Abverkaufsschilder, so weit das Auge reicht. Sie versprechen Nachlässe von bis zu 70 Prozent. Ein Billigladen nach dem anderen – nur unterbrochen von verwahrlosten Schaufenstern und gespenstisch verwaisten Geschäften. Die Favoritenstraße bietet ein trauriges Bild. Einzelne Kunden schlendern vorbei – kein reges Treiben, schon gar kein Ansturm.

Es wirkt nicht so, als würde man hier gerne einen Einkaufsnachmittag verbringen. Schon gar nicht bei dieser Hitze. Doch auf den zweiten Blick finden sich doch bekannte Ketten wie Deichmann, Tally Weijl oder McDonald’s. Ganz ausgestorben ist die Straße also noch nicht, obwohl mit dem einst erfolgreichen Bekleidungshaus Tlapa ein weiterer einstiger Kundenmagnet die Favoritenstraße verlässt.

Tlapa schließt

Massiv ragt das Modehaus Tlapa an einer Ecke der Einkaufsstraße in den Himmel. Hier kleidete sich das Favoritner Bürgertum früher für Bälle, Hochzeiten oder die Erstkommunion ein. Lange wird man den Schriftzug nicht mehr lesen können. Das 1873 gegründete Familienunternehmen wird seinen Standort im Jänner 2016 endgültig schließen, wie der KURIER berichtete. Noch sind die Kleiderständer gut bestückt – mit Hosen, Röcken und allerlei Oberteilen. Das nahe Ende merkt man an den Preisschildern. Es gibt Reduktionen von bis zu 70 Prozent.

"Luft nach oben"

Die Umgebung wirkt, zumindest teilweise, verlassen. Eine Frau, die der Straße noch immer eine Favoritenrolle zuschreibt, ist Dania del Tores: "Es gibt dort alles." Besonders in den hochfrequentierten Schmuckläden sieht die Mutter einen Reiz der Shoppinggegend. Auch Felix Uhl gibt an, ab und zu Ketten wie H&M oder Bipa zu besuchen. Der junge Mann räumt aber ein, dass sozusagen Luft nach oben vorhanden sei. Ein Peek & Cloppenburg beispielsweise fehle ihm hier.

Perspektivenwechsel

Können die Kunden der Favoritenstraße durchaus noch Positives abgewinnen, herrscht bei manchen Ladeninhabern und Angestellten gedämpfte Stimmung. Ein Verkäufer des Billigladens "Supergünstig" erzählt, sein Shop sei "wie ein Museum". Die Leute kommen rein, schauen sich alles an und gehen wieder. Verkaufen kann er diesen "Museumsbesuchern" wenig.

Anders umschreibt Michael Gnädig, Inhaber des gleichnamigen Leder- und Pelzgeschäfts, die Situation. Das Geschäft laufe "zufriedenstellend", es gebe Stammkunden, "die uns die Treue halten", und einen weiten Weg in die Favoritenstraße auf sich nehmen würden. Seit mehr als 30 Jahren hat der Händler hier seinen Sitz, und im Laufe der Zeit habe sich die zweitälteste Einkaufsstraße Wiens stark verändert. Einst sei die Gegend für günstige Preise und freundliche Beratung bekannt gewesen und habe auch Kundschaft aus anderen Bezirken angezogen. Diese Kunden kommen schon länger nicht mehr. Von den Anrainern allein können viele Läden aber nicht leben.

Auch Ermina Alkan, seit sechs Jahren Besitzerin des Friseurladens "chaarmant", verweist auf ihre Stammkunden. Die Gegend sei teilweise "schon ein Schandfleck", meint sie. In ihrem Salon schenkt die Friseurin der Kamera trotzdem ein charmantes Lächeln und beteuert, den Standort nicht wechseln zu wollen. Die Besucherfrequenz sei gestiegen.

Ob der nahe gelegene neue Hauptbahnhof zur Belebung der Straße beiträgt? Darüber ist man sich auf der Favoritenstraße nicht einig.

Trotzdem glücklich

Ermina Alkanist seit sechs Jahren Inhaberin des Friseurladens „chaarmant“. Obwohl sie in der Favoritenstraße wenig Laufkundschaft hat, möchte sie ihren Standort nicht wechseln und ist hier sehr glücklich.
Felix Uhlwohnt in der Nähe des Hauptbahnhofs und kauft deshalb manchmal in der nahe gelegenen Favoritenstraße ein. Eine Filiale der deutschen Modekette Peek& Cloppenburg fehlt ihm dort jedoch.
Dania del Tores bringt ihre Meinung zur Favoritenstraße auf den Punkt: „Es gibt dort alles!“ Sie bummelt gerne durch die Einkaufsstraße und besonders die vielen Schmuckläden haben es ihr angetan.

Oh, Maria hilf!

Einkaufsstraßen sterben einen langsamen Tod. Der Verfall zeichnet sich lange ab, bevor die Auslagenscheiben zugeklebt sind. Als Erstes sind internationale Handelsmarken weg: Ist die Kundenfrequenz zu gering, ziehen sie ab – bevorzugt in gut gehende Einkaufszentren. Damit geht ihre Magnetwirkung verloren.

Als Nächstes siedeln sich Diskonter wie Kik und Co. an. Wenn sich erst einmal Ein-Euro-Shops, Ramschläden oder Wettbüros breitgemacht haben, ist der Niedergang kaum noch zu stoppen.

Das Phänomen ist leider bei Shoppingmeilen in ganz Österreich zu beobachten. Und was tut die Stadt Wien? Sie pumpt zig Millionen Euro in die einzige Straße, die sicher keine Hilfe nötig hat – die Mariahilfer Straße.

Währenddessen blutet die Favoritenstraße weiter aus. In der Meidlinger Hauptstraße wurde die Sanierung des alten Pflasters – einer gemeingefährlichen Stolperfalle – jahrelang hinausgeschoben. Und in der Thaliastraße gibt es schon mehr Schnellimbisse als Geschäfte. Drei Beispiele unter vielen, wo die Millionen sinnvoller investiert gewesen wären als in das Prestigeprojekt in Mariahilf.

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